Ciceros Bestimmung des Menschen

Gerhard Joseph Lindenthal • 29 Juli 2020

Wir alle meinen, wenn wir das Wort ‚Sexualität‘ hören, was mit ihm gemeint ist. In dieser Annahme unterliegen wir aber einem folgenschweren Irrtum. Fragen wir zunächst nach seiner wirklichen Bedeutung. Das Wort ‚Sexualität‘ besteht aus zwei Elementen, erstens aus dem lateinischen Adjektiv ‚sexualis, is, e‘, das von dem Substantiv ‚sexus, ūs m.‘ abgeleitet ist, und zweitens aus dem angehängten Wortbildungselement -tät. sexus bedeutet das männliche und weibliche Geschlecht, Cicero schreibt in »De inventione«, „Atque hominum genus et in sexu consideraturvirile an muliebre sitet in natione, patria, cognatione, aetate.“ – „Wie die Menschengattung sowohl nach dem Geschlecht betrachtet wird, ob sie männlich oder weiblich sei, (so kann sie) auch nach der Abstammung, dem Vaterland, der Sippe, dem Zeitalter/der Epoche (betrachtet werden).“ An dieser Stelle lassen sich vier differente Begriffe ausfindig machen, genus, sexus, natio und cognatio, die den Menschen, oder was ihm wesentlich ist, charakterisieren. Erstens ist der Mensch ein Gattungswesen, d. h., es bestehen auch noch andere Gattungen, als die des Menschen, beispielsweise die Gattung der Tiere und die der Pflanzen. Zweitens ist der Mensch ein Geschlechtswesen, d. h., die Gattung Mensch unterteilt sich in die beiden natürlichen Geschlechter des Männlichen und des Weiblichen. Ein menschliches doppelgeschlechtliches Zwitterwesen schließt sich aus, da ein solches als pathologisch anzusehen ist. Drittens, dieser Gesichtspunkt ist der entscheidende, ist der Mensch ein „Abstammungswesen“, d. h., jeder Mensch kann qua seiner Geburt einer bestimmten Nation oder einem bestimmten Volk zugeordnet werden. Viertens und letztens ist der Mensch ein „Familienwesen“, d. h., er entstammt einer aus einem Herren (pater familias) und einer mit diesem verheirateten Frau (mater familias) gebildeten Hausgenossenschaft, die in der Antike auch die Dienerschaft, der die Erziehung und Bildung der Kinder oblag, umfasste. Zwar liegt in der Darstellung Ciceros ein erhebliches Gewicht auch auf die von ihm verwendeten Begriffe patria und aetas, hier wiederum vor allem auf aetas, aber aus Raumgründen kann auf diese hier nicht eingegangen werden.

Wir fassen zusammen. Wenn der Mensch als ein Wesen anzusehen ist, dem, nach Cicero, genus, sexus, natio, (patria), cognatio (und aetas) zueigen ist, dann muss dessen Zerteilung in einen männlichen und in einen weiblichen Teil bestimmend für die Ausgestaltung seines Lebens sein. Was aber bedeutet die sexuelle Zerteilung des Gattungswesen Mensch? Sie kann nur so gemeint sein, dass der Mensch nicht als Einer anzusehen ist, der differente männliche oder weibliche Geschlechtsmerkmale trägt, die sich bei zwei Menschen, die nicht gleichen Geschlechts sind, in einem optimalen Fall ergänzen können, sondern der Mensch erscheint als ein Gattungs- und Geschlechts-Wesen, das sich in seinen beiden differenten und heterogenen männlichen und weiblichen Geschlechtsbestimmungen diametral gegenübersteht. Von einer zweigeschlechtlichen Ergänzung des Menschen kann also in gar keiner Weise die Rede sein, da das, was als sexus des Menschen bei Cicero Bezeichnung gefunden hat, nicht zweigeschlechtlicher, sondern vielmehr doppelgeschlechtlicher Natur ist. Der Mensch, aufgefasst als Mann und als Frau, ist seinem Wesen nach ein doppelgeschlechtliches Wesen, aus dessen doppelgeschlechtlicher Natur er Kinder als Mann zeugt und als Frau empfängt. Diese doppelgeschlechtlich sexuelle Verhältnisbestimmung der Gattung (genus) Mensch klar und deutlich gesehen zu haben, ist das Verdienst von Lou Andreas-Salomé, wie sie sie in ihrem kleinen Buch »Die Erotik« (Frankfurt Main 1910. 70 S.) dargestellt hat. Andreas-Salomé unterscheidet in dieser Doppelgeschlechtlichkeit a) männliche Aktivität versus weibliche Passivität, b) männliche Partialität versus weibliche Totalität, c) männliche Apersonalität versus weibliche Personalität, d) männliche Exteriorität versus weibliche Interiorität. Wir sehen, außer der männlichen Aktivität liegen alle anderen wesentlichen positiven sexuellen Bestimmungen auf Seiten der Frau.

Wir hatten bisher nur angegeben, was sexus, das, wie das Beispiel Cicero zeigt, in gar keinem Falle synonym mit genus gebraucht werden darf, heißt. Von sexus ist sexualis abgeleitet, dieses lateinische Wort ‚zu dem (männlichen oder weiblichen) Geschlecht gehörig‘ bedeutet. In der lateinische Sprache, deren Aussagekraft für das Rechtswesen von keiner anderen Sprache übertroffen wird, findet sich die Formulierung ‚sexualis manus‘. Sie besagt, zu dem Geschlecht einer Frau gehörig, also einer Frau, und nicht einem Manne, zugehörig. Mit dieser Wendung ist die so genannte Manus-Ehe gemeint, die der germanischen Munt-Ehe gleicht, in dieser frührömischen Eheform die Frau in einem nur formell vollzogenen Akt aus der Hand ihres Vaters in die Gewalt ihres Ehe-Herren übergeht. In der germanischen Munt-Ehe kommt dem Akt der Übertragung der Frau aus der Gewalt ihres Vaters in die ihres Ehe-Herren substantielle Bedeutung zu. Gerade an dem Beispiel der römischen Manus-Ehe verdeutlicht sich, dass die Verwendung des Wortes ‚sexualis‘ in gar keiner Weise das Geschlecht der Frau, sondern vielmehr die Frau selbst als ein Gegenüber des Mannes meint. Die richtige und konforme Verwendung der Begriffe ‚sexus‘ und ‚sexualis‘ zielt folglich nicht auf die geburtlichen differenten und immer heterogenen, d. h., sich gegenseitig ausschließenden, geschlechtlichen Merkmale des Menschen, sondern auf die angesprochene Person selbst, ob sie männlichen oder weiblichen Wesens sei. Der Mann ist als solcher, ebenso wie die Frau, und zwar kraft seiner und ihrer Geburt, ein vollkommen eigenständiges Wesen, beider bedürfen in gar keiner Weise einander, außer in dem Falle der Fortpflanzung der Menschheit. Die Fortpflanzung der Menschheit ist in dieser Hinsicht aber nicht Sache des Menschen, sondern der Natur. Was also über den Ausgang einer ehelichen, d. h., einer gesetzlichen, Verbindung von Mann und Frau entscheidet, kann generell nicht in der Obhut des Menschen, sondern in der der Natur gelegen sein, sie alleine überwacht diese Verbindung, ob sie kraft Gesetzes oder aus Willkür eingegangen worden ist.

Als Nebenergebnis unserer Überlegung hat sich uns die Erkenntnis eingestellt, dass das Wort ‚Ehe‘ Gesetz bedeutet. Eine Ehe, die immer nur zwischen einem Mann und einer Frau geschlossen werden kann, anderenfalls sie keine Ehe wäre, ist die gesetzliche Bestimmung, in der zu dem Zwecke der Bildung einer Hausgenossenschaft ein Mann und eine Frau sich zusammenfinden und zusammenschließen. Da das aus dem Gotischen herstammende Wort ‚Ehe‘ (matrimonium) die beiden Bedeutungen aevum (Alter) und lex (Gesetz) umfasst, kann in dem, was unter Ehe, die bei uns rechtlich eine Munt-Ehe darstellt, verstanden wird, nur eine gesetzlich verankerte Bestimmung verstanden werden, in der die Rechte, vor allem das Recht auf Leben, der beiden doppelgeschlechtlichen Partner gewahrt bleiben. Den Begriff der Ehe auf eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft übertragen zu wollen, verbietet sich von selbst, denn in dieser unrechtlich vorgenommenen Übertragung pervertiert sich das, was Ehe ist, deren Bestimmung wendet sich gegen sich selbst und führt zu ihrer Zerstörung. Das, was Ehe ist, kann also in gar keiner Weise einer sexuellen Bestimmung unterliegen, die, so sie vorgenommen wird, zu ihrer Zerstörung führen muss. Zudem ist es ein Irrtum, anzunehmen, dass der Mensch sich begattet, weil er einem Triebe zu gehorchen hat, sondern er hat einem Triebe zu gehorchen, weil er sich begattet, denn die Gewohnheit entscheidet, welchen Aufgaben sich ein Mensch fürderhin widmen kann. Entscheidet sich ein Mensch, asketisch leben zu wollen, ist er frei, entscheidet er sich, sich zu binden, ist er unfrei, er wird erst zu dem Knecht seiner Entscheidung und sodann zu dem seiner Gewohnheit. Beides ist schlecht, in beidem ist er Gegner seiner inneren Eudämonie, die er umwillen seiner Unfreiheit unterdrücken muss.

Wenn wir bisher gesehen haben, dass das richtige Verständnis von ‚sexus‘ und ‚sexualis‘ in keiner Weise Eingang in dem, was wir unter Sexualität verstehen, gefunden hat, dann müssen wir uns beeilen, zu erklären, was unter diesem ominösen Wort eigentlich zu begreifen ist. Sexualität ist, wie Neutralität, ein künstliches und abstraktes Wort, das in einer konkreten Welt keine Verwendung finden kann. Wer, wenn er in Liebe und Innigkeit jemanden umarmt, sagt, er sei seiner Sexualität, womöglich als Pflichterfüllung, nachgekommen? Sexualität bedeutet so viel wie, ein dauerhafter Zustand von Geschlechtlichkeit, der mit Pubertät und Menstrualität einsetzt. Der pubertierende Knabe ist, biologisch gesehen, zeugungsfähig, das menstruierende Mädchen empfängnisfähig. Dass sie es de facto bei weitem nicht sind, verweist auf die Tatsache, dass die gesellschaftlich vorgenommene Isolation des Geschlechtlichen, das bei dem Menschen besser Genitalität, als Sexualität, genannt werden müsste, auf die allgemeine anthropologische Unkenntis, was der Mensch an und für sich selbst ist, schließen lässt. Ein sprachlicher Beleg, dass Sexualität verdeutschung von sexualitas ist, scheint nicht zu existieren, was die Künstlichkeit jenes Begriffes hervorhebt. Wie kommt es, dass jenes abstrakte Wort Eingang in unseren Sprachgebrauch gefunden hat? Wenn Sexualität richtiger Weise nicht Geschlechtlichkeit, sondern Zustand des dem Geschlechtlichen Zugehörigen heißt, dann sollte gefragt werden, was das dem männlichen und weiblichen Geschlecht Zugehörige ist. Ein Zugehöriges aber wird in der Philosophie Akzidenz genannt.

Die menschliche Sexualität muss als etwas dem Menschen Akzidentelles angesehen werden. Entspricht diese Formulierung dem, was Cicero oben über das Genus Mensch geäußert hat? Ist der Mensch seiner Substanz nach ein Gattungswesen, aber nach seiner akzidentellen Bestimmung ein sexuelles, nationales, vaterländisches und familienhaftes Wesen, dem ein bestimmtes Lebensalter zueigen ist, das in bestimmten Altersstufen fassbar oder messbar ist? Oder eignet dem Menschen, seiner Substanz nach, Gattung, Geschlecht, Volk, Vaterland, Sippe und Lebensalter, so dass gesagt werden muss, dass der Mensch ausschließlich Substanz ist, die nichts Akzidentelles bei sich trägt? Letztlich, ist das, was fälschlicher Weise mit dem Ausdruck ‚Sexualität‘ dem Menschen beigelegt wird, substantieller oder akzidenteller Natur? Je nachdem, zu welcher Ansicht man neigt, und nur eine kann richtig sein, ist über das Wesen des Menschen entschieden. Vieles aber spricht dafür, dass bei Cicero dem genus hominum die fünf Prädikate Geschlecht, Volk, Vaterland, Sippe und Lebensalter zugesprochen werden müssen, denn der konkrete Begriff des Menschen umfängt diese fünf genannten Bereiche. Es existiert kein Mensch, der kein Geschlecht, kein Volk, kein Vaterland, keine Sippe und kein Lebensalter hat. Ist aber mit diesen fünf Distinktionen das Wesen des Menschen erschöpft? Fehlt nicht die entscheidende Distinktion, nämlich die seiner Göttlichkeit? Man kann sagen, dass die Göttlichkeit des Menschen oder dessen Ewigkeit bereits in dem Begriff der Gattung enthalten ist, denn das, was Gattung ist, kann nicht Erzeugnis ihrer selbst sein, sondern sie muss erschaffen werden. Die Erschaffung irdischer Gattungswesen (Mensch, Tier, Pflanze) aber kann nur Gott bewerkstelligen. In dieser Hinsicht entsprechen die beiden Begriffe genus und sexus nicht einer Wesensgleichheit, sondern sie differieren in ihren je verschiedenen Bedeutungsgehalten.

Wenn genus nur von Gott, sexus aber nur von einem Menschen ausgesagt werden kann, dann schuf Gott sich in dem Menschen ein Ebenbild seiner selbst, ähnlich dem Menschen, der sich in seinem differenten sexuellen Verhalten ein Abbild, besser gesagt, ein Gegenbild, seiner selbst erschafft und heranbildet. Liegt bereits in dem Begriff des genus, der Gattung, beschlossen, dass der Mensch ein Ebenbild seines Schöpfers ist, dann kann es für den Menschen keine vermeintliche Freiheit seiner Selbstverwirklichung geben, die für ihn nur tödlich, wie wir jetzt sehen, enden kann. Es kann für den Menschen, dem die Erkenntnis seines göttlichen Ursprungs inne, d. h., zuteil, wird, keinen Weg zu sich selbst, sondern immer nur zu Gott, geben, da dieser, indem der Mensch gewahr wird, dass er ein Gattungswesen ist, der Ursprung und die Quelle seines Lebens ist. Was für Cicero, einem homo religiosus sondergleichen, von ihm stammt der Begriff der Religion, noch selbstverständlich war, dass der Mensch ohne einen göttlichen, transzendenten Bezug nicht lebensfähig ist, erscheint uns Menschen der Gegenwart, die wir diese Gegenwart sich in eine unfassbare Unwirklichkeit aufzulösen sehen, unsere eigene transzendente Bestimmung verloren gegangen zu sein. Sollte der darwinsche und der freudsche Irrtum recht behalten, dass wir keiner göttlichen Bestimmung mehr bedürfen, weil wir uns selbst genug geworden sind? Sind wir so weit uns selbst genug und satt geworden, dass wir den Faden, der uns an die Ewigkeit angebunden sein lässt, nicht mehr finden? Oder ist dieser Faden bereits in sich selbst zerrissen? Oder ist er von Gott zerrissen worden? Hat Gott den Lebensfaden, der ihn mit dem Menschgeschlecht verbindet, zerrissen oder zerreißen lassen, womöglich um etwas gänzliches Neues zu schaffen? Will Gott über die grausamen Katastrophen, die er in die Welt sendet und die sich in der kommenden Zeit noch beträchtlich steigern werden, hinaus und durch sie hindurch etwas vollkommen Neues, etwas Vollkommenes, erschaffen, das keine Spuren des Todes mehr zeigt? Dann müsste auch dieses vollkommen Neue, das Gott in diesem tödlichen Niedergang der Welt zeugt, bereits in dem Begriff der Schöpfung, wie Cicero diesen Begriff mit dem Wort ‚genus‘ wiedergibt, enthalten sein.    

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