Denken – eine Einladung

Jürgen Germann • 25 September 2021
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„Wissen teilen – weiter denken“ … ein guter Ansatz für vernünftige Verständigung und gemeinwohl-orientiertes Handeln

 

Was uns mitteilungsfähig macht: Denken und Sprache. Was uns verbindet: gegenseitiges Verständnis und nachvollziehbare Gefühle. Und was uns politisch zusammenhält: Teilnahme an dem Gemeinwesen.

 

Seit einigen Jahren hatte ich verstärkt den Eindruck, dass wir als Gemeinschaft von Bürgern und Menschen zu wenig miteinander aktiv und gegenseitig Kenntnisse und Verständnis suchen, weil wir einander als „Fremde“ zu selten ansprechen, zu wenig fragen, zu ungern miteinander über wichtige Belange sprechen.

Deshalb kommt ein weiterer Faktor zu kurz: wir üben meines Erachtens zu wenig die gegenseitige Verständigung mit Hilfe von gemeinsam verwendeter Sprache und Denken, um Verstehen und reflektiertes Denken und Argumentieren mitzuteilen und zu teilen. Stattdessen: zu viele Meinungen, Urteile und Aburteilungen, zu oft eigensinnige Forderungen und selbstgerechte Diffamierungen, oft besserwisserische Unfähigkeit, aktiv auch von anderen lernend sich geistig und praktisch zu bewegen.

 

Aber was tut sich denn bei mir? Ich habe mir vorgenommen, mein gesamtes Denken auszuschreiben, also alle Begriffe und Bereiche meines Wissens, Verstehens und Denkens schriftlich niederzulegen und damit zu belegen und nachzuweisen, zu welchen Einsichten ich inzwischen gelangt und zu welchen Gedanken-Formulierungen ich fähig bin. Dabei habe ich weder Lexika noch Werke anderer Autoren, keine „Bestätigungs-Zitate“ und keine wissenschaftlichen oder sonstigen Autoritäten zu Hilfe genommen, nur um damit meine Ansichten und Einsichten legitimieren, stärken oder stützen zu können.

 

Herausgekommen ist ein Skript „Denken – eine Einladung“,  das in 8 Bereichen und etwa 20 Kategorien meine gesamte gedankliche Welt-Sicht so darlegt, dass jeder Denkende und mitdenkende Mensch sie nicht nur verstehen kann, sondern jeden Gedanken und Begriff kritisch kommentieren, begründet widersprechen, Aussagen erweitern oder fortführen kann – oder dem einen eigenen Entwurf gegenüberstellen kann.

Wer sich so mit Denken auseinandersetzt, stellt sich zugleich einem größeren Publikum und dessen Gedanken und Einsichten, Urteilen, Argumenten und Einwänden.

Dabei ist klar: nicht ich werde von vorneherein definieren, was gut und wahr gedacht und zu formulieren ist. Sondern ich überlasse es dem Dialog – den Teilnehmern des „gebildeten Publikums“ und ihrem Diskurs, auf das Kant 1784 in seinem Aufsatz („Was ist Aufklärung?“) setzte, als es um die Frage ging,  w i e   denn und durch  w e n   Aufklärung erfolgen könnte. Er meinte und wünschte, es könne und werde eine  g e g e n s e i t i g e   Aufklärung des „gebildeten Publikums“ geben.

Wer dazu gehöre und wie herausgefunden wird, was „wahr“, richtig oder gut sei, kann sich aber erst im offenen und öffentlichen sowie fairen Dialog erweisen und bewähren – anders als ausschließlich in geschlossenen Zirkeln von Professionen, Akademien, Weltanschauungen, ideologischen Lagern, Dogmen und Parteien.

Weiter ergab meine Inventur  des Denkens: anders als die beliebte, oft zitierte Formel Kants („Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ...“), möchte ich ergänzend klarstellen, dass ich ohne Leitung und Beteiligung von anderen Menschen niemals so wie real geschehen Denken, Zuhören, Argumentieren und Widerlegen (dialogisch und dialektisch) gelernt hätte.

Mein Skript und Begriffsverzeichnis „Denken – ein Einladung“ (siehe PDF-Anlage)  ist damit zu einer dankbaren Würdigung der Beteiligung an der Bildung meines Denkens und Geistes geworden: hunderte Gesprächspartner in Familie, Freundes- und Bekanntenkreisen, in Kollegien und unter jungen Menschen in Schulen und anderswo, zahlreiche Skripte, Artikel, Fachaufsätze, Zeitungsberichte, Kommentare und natürlich Bücher auch weltbekannter Autoren, die alle mein Denken herausgefordert und mitgeformt haben, das sich immer im Dialog bewähren musste.

Wissenschafts-, Amts-, Belesenheits- oder sonstige Autoritäten sind nicht die einzige oder immer entscheidende Instanz dafür, was man – jedermann – als „wahr“, richtig, gut oder klug und nützlich anzuerkennen habe. Wahrheiten müssen frei mitgeteilt und können nur freiwillig bestätigt werden. Sie leben nur im lebendigen Bewusstsein von nachdenkenden Menschen, nicht in Buchstaben und Schriften und von ihrem öffentlichen Ansehen.

Zuletzt: gut und richtig denken, verständlich formulieren, fair und (selbst-)kritisch mit Denken und Denkenden umgehen, differenziert argumentieren und vernünftig reflektieren – „weiter denken“, was das eigene und gemeinsame Denken angeht –  sind Grundlagen für die so oft beschworene Kommunikation, lebendigen Austausch und gemeinsame Weiter-Entwicklung von Gedanken, die zu sachlich fundierter Urteilsfindung, nützlichen Entscheidungen und praktischem Handeln führen können.

JG

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Kommentare (2)

Marcin Lupa

Auch an dieser Stelle möchte ich mich für die Einladung zum mitdenkenden Dialog bedanken.

Dabei stoße ich gerade persönlich auf eine Grenze im Bereich der Emotionalität. Obwohl die Motivation zu einem weiteren "im Dialog bleiben" vorhanden ist, drückt mich die Stimmung auf den unproduktiven Boden.
Ein Facharzt stellt sehr schnell eine Diagnose und formuliert salopp ich sei depressiv. Für mich ist es eher eine Melange an Gefühlen, abgeleitet von dem Empfinden, dass ich von meinem Arbeitgeber unfair behandelt werde. Und diese Empfindung schmälert mir das Erlebnis der Freude an der Kommunikation.
Einen Versuch wage ich dennoch und komme aus meinen Büchern hervor. Sie sind mir neben den Gesprächen mit meiner Frau und Tochter momentan der größte Trost.

Daher gilt mir manchmal der Ausspruch von Sophocles: "Nicht geboren worden zu sein, ist für die Erdbewohner am besten".

Dazu: https://www.deutschlandfunkkultur.de/froehliche-pessimisten-da-gibt-es-…

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  • Túlio Augusto Lobo

    Der Dialog ist von grundlegender Bedeutung für das Gemeinwohl und für unsere persönlichen Erfahrungen. In dieser Kunst liegt eine poetische Schönheit, die viele ablehnen, weil sie nicht zuhören, sondern nur reden wollen.
    Es geht nicht darum, Recht oder Unrecht zu haben, sondern um Ihre Offenheit, über den Vorschlag des anderen nachzudenken, einen Dialog darüber zu führen und, ob Sie nun anderer Meinung sind oder nicht, offen zu sein für diese kleine, vergessene Kunst: "Zuhören".

    Danke für diesen Text, liebe Jürgen Germann
    Ihr Text deckt sich mit meinen jüngsten Studien.

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