Christoph Kreutzmüller - False Friends - Die Fotos aus dem Lili Jacob-Album in deutschen Schulbüchern

wbg Redaktion • 30 Januar 2020

False Friends - Die Fotos aus dem Lili Jacob-Album in deutschen Schulbüchern

von Christoph Kreutzmüller


Obwohl sie einen eng begrenzten Zeitraum und eine außergewöhnliche Situation aus der Sichtweise der SS abbilden, sind die Aufnahmen des Lili Jacob-Albums längst von Ab- zu Sinnbildern des Massenmords in Auschwitz-Birkenau geworden. In einem wechselseitigen Prozess haben sie nicht nur die Symbolkraft von „Auschwitz“ verstärkt, sondern auch unsere Vorstellungen vom Judenmord an sich beeinflusst. Die Fotos werden in einer unüberschaubaren Vielzahl von Ausstellungen, Büchern, Dokumentarfilmen, Medien- und Pressebeiträgen präsentiert. Sie werden täglich von Tausenden Paar Augen gestreift und ebenso oft in sozialen Netzwerken geteilt und kommentiert und im Unterricht präsentiert. Nach wie vor findet der „Erstkontakt“ für viele aber durch Schulbücher statt.

In der DDR wurde – in den zahlreichen Auflagen des „Geschichte Lehrbuch“ der 9. Klasse vom Verlag Volk und Wissen – ein Foto des polnischen Fotografen Stanisław Mucha der Hauptwache von Auschwitz Birkenau verwendet, das kurz nach der Befreiung aufgenommen worden war. In der Bundesrepublik gehören Bilder des Lili Jacob-Albums seit den 1970er-Jahren zum Standardrepertoire. Eine Durchsicht der verschiedenen Ausgaben zeigt, dass die Geschichtsbücher sich auf wenige, wiederkehrende Motive beschränkten. Aus den insgesamt 193 überlieferten Fotos des Albums wurden fast immer drei Motive gewählt.

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Foto 127 des Lili Jacob-Albums
YVA, Foto-Nr. FA 268/126

Hierbei handelte es sich – was die Autor*innen nicht wissen konnten – ausschließlich um Fotos einer Serie, die die beiden SS-Männer Bernhard Walter und Ernst Hofmann am 30. Mai 1944 bei der Ankunft eines Deportationszuges aus Téscő machten: ein Bild von Ernst Hofmann von einer alten Frau, die mit mehreren Kindern auf der Lagerstraße zum Krematorium V geht (Foto 127 des Lili Jacob-Albums), ein Bild von Bernhard Walter vom Dach des Wagons von den auf das Foto wartenden Jüdinnen, Juden und SS-Männern (Foto 23), sowie ein Bild, das Walter von der Selektion an der Rampe machte (Foto 29).

 

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Foto 23 des Lili Jacob-Albums
YVA, Foto-Nr. FA 268/22
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Foto 29 des Lili Jacob-Albums
YVA, Foto-Nr. FA 268/28

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gerade das letztgenannte Bild „fehlt“ in kaum einem Schulbuch. In der Regel rein illustrativ eingesetzt, werden Autor und Datum nur ausnahmsweise angeführt und das Motiv zudem häufig beschnitten.

Die Bildunterschriften verstehen sich selten als Lesehilfen für die Fotos. In der aktuellen „Geschichte Plus“ des Verlags Volk und Wissen steht zum Foto 29 lediglich: „Selektion an der Rampe von Auschwitz“. In „Geschichte, Politik und Gesellschaft“ war 1988 zu lesen: „Das KZ Auschwitz war mit 40 km² das größte Vernichtungslager. Sofort nach der Ankunft nehmen SS-Ärzte die sogenannte Selektion vor, die Einschätzung der Juden nach ihrer Arbeitskraft“. Als Fachhistoriker könnte ich einwenden, dass nur ein kleiner Teil des gesamten Lagerkomplexes und sogar nur ein kleiner Teil von Auschwitz-Birkenau als Tötungsfabrik diente. Viel wichtiger ist aber wohl, dass nicht erklärt wird, was mit jenen passierte, die nicht als arbeitskräftig erachtet wurden.

 Diesterweg Wir machen Geschichte 1998_0.jpg
Diesterweg - Wir machen Geschichte - 1998

 

In „Wir machen Geschichte“ – einem Standardwerk des Diesterweg Verlags – stellten die Autor*innen 1998 sogar die Behauptung auf, dass es sich bei dem Bild um ein „heimlich gemachtes Foto“ handele. Dabei war schon seit dem Frankfurter Auschwitz Prozess bekannt, dass die SS Männer Ernst Hofmann und Bernhard Walter die Fotos gemacht hatten. Selbst bei einer oberflächlichen Betrachtung des Bildes stellt sich ja auch den Schüler*innen die Frage, wie irgendjemand so ein Foto mitten auf der von Menschen wimmelnden Rampe heimlich hätte machen können. Zumindest der Mann hinter der Frau mit hellem Mantel sieht den Fotografen auch direkt an. Unzutreffend ist auch das in der Bildlegende genannte Datum. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass die neue Rampe in Birkenau erst für die Ermordung der Jüdinnen und Juden aus Ungarn im Jahr 1944 fertiggestellt wurde. Wäre das Foto tatsächlich – wie behauptet – 1943 dort aufgenommen worden, wäre dort noch ein Entwässerungsgraben gewesen, keine „Verladerampe“.

Einen anderen Weg schlugen die Autor*innen des Schroedel Verlags 1969 ein – und nutzten auch ein anderes Foto. Auf dem – sorgfältig komponierten – Foto von Bernhard Walter markierten sie wichtige Orte wie die Krematorien mit Pfeilen. Hieran knüpften die Autor*innen des „Kursbuch Geschichte“ des Cornelsen Verlags im Jahre 2000 nahtlos an:

Cornelsen Kursbuch Geschichte 2000_1.jpg
Cornelsen - Kursbuch Geschichte - 2000

 

An sich eröffnet dies einen wichtigen Zugang und lädt dazu ein, sich mit dem Foto auseinanderzusetzen. Allerdings fokussierten die Markierungen auf die Örtlichkeiten und nicht auf die Abläufe und die Menschen. Auch setzten die Autoren des Cornelsen Verlags – im Gegensatz zu ihren Kollegen des Schrödel Verlags – sehr stark auf emotionalisierende Begriffe. Was mit „Todesblock“ gemeint war und was die „Todesrampe“ von der Rampe unterscheidet, auf der die Menschen auf dem Bild laufen, ist nicht deutlich. Immerhin fällt die Bildunterschrift viel nüchterner aus und trifft im Wesentlichen zu.

Angesichts des Verstummens der Zeitzeuginnen und Forderungen, den „Fliegenschiss“ der deutschen Geschichte links liegen zu lassen, ist von großer Bedeutung, dass wir endlich lernen, die historischen Fotos des Holocaust als Quelle zu lesen – um mit den Schüler*innen neue, aktuelle Fragen zu entwickeln und um unser aller Medienkompetenz zu stärken. Die sozialen Medien leben in Bildern; wir müssen auch in Schulbüchern lernen, damit umzugehen. Die Analyse historischer Fotografien kann uns dabei helfen – auch und gerade Fotos des Lili Jacob-Albums, die wir zu kennen glauben; auch wenn sie, um hier einen Begriff der Linguistik aufzugreifen, eigentlich false friends sind.

Christoph Kreutzmüller

Für die Hilfe bei der Recherche danke ich Kathrin Janzen, Berlin!

 

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