David G. Marwell - Mengele. Biografie eines Massenmörders

Lara Hitzmann • 22 Februar 2022
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Rezension: David G. Marwell -  »Mengele. Biografie eines Massenmörders« (2021)


Der Historiker David G. Marwell liefert mit seinem 2021 bei der wbg erschienen Buch »Mengele. Biografie eines Massenmörders« eine ausgiebige Beschreibung des Lebens einer der zentralen Akteure des Nationalsozialismus. 


Marwell leitet die Biografie mit der Erläuterung seiner eigenen Herangehensweise ein und schildert – ähnlich spannend einer amerikanischen FBI-Serie – wie er in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Regierung das Leben Dr. Josef Mengeles untersuchte, ihn suchte und schließlich seine Überreste fand. Er berichtet über die Faszination und die Abscheu, mit der er Mengeles Leben Stück für Stück auseinandernahm und wie ihn dieser Mensch nicht in Ruhe lassen konnte, sodass er gut 30 Jahre nach dem Abschluss der Untersuchungen beschloss, eine Biografie über den »Todesengel von Auschwitz« zu schreiben.
Als Quellen, so gibt Marwell an, sind neben zahlreichen Urkunden und Zeitzeugenberichten die autobiografischen Texte Mengeles, die dieser kurz vor seinem Ableben verfasste. Im ganzen Text finden sich immer wieder Ausschnitte aus den Quellen, sowie weiterführende Belege in den Fußnoten.
Was Marwell uns nicht mitteilt: Neben der Leitung der Untersuchungen und Suche Mengeles und Klaus Barbie war der Historiker anderem als Direktor des Museum of Jewish Heritage, als Präsident des Leo Baeck-Instituts New York/Berlin, im Holocaust Memorial Museum in Washington und als Zeithistoriker Direktor des Document Center in Berlin tätig. 


Die eigentliche Biografie beginnt chronologisch mit der Kindheit und schulischen Ausbildung Josef Mengeles, sowie seinem Elternhaus. Im Anschluss daran wird die Zeit seines Medizin-, Anthropologie- und Humangenetikstudiums beleuchtet, in der er keinesfalls als sonderlich kompetenter oder motivierter Studierender auffiel. Hier zeichnet sich allerdings bereits sehr früh Mengeles Interesse an der »Rassenhygiene« ab, einem schon vor dem Aufstieg des Nationalsozialismus weit gefächerten Forschungsgebiet. 


Nachdem die Nationalsozialist:innen immer mehr an Einfluss gewannen, wurde die Medizin zunehmend an ihre Ideologie angepasst: Im Vordergrund stand keinesfalls mehr die Gesundheit des Patienten, sondern die des »Volkes« (nach der Interpretation der nationalsozialistischen Ideologie). Am 05.04.1933 forderte Adolf Hitler die »Rassenhygiene« als Hauptverantwortung des deutschen Arztes, der sich Mengele ganz verschrieb. Neben den Schilderungen zu Mengeles medizinischer Laufbahn ist hier besonders seine Beziehung zu seiner späteren Frau Irene interessant, die sich nach seinem Eintritt in die SS zahlreichen Prüfungen unterstellen muss um zu demonstrieren, dass die beiden heiraten dürfen. Es wird deutlich, wie viel Einfluss die SS in das Privatleben ihrer Mitglieder nahm und wie sehr dies toleriert, wenn nicht sogar gewünscht wurde. An dieser Stelle zeichnet Marwell eine ganz persönliche und verletzliche Seite des Nationalsozialisten.
Die nächsten Kapitel bieten einen interessanten Einblick in den Aufstieg des Nationalismus und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges aus der Sicht der Nationalsozialist:innen. Für Mengele stand die Teilnahme an der »Division Wikings« an, die unzählige Juden und Jüdinnen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges ermordet hat. Einige Historiker:innen und Leihen schreiben Mengele gern eine Posttraumatische Belastungsstörung zu. Marwell gibt zu denken, dass falls Mengele daran gelitten haben sollte – wovon er sich stark distanziert – sich diese in dieser Zeit zugezogen hatte. 
Nach der Station in der »Division Wikings« kam Mengele 1943 nach Auschwitz und wurde in der »Hauptstadt des Holocausts« (Peter Haye) zum Todesengel von Auschwitz. Dort blühte das »medizinische« Talent Mengeles richtig auf. Ohne zu viel vorweg zu nehmen, behandeln die kommenden Kapitel Mengeles Zeit in Auschwitz und seiner anschließenden Flucht vor den Alliierten sowie sein späteres Leben in Brasilien und die Beziehung zu seinem Sohn. 


Resümierend glänzt Marwells Darstellung durch zahlreiche Quellen, Bilder und Belege, mit denen sich der Historiker kritisch auseinandersetzt. Marwell entmystifiziert dadurch den Massenmörder auf eine sehr spannende und gleichermaßen sachliche Weise, ohne an irgendeiner Stelle sympathisierend zu werden oder romanhaft zu wirken.
Einzig ungewohnt ist Marwells Umgang mit nationalsozialistischen Begrifflichkeiten. Einige Begriffe werden durch Anführungszeichen als fremd gekennzeichnet, andere nicht. Man hätte dieses Problem durch eine kleine Einführung in den Umgang mit solchen Begriffen auflösen können. Gerade für diejenigen, die sich nicht intensiver mit dem Nationalsozialismus beschäftigt haben, könnten diese Aussparungen viele offene Fragen eröffnen. 
Generell richtet sich dieses Buch an alle, die sich auf nüchterne, amerikanische Art und Weise einen anderen Blickwinkel auf die Zeit des Nationalsozialismus werfen möchten und dies mit Quellen und Bildern auf gut 400 Seiten genauer ergründen möchten, im Besonderen auf Mengele oder die »medizinische Forschung« des Nationalsozialismus. 
Außerdem hat sich Marwell mit der Biografie an ein zumindest auf dem deutschen Markt kaum thematisiertes Gebiet gewagt, solche wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zu Dr. Josef Mengele, die für die breite Bevölkerung qualitativ hochwertig und verständlich aufgearbeitet wurden, gibt es zurzeit nicht. 


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Marwell, David G.

Mengele

Biographie eines Massenmörders

Auf den Spuren des »Todesengels« von Auschwitz: Wer war Josef Mengele?

Intelligent, ehrgeizig, skrupellos: Dr. Josef Mengele wurde zum Synonym des Bösen schlechthin. Er gilt als einer der berüchtigsten Kriegsverbrecher der NS-Zeit. An der Rampe des Konzentrationslagers Auschwitz II (Birkenau) begutachtete er die neu angekommenen Juden und pfiff während der Selektion Arien. Die Mehrheit der deportierten Juden wurde sofort in den Gaskammern ermordet. An unzähligen Gefangenen führte Mengele unmenschliche Experimente durch. Obwohl er seit 1945 auf internationalen Fahndungslisten stand, konnte er bis zu seinem Tod 1979 unbelangt in Südamerika leben.

David G. Marwell hat als Spezialist im US-Justizministerium an der Strafverfolgung nationalsozialistischer Kriegsverbrecher mitgewirkt. In dieser umfassenden Biografie zeichnet er das Leben Mengeles nach: nüchtern, klar und präzise.

  • Medizin ohne Menschlichkeit: Wie wurde Mengele zu diesem fürchterlich fehlgeleiteten Arzt?
  • Leben und Karriere von Josef Mengele: ein wichtiger Beitrag zur Dokumentation des Holocaust
  • Teils Biographie, teils Thriller, teils Detektiv-Story: gründlich recherchiert und akribisch dokumentiert
  • Flucht vor den Auschwitz-Prozessen nach Südamerika: Hat die Justiz versagt?
  • Das fesselnde Lebenswerk von Historiker und Nazi-Jäger David G. Marwell

Hitlers Helfer: die Biografie von KZ-Arzt, Massenmörder und NS-Kriegsverbrecher Mengele

Mengeles Leben zwischen 1945 und 1985 liest sich beinahe wie ein Thriller in Zeiten des Kalten Krieges: zwischen Mossad, BND und Burda, zwischen den US-Nazijägern und Mengeles Familie in Günzburg, zu der er bis zu seinem Tod Kontakt hielt.

Wie gelang es dem KZ-Arzt, in den Wirren der Nachkriegszeit unterzutauchen und sich erfolgreich der Justiz zu entziehen? David G. Marwell war an der internationalen Fahndungsaktion nach dem NS-Verbrecher beteiligt. In der bisher gründlichsten Biografie Mengeles erzählt er die Geschichte einer Wissenschaft ohne Moral, einer Flucht ohne Freiheit und schlussendlich der Lösung eines Falls ohne Gerechtigkeit.


AutorDr. David G. Marwell

David G. Marwell (* 1951) war Direktor des Museum of Jewish Heritage sowie Präsident des Leo Baeck-Institut New York/Berlin. Vor seiner Arbeit im United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C. war der Zeithistoriker Direktor des Document Center in Berlin und des JFK Assassination Records Review Board und arbeitete im Office of Special Investigations des US-Justizministeriums. In dieser Position war Marwell verantwortlich für die Durchführung von historischer und forensischer Forschung zur Unterstützung der Strafverfolgung nationalsozialistischer Kriegsverbrecher, unter anderem für die Fälle Klaus Barbie und Josef Mengele.

Kommentare (4)

Gabriele Jung

Liebe Frau Hitzmann,
eine sehr lesenswerte Buchrezension. Nachdem ich im Großraum Günzburg aufgewachsen bin, war das Leben Josef Mengeles bereits bei uns im Geschichtsunterricht ein intensiv diskutiertes Thema.
Ich habe zwar bisher nur die ersten Seiten des Buches gelesen, aber Ihren Eindruck kann ich nur bestätigen: ein sehr spannend geschriebenes Buch mit viel Hintergrundwissen.
Wenn man sich noch weiter mit dem Untertauchen der NS-Größen nach 1945 beschäftigen möchte, kann ich das Buch des britisch-französischen Juristen Philippe Sands, Die Rattenlinie - ein Nazi auf der Flucht empfehlen. Es ist die Geschichte der Flucht des SS-Mannes und Gouverneurs des Districts Krakau im besetzten Polen Otto Wächter und beschreibt ebenfalls sehr eindrücklich die Rolle unterschiedlichster Organisationen (Geheimdienste, Vatikan etc) bei der Fluchthilfe für untergetauchte Nationalsozialisten.

Lara Hitzmann

Vielen Dank Frau Jung! Ja, Marwell beschäftigt sich auch mit der Zeit nach dem Ende des 2. Weltkrieges, an manchen Stellen hat das Werk etwas von einem True Crime Buch! Und ich danke Ihnen für Ihren Literaturtipp. Möglicherweise liegt es an meinem eingeschränkten Wissen über die NS-Zeit, aber über das Schicksal der NS-Verbrecher:innen habe ich bislang vergleichsweise wenig gelesen oder gehört, abgesehen von den Prozessen in Deutschland.

Gabriele Jung

Liebe Frau Hitzmann,
wir Älteren haben Ihnen allein mehr Lesejahre voraus und Sie haben aus meiner Sicht überhaupt kein „eingeschränktes Wissen über die NS-Zeit“. Mein Eindruck ist, man muss sehr intensiv suchen, um Literatur zu finden, die sich mit dem Verbleib ehemaliger NS- Funktionsträger beschäftigt, seien sie nun untergetaucht wie Mengele oder in neuen Funktionen im politischen und gesellschaftlichen Leben der jungen Bundesrepublik erneut zu „Amt und Würden“ gelangt. Das war und ist wohl nie ein populäres Thema gewesen. Und deshalb freut es mich sehr, dass Sie jetzt dieses Buch vorgestellt haben.

Lara Hitzmann

Gabriele Jung Ich danke Ihnen! Und auf Ihren Lesetipp bin ich sehr gespannt. Es ist schade, dass das Thema nicht mehr Aufmerksamkeit erhält.


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