Bücher bewahren, Wissen weitergeben.

Tim-Niklas Zimmer • 10 September 2021
5 Kommentare
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Bildquelle: Von Eva K. / Eva K. - Eva K. / Eva K., GFDL 1.2, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5558882

 

Wie kam ich dazu, mich als Versandantiquar zu betätigen, ohne dass dies mein eigentliches Berufsfeld war? Antrieb war stets, Bücher und damit Arbeit und Wissen vor der Vernichtung zu bewahren. Bei Haushaltsauflösungen kommt es oft dazu, dass die Büchersammlung, die sich ein Mensch im Laufe seines Lebens aufgebaut hat, teils mit Mühe, teils mit Freude, teils mit beidem gelesen hat, achtlos dem Papiermüll zugeführt wird. Die Beschäftigung damit, welches Wissen man hiermit teilen könnte, fällt weg. Nimmt man sich aber der Sache an, findet man oftmals echte Kleinode. So gibt es nicht selten Werke, die niemand sonst anbietet, in keiner Bibliothek geführt werden, in kleiner Auflage gedruckt wurden und deren Verfasser nicht mehr unter den Lebenden sind. Wissen, dass in solchen Werken zusammengeführt wurde, geht verloren, wenn es nicht bewahrt wird. Als Versandantiquar habe ich nun die Möglichkeit, das Wissen an Personen weiterzugeben, die thematisch interessiert sind und möglicherweise auf diesem Wissen aufbauend neue Erkenntnisse verschriftlichen, neues Wissen schaffen. Und nicht zuletzt habe ich auch selbst einen eigenen Mehrwert, kann über den Tellerrand hinausschauen, weiter denken, denn ich habe die Möglichkeit, mich mit Themen auseinanderzusetzen, in Bücher hineinzulesen, die ich sonst nie in die Hand bekommen hätte. So kann ich nur ermutigen, Wissen zu bewahren, zu teilen und selbst weiter zu denken.

Kommentare (5)

Marcin Lupa

Lieber Herr Zimmer,

ich danke Ihnen für diesen schönen Beitrag, den Sie in einem stillvollen Logos verfasst haben. Ihre Erklärungen kann ich sehr gut nachvollziehen.
Ich selber nutze das Angebot von Versandantiquaren, so habe ich ein seltenes Buch über einen solchen auftreiben können, in dem ich gerne beizeiten lese: "Afrika. Dunkel lockende Welt" von Tania Blixen aus der Manesse Bibliothek der Weltliteratur (5. Auflage von 1986 im Manesse Verlag Zürich - also noch gar nicht so alt und doch schon vergriffen bei den üblichen Onlinehändlern wie beispielsweise Bücher.de).

Auch habe ich selber in einem Buchcafé gearbeitet, als Service-Gastronom und Buchhändler. Unser Café schöpfte seinen Bücherbestand ebenso aus Wohnungsauflösungen und durch Spenden. Leider mussten wir gute 80% der Bücher entsorgen. Aus dem simplen Grund, dass sie bereits in einem sehr schlechten Zustand oder den Richtlinien der Cafébetreiber folgend nicht mehr aktuell waren. Natürlich oblag es an uns - in dubio pro libro - einige Bücher aus dem Ausschuss zu retten und an Antiquare zu verkaufen. Hier ging eine Bananenkiste für sechs Euro an den jeweiligen Interessenten. Oft verkaufte er sie für sehr viel mehr Geld weiter.
Eine Arbeitskollegin von mir berichtete, dass sie einen dieser Atiquare über ein Buch von uns reden hatte hören. Dabei äußerte er sich abfällig über uns, dass wir den Wert der Bücher in unseren Beständen nicht kennen. Dabei benutzte er den Ausdruck "wir seien Idioten". Idioten, die viele nette Menschen glücklich machten, unter anderem besagten geringschätzenden Antiquar, nebenberuflich Theologe, der das Buch in so einer Bananenkiste erwarb und dann für einige Tausend Euro weiterverkaufte.

Unser Metier war es jedoch nicht, mit vergriffenen Büchern zu handeln. Dazu hatten wir weder die Konzession, noch das Know-How. Wir sollten möglichst gut erhaltene, zeitlose (als solches gilt einiges an Belletristik) oder aktuelle Bücher günstig aus zweiter Hand an den Käufer aushändigen.
In unseren Beständen waren eher neuere Bücher, so konnte man zum Beispiel von Daniel Kahnemann "Schnelles Denken, langsames Denken" für drei Euro erwerben, während es im offiziellen Buchhandel der Preisbindung für neue Bücher unterlag und 15,00 € kostete. In unserem Regal war das Buch auch noch ungelesen platziert, offenbar ein Geschenk, das einfach weitergereicht wurde, ohne dass jemand die Buchdeckel auch nur geöffnet hätte.

Idioten können sehr nützlich sein.

Jedenfalls hoffe ich für Ihre Profession das Beste und das uns Versandantiquare und ähnliche Betriebe sehr lange noch erhalten bleiben.
Sie sorgen dafür, dass weniger betuchte Menschen auch an gute Literatur gelangen und tragen zum Wissenstransfer bei, um bei dem Thema dieses Schreibwettbewerbs zu bleiben.

Daher mein "Like" und mein Kommentar für Sie.

Hochachtungsvoll
Marcin Lupa

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  • Tim-Niklas Zimmer

    Vielen Dank für Ihre Antwort. Natürlich gibt es unter Antiquaren auch solche und solche - ich habe das Glück, dass ich mit einem anderen Hauptberuf mein Geld verdiene und somit nicht auf die Einkünfte aus der Antiquariatstätigkeit angewiesen bin.

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  • Marcin Lupa

    Mir kam es nur unheimlich witzig vor, wie sich ein studierter Theologe solchen Vokabulars bedienen konnte, wo er doch von uns praktisch ein paar Tausend Euro geschenkt bekam. Das war jetzt nicht als Spitze gegen Sie gedacht. Ich wollte nur eine Anekdote aus meinem früheren Berufsleben erzählen.

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  • Luca Rosenboom

    Sehr interessant, einen Einblick zu erhalten, zumal ich mir selbst desöfteren von Versandantiquariaten Bücher bestelle - oftmals welche über die Zeit der Römischen Republik wie jüngst "Römischer Staat und Staatsgedanke" von Ernst Meyer aus dem Jahre 1948. Obgleich so alt, doch so lehrreich.
    Darf man fragen, wie Ihre Seite heißt? Wenn zu persönlich, gerne auch als PN - ich würde mich freuen. Viele Grüße

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