Corona – Krise der Ethik

Gerhard Joseph Lindenthal • 25 Juni 2020

Vorwort

In dem Folgenden versuche ich mich an einer Rezension des Buches von Heiner Fangerau und Alfons Labisch »Pest und Corona« (Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Freiburg Breisgau 2020. 192 S.). Es ist ein Versuch, denn die Habhaftwerdung, ein Wort, das bisher auf Diebe Anwendung fand, des Gegenstandes des Buches scheint selbst einem Versuch zu unterliegen. Als Objekt des Buches kann die gegenständliche Beschreibung einer Materie, die sich weitestgehend menschlichen Kenntnissen entzieht, angesehen werden. Der Inhalt dieser Schrift umfasst mithin die beiden Topoi: a eine national und international sich auswirkende gesundheitspolitische Krise, die sich b auf das Geschehen einer neuartigen Seuchen-Erkrankung epidemischen Ausmaßes bezieht, deren adäquate oder nichtadäquate rein politische Bezugnahme selbst wiederum Anlass geben könnte, sie zu einem (einer ethischen oder politischen Rechtfertigung unterliegenden) Kritik-Punkt zu erheben, was aber gegenwärtig als verfrüht erscheint. Somit verbleiben zwei Punkte: Deskription und Adskription einer Erscheinung, auf die allem Anscheine nach die westlichen Industrie-Gesellschaften in gar keiner Weise vorbereitet gewesen sind. Unter Deskription und Adskription sind phänomenologisch die historische Beschreibung eines zeitweise massenweise asymptomatisch und symptomatisch auftretenden Krankheits-Geschehens, das adskriptiv (zuschreibend in dem Sinne von was ihr zukommt oder ihr beigemessen werden muss) bisher keine Zuwendung gefunden hat, zu verstehen. Die notwendige Adskription dieses Phänomens erscheint folglich als die offene Flanke in dessen ontologischer (nichtsdestotrotz aber auch theologischer) Argumentation, was die Diskutanten bisher offensichtlich übersehen haben, deren Fachgerechtheit auf einen stattgehabten politischen Konflikt zwischen Robert Koch (1843–1910) und Max von Pettenkofer (1818–1901) hinweist (vgl. „Pettenkofer versus Koch“, S. 78–79).

Der Leitspruch des Buches, der einem Diktum Max von Pettenkofers entnommen worden ist, deutet in dieser krisenhaften Situation eine grundlegende Unentschiedenheit, besser gesagt, generelle Unentscheidbarkeit, der sich die gegenwärtigen Entscheidungsträger ausgesetzt sehen, an. Von Pettenkofer hebt in einer Schrift einen Gedanken hervor, der bei einem Chemiker nicht zu vermuten wäre, den, dass „der freie Verkehr […] ein so großes Gut“ (»Was man gegen die Cholera thun kann«. Ansprache an das Publikum. München 1873) darstelle, dass dessen Entbehrung selbst umwillen einer Cholera-Verschonung nicht hinnehmbar sei (S. 5). Er schreibt: „Eine Sperre des Verkehrs bis zu dem Grade, daß die Cholera durch denselben nicht mehr verbreitet werden könnte, wäre ein viel größeres Unglück als die Cholera selbst.“ Das, was gegenwärtig auf dem Spiel steht, stand bereits vor einhundertundfünfzig Jahren auf dem Spiel, die Freizügigkeit des kaufmännischen Verkehrs, des Umgangs mit Waren, des Umsatzes und Vertriebs von Waren, kurz, der Waren-Betrieb. Aber das Wort ‚Verkehr‘ weist in einer weiteren Perspektive auf einen Umgang, der nur in gesellschaftlicher Berührung stattfinden kann, hin. Die Freiheit, die in unseren Tagen geradezu als ein Recht erscheint, des Waren-Verkehrs und des gesellschaftlichen Umganges und Austausches, die letztgenannte als grundlegend für ein demokratisches System anzusehen ist, wird offensichtlich zugunsten von Einschränkungen, deren Ergebnis zweifelhaft ist, fallen gelassen.        

Die Rechte eines freien und ungehinderten Waren-Verkehrs und eines freien und unbehinderten gesellschaftlichen Austausches scheinen aber in einer thematischen Diskussion noch gar nicht angesprochen oder erfasst worden zu sein. Bevor überhaupt eine gesellschaftliche Diskussion über die (als zeitweise annoncierte) Aufhebung dieser Rechte stattfinden konnte, wurde von den Regierenden eine Normalität verordnet, die äußerst unwirklich erscheint. Die äußerste Unwirklichkeit der gegenwärtigen Situation scheint sich aber noch zu verschärfen, wenn bedacht wird, dass sich deren dezidierte Krisenhaftigkeit in immer kürzer werdenden zeitlichen Abständen ereignet: 2008/09 geschah eine finanzpolitische Krise, elf Jahre später eine gesundheitspolitische Krise, wird sich neun Jahre später eine wirtschaftspolitische Krise noch größeren Ausmaßes ereignen, die endgültig Alles zu einem Einstürzen bringt?

Der Hinweis, mit dem die Autoren des Buches den Blick anfangs auf die sehr ernst zu nehmenden Aussagen Max von Pettenkofers lenkten, muss in einer noch viel grundlegenderen Weise bedacht und neu überdacht werden, wenn wir uns nicht von den Regierenden in eine Situation hineinzwingen lassen wollen, aus der es kein Herauskommen mehr geben kann, weil sie sich als eine Falle erwiesen haben dürfte. Die in diesem Zusammenhang stehenden Aussagen Max von Pettenkofers müssen auf unsere Gegenwart übertragen, das heißt, modifiziert, werden, wenn gewährleistet werden soll, dass a von Pettenkoffer sie nicht vergebens geäußert hat und b die gegenwärtige Krisen-Befallenheit der westlichen Welt in einen Kontext, der ihrer Bedeutung einzig gerecht wird, einzuordnen ist. Mit anderen Worten, wir müssen uns unsere Augen, wie es eine Grundforderung der phänomenologischen Forschung Edmund Husserls, des akademischen Lehrers Martin Heideggers, war, für die Erscheinungen, und nur für diese, schärfen lassen, wir müssen wieder wahrzunehmen lernen, dass wir auf die Erscheinungen, und nur auf diese, Acht zu geben haben, die nicht durch eine Blindheit befördernde politische Rhetorik verstellt werden dürfen.

Wenn, ungeachtet dieser Forderung, der österreichische Bundeskanzler die gegenwärtige gesundheitspolitische Krise als die „größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“ (S. 11) bezeichnet, dann verkennt diese Art von zu Erblindung führender Rhetorik, dass Herausforderung (gr. πρόκλησις) etwas vollkommen Anderes als κρίσις (dt. Entscheidung, Beurteilung) ist. Der Unterschied besteht in der Differenz, dass man sich einer Herausforderung stellen kann, einer Entscheidung aber sich stellen muss. Diese Differenz scheint von dem österreichischem Bundeskanzler nicht bedacht worden zu sein, obwohl in ihr eine ethische oder politische Gesinnung zu Tage tritt, die in ihrer Anwendung des Wortes ‚Herausforderung‘ auf einen Vorgang, der einer Unzahl von Menschen den Tod einbrachte, nur als zynisch zu bezeichnen ist. Um wieviel mehr ist es anerkennenswert, wenn der nordrhein-westfälische Ministerpräsident von der „größten Bewährungsprobe der Landesgeschichte“ (S. 11) spricht, denn Krise bedeutet auch Erprobung. Gebe Gott, dass wir diese Erprobung bestehen.

(In der nächsten Fortsetzung wird das Einleitungs-Kapitel abschließend behandelt, um sodann zu dem ersten Kapitel „Covid-19. Die aktuelle Situation“ überzugehen).                                 

Kommentare (2)

Ulrich Hoffmann

Danke für diese Mahnung an uns alle. Für mich ein wenig zu kryptisch, aber mit Sicherheit ist dieses meiner mangelnder philosophischer Kenntnisse geschuldet!

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  • Gerhard Joseph Lindenthal

    Sehr geehrter Herr Hoffmann,

    sehr herzlich (keine Rhetorik) danke ich Ihnen, dass Sie sich auf meine ethischen oder ethisch gemeinten Ausführungen, die in gar keiner Weise kryptisch sein wollen, eingelassen haben. Ihre Einlassung gibt mit Gelegenheit, deren Intentionen zu überdenken, gegebenenfalls dieselben zu korrigieren, sie aber an dieser Stelle ein wenig zu erklären.

    Ich schrieb, dass es ein Versuch sei, was ich mit einer Rezension dieses Buches (Heiner Fangerau u. Alfons Labisch: Pest und Corona. Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Freiburg Breisgau 2020. 192 S.) sagen wollte. Ein Versuch kann gelingen, er kann aber auch misslingen. Jetzt, nachdem ich in der Lektüre des Buches, das, auch wegen seiner Neuartigkeit oder der Neuartigkeit seines Inhaltes, mehrmals konzentriert zu lesen ist, weiter vorangekommen bin, wie ich meine, erkenne ich, wie vollkommen unzureichend und vollkommen fragmentarisch mein Versuch gewesen ist. Nichtsdestotrotz bereue ich ihn aber auch nicht, sondern er hilft mir, den in dem Buch angesprochenen Sachverhalt noch tiefer und noch gründlicher anzugehen und zu bedenken.

    Ein Zweites. So sehr fragmentarisch mein (informatives oder performatives) Denken ist und bleiben wird, so sehr ist es auf den Vorgang der Kommunikation mit anderen denkenden Wesen, wie beispielsweise Sie es sind, angewiesen. Was wären die Schriften Kants, wenn es keine Leser geben würde, die sie rezeptieren oder rezipieren würden, so dass sie tradiert werden können.

    Nun zu Ihrer Einlassung. Was ich nicht vorhatte, war ein Mahn-Schreiben. Ich wollte niemanden ermahnen, was ich will, ist, ich will herausreißen. Ich will Menschen aus ihrer Lethargie und Gottverlassenheit herausreißen. Das ist der höchste Anspruch, mit dem man sich selber belegen kann. Aber ein niedrigererer wäre unserer Zeit, wie ich finde, völlig unangemessen, denn die Frage ist, wieviel Zeit haben wir noch, wieviel Zeit bleibt uns noch.

    Ich selber stehe in einem Lebensalter, in dem die Frage nach dem Tod drängend an mich herantritt. Ich will nicht sagen, dass ich die Kälte seiner Hand bereits deutlich verspüre, ich erfreue mich bester Gesundheit, aber ich kann nicht leugnen, dass es nur noch wenige Jahre sein werden, die Gott mir schenkt, bevor er mich in seine ewige Ordnung aufnehmen wird, wie er es mit meinen Vätern und Vorvätern getan hat. Vor diese (in Gelassenheit anzugehenden) Frage nach Tod und Ewigkeit gestellt, hat es mich (und meine ganze Familie) jedoch in äußerster Weise erschüttert, was gegenwärtig passiert, die politische Außerkraftsetzung des öffentlichen Lebens, vor die Max von Pettenkofer eindringlich gewarnt hat, ist, wie ich finde, beispiellos.

    Wenn aber ein politischer Vorgang beispiellos geworden ist, dann ist die Zeit gekommen, zu fragen, was dieser Vorgang in seiner Eigentlichkeit und Beispiellosigkeit denen sagen will, die ihn zu erleiden haben, denn die Regierenden, die ihn angeordnet haben, bleiben von seiner Beispiellosigkeit unbetroffen, es ist immer nur die Bevölkerung, die unter der Ungerechtigkeit der Regierenden zu leiden hat. Das Ausmaß des Leidens der Völker, die umwillen der Willkür der Reichen hingeschlachtet werden, muss Anlass geben, nach einer Gerechtigkeit zu fragen, die allen Menschen gilt.

    Letztens. Jede philosophische Bildung ist mangelhaft, denn die Fülle, in der sich die abendländische philosophische Bildung von Aristoteles bis Heidegger ausspricht, kann von der kurzen Zeitspanne eines Lebensalters nicht erfasst oder aufgenommen werden. Um nur ein Beispiel zu wählen. Selbst wenn man nur mit Heidegger, bei diesem nur mit seinem Schwarzen Heften, sich beschäftigen würde, müsste man einer Literatur-Flut Herr werden, die für einen Einzelnen unbewältigbar bliebe.

    Aber auch hier ist bereits Abhilfe geschaffen. Man sollte, wie ich finde, sich derjenigen Ordnung anvertrauen, für die jeder Mensch erschaffen worden ist. Diese Ordnung kann nicht fehlgehen.

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