Denkerisch zwischen Zeit und Ewigkeit. Was Hegel und Nietzsche „verbindet“.

Andreas Pigler • 13 September 2020

Die Geschichte rächt sich an Denkern, im Sinne der Geschlechtsneutralität, die ihre Zeit in Gedanken fassen. Erst recht auch an jenen, die in die Zukunft weisen. Sind die einen zu schnell fertig, sodass es nach ihnen nichts mehr von Relevanz gäbe (Hegel), sind die anderen, die sich als Schicksal für die Zukunft deklarieren, selbst irgendwann – nur noch – Geschichte (Nietzsche).

Freilich, Hegel wie Nietzsche sind beide noch präsent. Wenn größtenteils nur als Teil des kulturellen, an Universitäten gepflegten, Erbes (aber selbst das ist im Verschwinden begriffen). Sonst hätte man schon voll und ganz in der Zeit zu stehen und zumal über sie hinaus zu sein (ein Kunststück, das meines Wissens bis zur Selbstverständlichkeit gehend nur jemandem wie Heidegger gelang, indem er geschichtlich die „große Runde“ macht, mit allen damit verbundenen Zweideutigkeiten).

Alle anderen fallen irgendwann zurück. Hinter die Schwelle entweder zur Gegenwart oder zur auszulotenden Zukunft. Sie werden selbst ex negativo ein Teil dessen, was über sie hinausragt, oder der eigenen Prophezeiung, behaftet mit allerlei atavistischem Beiwerk. Aber darin liegt auch ein Stück immerwährender Aktualität beschlossen, gesetzt, sie wird nicht überstrapaziert (es gibt auch ein gewaltsames „in die Gegenwart holen“). Ein Teil sei es der eigenen Überwindung oder der eigens zu überwindenden Prophezeiung zu sein, lässt solche Denker immer wieder zu uns aufschließen, und sind wir nur noch fähig zu erahnen, was sie uns in der oder jener Situation zu sagen haben.

Es liegt auf der Hand, dass sich wenigstens im Falle von Hegel die Sache vereinfacht – respektive verkompliziert – wenn die Vernunft nicht nur eine Geschichte hat, sondern diese Geschichte am Ende auch gleichsam zur Absolutheit vertilgt wird. Der historische Bezug bleibt dem Anspruch nach ephemer, gesehen sub specie aeternitatis. (Ich entsinne mich, einmal gelesen zu haben, ich weiß nicht mehr wo, dass wo immer man hingelangt, Hegel schon dort gewesen sei.) Ironischerweise waren es aber für mich nie so sehr die systematischen Werke, die mich an Hegel angezogen haben, einen erschlagend nicht nur durch ihren Umfang, auch durch ihre gedankliche Dichte, noch mehr waren es die kleineren Abhandlungen, die seine zeitkritische Meisterschaft bekunden; die „Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems der Philosophie“ (mit dem „Bedürfnis der Philosophie“), die Aufsätze im „Kritischen Journal der Philosophie“ – oder „Wer denkt abstrakt?“. Eine Sache abstrakt zu sehen, dies heißt nach Hegel, einen einzelnen Aspekt derselben, oder mehrere, zu isolieren, kann auf vielfältige Weise geschehen, wobei letztlich die eine nicht besser ist als die andere. Es ist wohl zeitlos, hierfür stets Beispiele im sozialen Alltag finden zu können, oder in der Medienwelt. Etwa wenn es heute zu genügen scheint, ein gewisses Alter erreicht zu haben, gepaart mit einem traurigen Schicksal (ob nun selbstverschuldet oder nicht), und wie billig einer schrulligen Art, um in einem Realityformat als Sieger hervorzugehen. Da ist schnell vergessen, dass daneben die jüngeren Generationen untergebuttert werden, ein Fehler bei ihnen doppelt so sehr zählt, während es doch die ältere Generation längst besser wissen müsste, sofern sie nur einmal wagte, auf sich selbst zu blicken.

Aber womöglich ist auch diese Kritik nur eine Abstraktion – und wer vermag schon zu sagen, wo das konkrete Ding hin verschwunden ist? Und ist es solcherart nicht der unüberbietbare Fortschritt Hegels zu glauben, das Konkrete noch einholen zu können, den wir mittlerweile als Illusion entlarven? Ist so Nietzsches artistische Befürwortung des Scheins, dem illusorischen Sein gegenüber, nicht unumgänglich die Konsequenz dieser Enttarnung?

Aber wo dieser Schein sich mithin als neues Sein anbietet, da drängen sich auch die Einwände auf: Diese Unterscheidung mag nur legitim sein, wenn es beides, Sein und Schein, im dialektischen Miteinander gibt. Und was gilt es eigentlich zu entzaubern, wenn beide Rollen vertauscht sind: als Ziel des Entzauberns der sonst durch dasselbe eliminierte Schein übrigbleibt? Diese Kategorien selbst noch in die Gleichung von „abstrakt versus konkret“ hineinzuziehen, entspricht zwar wiederum ganz und gar dem dialektischen Schema, aber doch nicht bis zur Folge getrieben, dass ständig ein Kategorienfehler begangen würde. Schlussendlich, ist es nicht Hegel, der uns gemahnt, dass auch der schöne Schein, und sei es als ein Reich noch ausbleibenden Sollens, wie von Nietzsche als „hinterweltlerisch“ verhasst, nicht ohne Realitätssinn sein kann, wie umgekehrt dieser nicht ohne utopischen Ausblick?

Aber wir haben uns bloß an Nietzsche selbst zu halten, um sehen zu können, dass auch er nicht völlig ohne die große Erzählung auskommt, ohne den metaphysischen Überbau, sprich den untröstlichen Trost der ewigen Wiederkehr, das ewige Ja des Willens, die Kunst als Retterin des Lebens. Nietzsche ist kaum vorstellbar, fehlte auch nur eine der beiden Komponenten: der zersetzende Geist, der das Neue mehr fordert denn befördert, zum einen, die heroische Gestik des Willens zum anderen, die ein Dionysisches feiert, das gleichwohl nur durch das Apollinische Gestalt gewinnt. Diese hier nur angedeuteten Ambivalenzen haben mehr als irgendetwas sonst etwas Tragisches an sich, so sehr sie Nietzsche weltanschaulich umkränzt. Im Übrigen lässt dieses Weltanschauliche ihn auch nicht völlig abgeschieden sein von der Tradition, bedenkt man nur die Linie, die über Mittlerfiguren, wie den späten Schelling, natürlich Schopenhauer, zur Lebensphilosophie des 19. Jahrhunderts führt.

Aber hier ist immer noch einer, der von sich als einem allgemeinen Schicksal spricht. Und zwar so, dass es hinfällig wirkt, ob man es ihm nun abkauft oder nicht. Diese Selbststilisierung aus der Sache oder aus Überheblichkeit (hier nicht zu entscheiden) hat der anderen des Vollenders der Philosophie (des nicht einzigen im Laufe der Philosophiehistorie) nur das Prophetische voraus, im wortwörtlichen Sinne der Projektion ins Zukünftige. Ansonsten ähnelt das eine dem anderen frappant. Wenn letztendlich die ewige Wiederkehr aus der Geschichte heraustritt, zugleich als deren Telos und Besieger, wo ist an dieser Singularität dann noch der wesentliche Unterschied zum platonischen Ideenhimmel? (Auch eine jede Idee gibt es nur einmal.) Kehrt die ewige Wiederkehr ewig wieder, so wird sie „endlich“ ihrem Namen gerecht, hat sich ihr Charakter als wahre Ewigkeit herausgestellt.

So vermag ich wohlgemerkt an beiden Denkern deren Schicksalhaftes vor allem in deren gegensätzlicher Archetypik, die aber aus der Zeit entsteht, zu sehen: Entweder die Vollendung, die immerhin einen Hergang suggeriert, noch zu Lebzeiten zu proklamieren oder, nicht weniger strebend nach Vollendung, das Ende allen Vollendens als wahres Ende wie als wahren Anfang auszugeben. Bleibt als Frage nur noch: Was ist allenfalls der nächste Schritt des Überbietens? Auch um nicht selbst, und sei es zumindest dem Anschein nach, in dieses Kalkül zu geraten, verbiete ich es mir hier, das Überbieten (nicht Vollenden) überhaupt infrage zu stellen.

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