Dr. Marcus Willand: Lesen im Krisenjahr 2020

wbg Redaktion • 26 November 2020
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Lesen im Krisenjahr 2020: Alltags- und Forschungsperspektiven auf die Digitalisierung der Kulturpraktik Lesen

von Dr. Marcus Willand


Wir alle h1aben während des langen Jahres 2020 unser Medienverhalten verändert, haben ungelesene Bücher im Schrank und neue Mediatheken im Netz entdeckt, waren von Netflix gelangweilt oder haben uns jetzt doch endlich einen eReader bestellt. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zu den Veränderungen des Medienkonsums durch den Lockdown und eine wissenschaftlichen Tagung zu den Veränderungen der Kulturtechnik ‚Lesen‘ durch die Digitalisierung zeigen nicht nur das Potential der Digitalisierung für die Buchbranche auf, sondern machen auch Lust, sich mit der Vielfalt der neuen Lesepraktiken auseinanderzusetzen.

Corona und die Couch

Dieser Tage, Ende November des Jahres 2020, wird es den meisten Medienkonsument*innen wohl langsam mulmig zumute. Mit dem einsetzenden Bewusstsein für das Jahresende und der Gewissheit, dass uns die Pandemie auch im Folgejahr begleiten wird, kommt gleichsam der alljährliche Dezember-Reflex, ob der Welle unzähliger Jahresrückblicke abtauchen zu wollen. Welche Geschichten kann man von einer Retrospektive auf dieses Jahr wohl erwarten?

Eine trotz allem Unglück glückliche erzählt Deloitte, ein weltweit agierendes Unternehmen zur Wirtschaftsprüfung und Beratung, dessen Media Consumer Survey 2020 unbeabsichtigt zu der bedeutendsten, repräsentativen Erhebung des Medienkonsum in Zeiten der Pandemie wurde. Das Unternehmen hat dazu in drei, jeweils repräsentativen Umfragen vor, während und nach dem Frühjahrs-Lockdown (Februar, März, Juni) 2000 deutsche Mediennutzer*innen befragt, welche Medien sie in welchem Ausmaß konsumierten.

Wie aus heutiger Sicht zu erwarten, stieg die Nutzung gerade digitaler Medienangebote im Lockdown enorm an. 44% der Deutschen schauten im März mehr lineares Fernsehen, Mediatheken gewannen 55% neue Nutzer*innen und 45% der Abonnent*innen von Video-Streaming-Angeboten schauten mehr Serien und Filme als noch im Februar. Entgegen der Erwartung allerdings normalisierte sich das Medienverhalten im Sommer nicht über alle Medienformate hinweg, sondern in toto haben sich sogar knapp ein Drittel der neuen Medienroutinen habitualisiert. Das ist erstaunlich, allerdings zu differenzieren. Die großen Gewinner des Lockdowns sind Anbieter qualitativ hochwertiger, vor allem digitaler Medien wie Netflix & Co: die Krise als Chance für Paid Content-Unternehmen.

Was aber ist mit den Leser*innen von Zeitschriften, Zeitungen und Bücher? Bei Zeitungen ist wieder alles so ziemlich beim Alten, sowohl bei digitalen als auch analogen Formaten. Hoffnung für die Branche macht allerdings die Beobachtung, dass sowohl digitale Magazin-Flatrates als auch Bezahlschranken offenbar seltener als unüberwindbares Lektürehindernis wahrgenommen werden. Auch auf dem Buchmarkt wirkt die Pandemie als Motor des digitalen Medienwandels. Während das analoge Buch nach dem Lockdown nur wenig mehr Leser*innen als zuvor findet (5%), werden eBooks und eBook-Flatrates nachhaltig häufiger konsumiert, immerhin mit 15% mehr täglichen Leser*innen. Welche Rolle spielt also die Medialität des Buchs, die aufwendige und teure Hardcover-Gestaltung, der Buchfaden, wenn das Habitualisierte Buch-im-Sessel-aufschlagen im Verborgenen stattfinden muss? Lesen in Zeiten des Lockdowns als heimliche Annäherung an den in aller Öffentlichkeit zum Symbol des Kulturverfalls der westlichen Welt diffamierten eReader?

Digitales Lesen, digitale Lese-Communities

Das 2020 von Prof. Dr. Gerhard Lauer bei wbg academics publizierte Buch „Lesen im digitalen Zeitalter“ setzt sich mit Fragen dieser Art auseinander, ohne vom der Pandemie gewusst zu haben. Lauer schaut nicht nur voller Begeisterung und Vorfreude in die Gegenwart und Zukunft des digitalen Lesens, sondern begegnet kulturkritischen Vorbehalten seitens der Liebhaber gedruckter Bücher auch ausgesprochen versöhnlich (hier im Video-Gespräch mit seinem ZEIT-Online-Rezensenten Dr. Johannes Franzen und Dr. Marcus Willand; sein Buch kann im wbg-shop je nach Gusto als kostenloses eBook runtergeladen oder als klassischer Print bestellt werden).

Beteiligt war Gerhard Lauer auch an einer internationalen Konferenz, die vom 23. bis zum 25. November 2020 an der Universität Basel ausgerichtet wurde und digitale Lesepraktiken aus wissenschaftlicher Perspektive beleuchtet (Tagungsprogramm: Digital Practices. Reading, Writing and Evaluation on the Web). Die per Zoom virtuell gestaltete Tagung wurde organisiert von einem Forschungscluster, das in Basel und Zürich beheimatet ist und vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNSF) gefördert wird. Das Cluster Digital Lives beforscht auf umfassende Weise rezente Digitalisierungsprozesse in Politik, Ökonomie, Gesellschaft und Gesellschaftswissenschaften. Auf einen kleinen, aber aus geisteswissenschaftlicher Perspektive extrem wichtigen Teilbereich dieses Forschungsbereichs fokussierten sich die Tagungsorganisator*innen Dr. Maria Kraxenberger, Dr. Moniek Kuijpers und Dr. Thomas Messerli mit ihrer Veranstaltung: Die Frage, wie Lesen und Schreiben im Internet eine neue Heimat gefunden haben und wie sich die beiden Kulturtechniken unter den mediengebundenen Veränderungen entwickelt haben. Einen zentralen Ort für ganz unterschiedliche literaturgebundene Praktiken bilden sogenannte soziale Leseplattformen. Diese geben Leser*innen die Möglichkeit, sich online über ihre Leseerfahrungen und -eindrücke auszutauschen, Rezensionen oder sogar eigene literarische Texte zu schreiben. Dabei handelt es sich um alles andere als ein Nischenphänomen. Goodreads.com z.B. hatte im Juli 2020 über 90 Millionen Nutzer*innen, das deutsche Pendant Lovelybooks.de, das zur Holtzbrinck-Gruppe gehört, hat immerhin 1,9 Millionen Nutzer*innen im Monat, die über 60.000 Rezensionen zu den von ihnen gelesenen Büchern schreiben und lesen. Zwar gibt es noch keine offiziellen Zahlen zum Wachstum dieser Plattformen während des Lockdowns, die Annahme liegt jedoch nahe, dass Leser*innen dem Bedürfnis nach geselligem Gespräch oder kritischer Diskussion über ihre Lektüre jetzt vermehrt online nachgehen. Die Tagung trifft also nicht weniger den Zeitgeist des Krisenjahres als die deloitte-Studie, wobei beide den positiven Impact der Krise auf unser Verhältnis zu Medien und medienvermittelter Kultur betonen. Digitalisierung als Chance für Buchmarkt und Forschung!

Drei Tage lang präsentierten und diskutierten Forscher*innen aus aller Welt in knapp 30 Vorträgen ihre neuesten Studien zu digitalen Medienroutinen und -praktiken, wobei nicht nur das Buchlesen und -rezensieren im Fokus standen, sondern auch die produktiven Aspekte des digitalen literarischen Feldes, die selbst wieder zu Literatur führen: etwa die Entstehung von Fan Fiction auf der E-Book-Plattform wattpad.com, wo Leser*innen zu Autor*innen werden können, indem sie ihre Lieblingsromane weiter- und umschreiben. Als trending topics der Forschung haben sich folgende Aspekte digitaler Lesepraktiken herauskristallisiert:

·         Die Eigenschaften von Laienrezensionen auf sozialen Leseplattformen und die Möglichkeiten ihrer Evaluation. Die Forschung konzentriert sich dabei überwiegend auf die sprachlichen Eigenschaften der Rezensionen selbst (Stil, Grammatik, ausgedrückte Emotionen etc.), auf die von den Rezensionen hergestellten Bezüge zu den Büchern und nicht zuletzt auf die Identitätskonzepte, die Rezensent*innen durch ihr Schreiben über Bücher aufbauen.

·         Methodenreflexion. Es gibt eine Vielzahl an unterschiedlichen Möglichkeiten, online-Rezensionen automatisiert von einem Computer analysieren zu lassen. Eine sehr mächtige zur Verarbeitung großer Datenmengen ist der Einsatz von neuronalen Netzwerken, deren Funktionsweise vom Menschen noch nicht verstanden werden kann, die aber Ergebnisse produzieren, die vom Menschen interpretiert werden können. Inzwischen ist die Sprachverarbeitung dieser Künstlicher Intelligenzen so elaboriert, dass sie ganze Bücher schreiben, denen ihre ‚algorithmische‘ Autorschaft nicht mehr anzusehen ist (es gibt aber, natürlich, andere Algorithmen, die dies leisten können). Neben KIs kommen aber auch schon lange etablierte, computerlinguistische Verfahren der Korpusanalyse zum Einsatz, etwa wenn das Sentiment gemessen werden soll (also die positive und negative Ausprägung der in Rezensionen ausgedrückten Emotionen).

·         Die Involviertheit der Leser*innen. Für Autoren wie auch für Verlage wird sich dieses Forschungsfeld als besonders relevant erweisen. Dabei gilt es in einem ersten Schritt messbare Dimensionen zu bestimmen, die zeigen, wie fesselnd ein Buch für die Leser*innen war. Dazu gehört so etwas wie „Aufmerksamkeit“, „Verständnis“, „empathische Identifikation“ und „bildliche Vorstellungskraft“. Diese Dimensionen werden dann in den Reviews erfasst evaluiert. Es liegt nahe, diese Ergebnisse dann hinsichtlich ihrer Verteilung auf bestimmte Gattungen zu analysieren, etwa um herauszufinden, in welchem Ausmaß bestimmte literarische Handlungsstrukturen, Figurenkonstellationen oder Themen die Involviertheit der Leser*innen beeinflussen.

·         Das Leser*innen-Verhalten auf den sozialen Lese-Plattformen. Dort haben sich nämlich spezifische Nutzungsregeln etabliert – teilweise ohne dass diese reguliert worden wären. Diese Regeln erlauben im Bereich des social readings offenbar die Kommunikation verhältnismäßig privater Informationen, die an anderer Stelle (wie etwa bei einer öffentlichen Lesung) nicht diskursiviert worden wären. Die Forschung stellt hier die Frage nach der Motivation der Selbststilisierung, der Konstruktion einer Identität im Netz. Warum ist hier die Kommunikation von privater Lesererfahrung legitim, während sie im professionellen Feuilleton keinen Ort hat?

·         Interfaces/Lese-Geräte: Nicht erst seit an Schulen und Hochschulen pandemiebedingt digital unterrichtet wird, gibt es eine Vielzahl an Hypothesen zur Lesefähigkeit auf Tablets und anderen digitalen Lesegeräten. Ein großes Problem des Einsatzes solcher Geräte in Lernsituationen ist, dass diese zuvor im Kontext einer ganz anderen Medienpraxis genutzt wurden: das Spielen. So zeigen auch die wenigen Studien, die tatsächlich vergleichend Lesen mit Buch und Tablet untersuchen, dass die gerade bei schwächerer Lesefähigkeit und unter Zeitdruck das Lesen auf dem Tablet zu einem schlechteren Textverständnis führt.

 

Viele der auf der Tagung präsentierten Ergebnisse über Leseverhalten bestätigen erstaunlich direkt intuitive Annahmen, die wir aufgrund unserer Leseerfahrungen mit hunderten von Büchern gesammelt haben. So zeigte eine Analyse der Leser-Involviertheit beim Lesen, dass „Aufmerksamkeit“ die prädominante Rezeptionshaltung im Genre Thriller ist, „Einfühlung“ hingegen in Liebesliteratur. Wer jetzt aber denkt, „wofür dann der ganze Aufwand mit dem Computer, wenn ich das eh schon weiß“, sollte sich die komplexen Prozesse wissenschaftlicher Innovationslogiken vergegenwärtigen. Aktuell befindet sich die Forschung noch in der Phase der Etablierung digitaler analytischen Methoden zur Untersuchung von kulturellen Artefakten, die sonst ausschließlich zum klassischen Gegenstand geisteswissenschaftlichen Nachdenkens gehörten. „Digital Humanities“ nennt sich dieses junge Forschungsfeld. Konsolidierung und Evaluation computergestützter Methoden ist zur Zeit die wichtigste Aufgabe der Forschung in diesem Bereich. Studienresultate, die bisheriges Wissen wiederholen und bestätigen, sind für genau diese Phase extrem wichtig. Nur so wird man in Zukunft diese Methoden auf Gebieten anwenden und den Ergebnissen vertrauen können, in denen es keine „gefühlten“ Wahrheiten gibt.

Natürlich kann diese Übersicht der diskutierten Forschungsansätze nicht mehr als ein Ausschnitt der vielfältigen Themen der Tagung sein. Man wird jedoch auch in Zukunft davon zu hören bekommen, denn zum Großteil sind die präsentierten Funde nicht nur für die verhältnismäßig kleine Gruppe von (Computer-)Linguist*innen, Literaturwissenschaftler*innen und Digital Humanists einschlägig. Tatsächlich können in ihrer Bedeutung für den zukünftigen Buchmarkt kaum überschätzt werden. Dieser ist zwar chronisch schlecht vorherzusagen, durch den Medienwandel hin zu digitalen Lese- und Rezeptionspraktiken und der Analysierbarkeit der dabei produzierten Daten wird er in Zukunft aber um einiges besser verstanden werden können.

Nach dem Buch ist vor dem Buch. Literarische Anschlusshandlungen

Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Die Forschung setzt sich hier mit einem Phänomen auseinander, das höchste Sprengkraft für etablierte und über mindestens 200 Jahre bestehende Kulturpraktiken im Anschluss an die Buchlektüre hat. Immerhin hat sich und wird sich in Zukunft die Aneignung und Reproduktion der Kulturtechnik „Lesen“ durch die Digitalisierung drastisch verändern. Die Auswirkungen werden zahlreich, u.a. für den gesamten Bereich des (Literatur-)Feuilletons. Dieser basiert letztlich auf der Leit- und Empfehlungsfunktion des Kritikers, der Leser*innen eine distinguierte Rezeptionshaltung gegenüber einem Buch an die Hand gibt, etwa für eine informierte Bemerkung beim Gespräch auf der Cocktailparty. Dieses eingeübte und in gegenseitigem Einvernehmen praktizierte Modell der Dissemination kulturellen Kapitals von oben nach unten, also der Vermittlung von Bücherwissen durch Gelehrte oder Kritiker*innen an interessierte Laien ist nun nicht mehr alternativlos. Eine neue Art der Literaturkritik, eine die selbst von unten kommt, eine von den Lesern selbst gestaltete, hat eine gewichtige Stimme auf dem Buchmarkt bekommen. Man muss nicht in Selbstermächtigungsvokabular verfallen, muss nicht der so häufig für online-Phänomene veranschlagten Demokratisierung durchs Internet das Wort reden, um das potenzielle Ausmaß dieser Entwicklung zu skizzieren. Es reicht schon darauf hinzuweisen, dass Amazon die Plattform Goodreads bereits 2013 kaufte; damals hatte Goodreads gerade einmal 16 Millionen Nutzer und schon einen Verkaufspreis, der so hoch war, dass er nicht an die Öffentlichkeit gelangen durfte. 2019 waren es bereits 90 Millionen Nutzer. Leser*innen im Pandemie-Jahr 2020 dürfen träumen, wie viele eBooks sie sich für den Verkaufswert dieser social reading Plattformen anschaffen könnten. Oder einfach einmal ihrer Neugierde nachgehen und online schauen, wie die anderen Leser*innen dort ihr persönliches Lieblingsbuch verstanden haben. Sicher ist, dass Sie dort Anregung genug finden, sich auch durch den nächsten Lockdown zu lesen. Völlig egal, ob analog oder digital.


Haben Sie eine Meinung zum Thema „Digitalisierung des Lesens“?

Viele Funktionen der angesprochenen Plattformen finden Sie auch hier auf wbg-community.de, allerdings mit dem großen Alleinstellungsmerkmal, dass wir uns hier vor allem dem Sach- und Fachbuch widmen. Diskutieren Sie mit uns. Wir freuen uns auf Ihre Meinung!

Diskutieren und kommentieren können Sie das Thema auch hier:

Prof. Dr. Gerhard Lauer hat zentrale Thesen seines oben genannten Buchs „Lesen im Digitalen Zeitalter“ in essayistischer Form als Blog-Beitrag für unsere Community Plattform zusammengefasst: https://wbg-community.de/themen/gerhard-lauer-digitales-lesen.

Das oben erwähnten Gespräch mit dem ZEIT-Online-Autor Dr. Johannes Franzen (moderiert von Dr. Marcus Willand) finden Sie hier: https://wbg-community.de/themen/digitales-lesen-digitale-buecher-kulturverlust-oder-neue-potentiale-fuer-medium-buch  

Die Ergebnisse der Deloitte-Studie können hier zum Download angefordert werden: https://www2.deloitte.com/de/de/pages/technology-media-and-telecommunications/articles/mediennutzung-covid-19.html


1Autor: Dr. Marcus Willand, Literaturwissenschaftler an der Universität Heidelberg und Berater für digitale Strategien und Kommunikation.


Kommentare (2)

Thorsten Jacob

Höchst interessant und spannend zu lesen, äußerst zukunftsweisende Informationen. Mir persönlich gefällt der Aspekt von wattpad.com, eine faszinierende Idee der Interaktion jenseits der alleinigen Lesen-, Schreiben- und Kommentieren-Funktionen bzw. ein Hybrid aus allen Formen in Echtzeit (wenn man dieses denn möchte!).

[~2445] Vielen Dank für den Beitrag!!!

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