Brauchen wir eine NEUE MORAL ?

Rüdiger Eduard Böhle • 15 September 2021
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Brauchen wir eine NEUE MORAL ?
Rüdiger E. Böhle

Es geht gegenwärtig so Manches durcheinander in unserem Staate:
# Da trickst eine Autoindustrie (Diesel-Gate): „ohne Bescheißen geht das nicht!“
# Im Bankenbereich funktioniert ein Steuerhinterziehungssystem: cum-ex.
# Institutionen, Banken, Firmen werden gehackt; Finanzmittel geraubt; Daten abgeschöpft und algorithmisch aufgearbeitet – wider alle Gesetze des Datenschutzes: Wissen ist Macht!
# Die Anonymität im Internet eröffnet ein weites Feld der Menschen-Verachtung.
# Aggressionen, Schmähungen, Drohungen, Angriffe gegen Politiker (Diaby, Lübke, Künast, Reker und andere Bürgermeister …) ebenso gegen Polizei, Feuerwehr und Rettungspersonal bei Unfällen gehört schon fast zur Normalität.
# Es ereignen sich Attacken gegen beliebige Menschen – einfach mal so, weil irgendeine Ideologie irgendwelche Menschen zu Untermenschen deklariert, deren Beseitigung eine ideologische oder gläubige Pflicht erfüllt.
In den sozialen Foren tobt die Lust an der Schmähung und Erniedrigung Anderer – einfach mal so; an Mobbing und Morddrohungen – samt anschließender Tat; an Haß und Hetze; Fremdenfeindlichkeit und Rassismus; an abstrusesten Ansichten und Verschwörungskonstrukten – bis hin zur Mordbrennerei: Hanau, NSU, Hoyerswerda … Ein besonderes Feld der Dämonisierung: Fundamentalismus jeder Couleur.

Angesichts dieser Vorkommnisse zeigt die Politik und die staatlichen Institutionen sich weitgehend ratlos und agieren stets mit der Phrase der rechtlichen und polizei-technischen Aufrüstung: ein virulenter Sachgehalt wird nicht ‚von Grunde auf‘ bedacht, sondern per Gewalt ‚unterm Deckel gehalten‘!
Die Beispiele mögen hinreichend anzeigen, daß da z.Zt. etwas ‚aus dem Ruder läuft‘.
Ist es nicht eine Bankrott-Erklärung des Staates, wenn der Staat seine Polizei bei Demonstrationen nur noch in Kampfanzügen samt Wasserwerfer, Tränengas und Gummigeschosse auftreten läßt, und dennoch den Mob, vorzüglich „der schwarze Block“, nur marginal an seinen Exzessen stören kann?
Wenn das Gewaltmonopole des Staates nicht mehr dazu dient, im Notfalle dem Bedenken einer akuten Dissonanz einen Zeitgewinn zu verschaffen für ein Bedenken der Sache, sondern zur Normalität der Gewaltauseinandersetzung degeneriert, dann „ist etwas faul im Staate!“ – Im Staate und seinen Institutionen ist etwas faul: In seiner Regierung, in seinem Parlament, in seiner Gesetzgebung, in seinen Institutionen – bis hin zu seiner gemeinen Verwaltung: dem Ort, Gesetze konkret umzusetzen! – „Der Fisch“, trällert eine alte Weisheit, „stinkt vom Kopfe her!“

Alle Errungenschaften der Destruktion moralischer Normen seit den sogenannten 68ern scheinen gegenwärtig in ihr Gegenteil umzuschlagen: die unbekümmerte Freizügigkeit mutiert peu à peu zur Spielwiese für Desperado-Attitüden.
Es ist zwar ein alter und ziemlich abgetragener Hut, aber in solchen Situationen wittern die Moralisten mal wieder Morgenluft! Ihrer selbst gewiß, erhebt die Moral ihr gorgonisches Haupt und fordert den lang vermißten Respekt ein – nach alter Väter Sitte: als ob je Moral ein Problemlöser und ein Weltenretter gewesen wäre! – Die Geschichte erzählt uns das kontradiktorische Gegenteil!
Erinnern wir uns an den Melier-Dialog: das demokratische und humanistische Athen, der Nabel der kulturellen Welt, droht offen mit dem Genozid – und führt ihn dann auch durch! – die Melier weigerten sich, weiterhin den Tribut für den Attischen Seebund zu zahlen: Athen, die Demokratie des Einen Mannes und Hort von Kunst und Wissenschaft verbaute für sein Prestige-Objekt „Akropolis“ die Gelder dieses Militärbündnisses!

„O tempora, O mores!“ deklamierte einstens Cicero emphatisch – und zwang Verres, einen römischen Vorläufer von Trump, ins Exil – ohne dessen korrupt im Amte erworbenes Vermögen für den Staat konfiszieren zu könne.
Auch einen Catilina brachte die ciceronische Moralpredigt zu Fall.
Doch wenige Jahre später zerfiel der moralische Aufschrei des Cicero zur Nichtigkeit: Caesar, ein brillanter Dialektiker, instrumentalisiert die römische Virtus zum Zwecke des Staatsstreiches, indem er das Ideal der römischen Moral, das Streben nach dem „imperium“ , perfekt befolgte: „lieber in diesem Bergdorfe der Erste als in Rom der Zweite!“ In einem gottverlassenen Nest in den See-Alpen und nicht erst am Rubikon ereignete sich „alea iacta est!“: Die Konsequenzen erzählt uns die römische Kaiser-Geschichte!

Frage: Was hat diese Anmerkung aus einer fernen Geschichte her mit uns zu tun? mit der aktuellen Verunsicherung und dem Ansinnen einer Rückbesinnung auf Moral – als Antwort auf virulente Dissonanzen im Umgange miteinander?
Nun ja: wir sind mitten in der Moral und mitten drin in der ewiger Problematik – von GUT und BÖSE !
Mitten drin in dem ewigen Bemühen der Ethik, wegen akuter Dissonanzen eine funktionstüchtige Moral zu konzipieren; und immer wieder an dieser Aufgabe kläglich zu scheitern. – Obwohl schon ein oberflächlicher Blick in die Geschichte offenbart: seit Jahrtausenden ist Moral geradezu beliebig volatil – und ohne ‚realen‘ Erfolg!
# Herodotos (490-420 ac) eruierte Solches schon vor 2500 Jahren!
# Hegel (1770-1831): „Moral und alle moralische Weltanschauung ist nichts Anderes als ein ganzes Nest gedankenloser Widersprüche!“
# Religion, Mythos, Kunst, Literatur, Theater bringen die Crux der Moral in dramatischen Gestalten zur Sprache; Philosophie in der Klarheit der Logik: Jedoch bis heute nur marginal, wenn überhaupt, wirksam.
# In der Moderne eruptierte nach 1918 der Anspruch auf eine Neue Moral und resultierte in das Chaos der 20er Jahre – samt allbekannten Konsequenzen!
# Die 68er fegten eine marode Moral hinweg; legendär: Woodstock und Hippie! – Bei uns allerdings auch das kontradiktorische Gegenteil: der Terror der RAF !
# Seit über 50 Jahren bemüht sich eine Ethik-Diskussion – ohne jede Verbindlichkeit! Dafür breitet sich eine unüberschaubare und in sich desolate Gemengelage aus: ein Sammelsurium des moralischen – Meinens.

Von Zeit zu Zeit küren die Medien einen Hype:
1984: Prinzip der Verantwortung (Jonas)
1990: Welt-Ethos (Küng)
1996: Clash of Civilizations (Huntington)
2009: der Versuch einer Reanimation des AT-Dekaloges (Käsmann)
Der aktuell und medial virulenteste Moral-Hype: Martha Nußbaum !
2010 erschien eine Geschichte der Ethik: 3 Bde, ~ 3 000 S. (Terence Irwin)
Alle diese Moral-Konzeptionen entspringen der naiven Annahme, die fundamentalen Differenzen der Kulturen, des Glaubens, der Individuen und ihrer Subjektivität lassen sich per Empathie, gutem Willen und uralten Weisheiten ‚hinwegvernünftelt‘.

Gäbe es diese Leichtigkeit der Empathie, des guten Willens und der Weisheit – dann gäbe es erst gar nicht die Probleme, derentwegen Empathie, guter Wille und Weisheit als probate Lösungsmittel avisiert werden!
Der „Empathie“ können wir zustimmen: Fundament des Miteinander! Beim „guten Willen“ sieht’s dagegen ganz anders aus!

Frage: Was ist – ein guter Wille ?
Antwort: ein weites Feld der Stolpersteine, Fallstricke und Fallgruben samt Selbstschußanlagen …: IS, Al-Kaida, Al-Shabaab; Reichsbürger, Neo-Nazi … verstehen den „guten Willen“ jeweils anders; kontradiktorisch anders als wir !
Und dann gibt es da ja auch noch die Weisheit ! Sie plappert seit eh und je ‚ganz vernünftige‘ Sätze – doch immer nur im Rückblicke auf längst vergangene Zeiten ! Daher trifft eine Weisheit, begründet in der Erfahrung aus uralten Zeiten, auch ganz richtig auf einen aktuell problematischen Sachgehalt gerade nicht zu !

Resumé: Die Erfahrung lehrt – Nietzsche zeigt die Logik dazu auf – „daß nie eine Moral die Menschen sittlicher und besser machen – kann ! … Moralisten vergessen, daß Moral predigen ebenso leicht ist wie Moral zu begründen schwer !“
Lassen wir uns kurz auf die skeptische Frage ein: könnte Moral etwas verhindern?
# Cum-Ex-Geschäfte: Hier wurde – ganz bewußt – gelogen und betrogen!
# Diesel-Gate: „ohne Bescheißen geht hier gar nichts!“ (BMW-Vorstand)
# Migranten-Problem: Die Menge, das Handeln und Verhalten der Migranten evoziert eine Konfrontation der Kulturen und ihrer Sittlichkeiten – und bewirkt das Empfinden nicht nur von fremd, sondern von Überfremdung. Solches löst emotionale Abwehrreaktionen aus bis hin zu Verachtung und Haß.
# Haß, Hetze, Mobbing, Bedrohung etc. in den sozialen Foren: Wer anonym seiner Aggression freien Lauf läßt, intendiert bewußt – und wohl kalkulierend, Andere zu beschimpfen, zu erniedrigen, zu verunsichern, zu bedrohen und in Angst zu versetzen. Die Anonymität gewährt Verantwortungslosigkeit, der Ort all derer, denen eine Minderwertigkeit ihrer selbst das eigene Selbstverständnis fundiert.

Frage: Was soll hier Moral auf die Reihe bringen können? – Moral à la Weizsäcker, Jonas, Küng, Käsmann, Nußbaum ?
Cum-Ex-Geschäfte und Diesel-Gate sind Resultat der Moral „Erfolg“; moralisch betrifft daher die Akteure nur die Verletzung des hyper-moralischen Gebotes: laß Dich nicht erwischen!
Wem die Migranten die Vorstellung von Überfremdung wecken, dem ist mit der moralischen Forderung nach Weltoffenheit, Weisheit, Verantwortung und Toleranz die tief sitzende Emotion der Ablehnung nicht hinweg zu menscheln! Ein moralisch derart verfaßtes Bewußtsein bringt keine Moral, – die z.B. mit unserem GG vereinbar wäre, – ‚zur Vernunft‘ !

Wer Hetze, Haß, Mobbing, Drohungen etc. in den sozialen Foren verbreitet, wird den moralischen Hinweis auf Verantwortung, Humanität, Vernunft etc. nur hämisch abtun – und sich ‚voll bestätigt‘ empfinden: gemäß SEINER Moral !

Anmerkung: Gegen die Moral ERFOLG; gegen die Moral FREMDENHASS; gegen die Moral der FUNDAMENTALISTEN setzen wir unsere Moral der FREIHEIT und der HUMANITÄT; genauer: unsere Moral des freizügigen, unbekümmerten Umganges !

Wir setzten eine Moral gegen eine andere Moral; aber immer doch: eine Moral!
In Anlehnung an Nietzsche gesprochen: ihr behauptet, „die Moral der FREIHEIT und der HUMANITÄT sei eine höhere, eine bessere Moral als die Moral ERFOLG, FRENDENHASS, FUNDAMENTALISMUS. – Also: beweist es auch !“
Nietzsche fügt süffisant den Hinweis auf die Logik der Sache hinzu: „daß über HÖHER und NIEDRIGER in der Moral nicht wiederum nach MORALISCHEN ELLEN abgemessen werde. Es gibt keine absolute Moral ! Nehmt also eure Maßstäbe anderswo her – und nun seht euch vor !“

Stellen wir die Frage nach einer NEUEN Moral also ‚grundlegender‘:
Wollen wir hier bei uns vor Ort, in unserer Alltäglichkeit des freizügigen und so ganz selbstverständlich unbekümmerten Umganges miteinander, wieder eine Moral in Geltung setzen, versehen mit einem Konzept von Gut und Böse? – Und versehen mit absolutem Anspruche auf Geltung?

Wollen wir hier bei uns vor Ort, einer solchen Moral wieder unser Handeln und Verhalten, unsere Denkweise und unser Urteilsvermögen subsumieren?
Wollen wir hier bei uns vor Ort, das Leben in der Sozialität, im Alltage wie im Besonderen nach dem Maße einer moralischen Vorstellungen organisieren?
Wollen wir hier bei uns vor Ort, gemäß moralischer Werte und gemäß deren Hierarchie uns wieder ‚werten‘ lassen?

Können wir ‚vernünftiger Weise‘ eine NEUE Moral wollen können? – Eine Moral so ganz im Gegensatze zu unserer gegenwärtig so freizügigen und so unbekümmerten Art und Weise uns zu verhalten und zu leben?
Können wir so etwas ‚vernünftiger Weise‘ wollen können?

Vernunft und Moral – wie paßt das zusammen?

Bedenken wir die Varianten der Moral von der Logik der Sache her, so können wir die Moral definieren als eine Regelkonzeption des sozialen Umganges; real aber: eine – mehr oder weniger diffuse – Ansammlung von Verdikten, die festlegen, was GUT und was BÖSE ist und wie die Menschen leben SOLLEN !
Die Moral terminiert daher ganz richtig die Verdikte, welche das TUN UND LASSEN der Menschen PRINZIPIELL bestimmen, damit im Handeln und Verhalten der Menschen auch das WIRD, was gemäß der Moral sein SOLL !
Nietzsche formuliert umgangssprachlich prägnant, was Moral fordert: „lebe als Mensch und nicht als Affe oder Seehund !“ Und fügt süffisant hinzu: „Dieser Imperativ ist leider so unbrauchbar wie kraftlos, weil unter dem Begriffe MENSCH das Mannigfaltigste wie das Verschiedenste und das Widersprüchlichste – im Joche geht !“

Das Problem von GUT und BÖSE: wer terminiert und was begründet „gut / böse“ ?
Jede Moral terminiert, was gut ist und was böse ist.
Jede Moral begründet, was gut ist und was böse ist – mit sich selbst !
Résumé: Was gut und was böse ist, ist so vielfärbig wie die Moral !
Zusatzfaktor: die subjektive Empfindung !

Das Problem der Verbindlichkeit: das „sollen“ zu einem „wollen“ mutieren!
Bis dato setzte noch jede Moral die Verbindlichkeit ihrer Verdikte per Macht, Gewalt und Strafe durch – und anerkannte somit die Subjektivität als höchste und letzte Instanz in der jeweiligen konkreten Situation.
Das „sollen“ per Macht, Gewalt, Strafe zu einem „wollen“ zu bewirken, offenbart, die Hilflosigkeit der Moral, den Anspruch auf Verbindlichkeit einzulösen! – ‚absolut‘ gilt immer nur: das 11. Gebot !
Moral kann dann und nur dann ihren Anspruch auf Verbindlichkeit einlösen, wenn die Subjektivität gar nichts anderes wollen könne kann, als die Verdikte stringent zu befolgen und Sinn und Zweck der Moral in concreto einzulösen!

Nun ja: dann wär’s aber gerade keine Moral mehr!

Das Problem MENSCH: gemeinhin gilt der Mensch als „Geistiges Lebewesen“. Würde der Moralist den Menschen qua „geistiges Lebewesen“ anerkennen, müßte er – innerlogisch stringent – so demütig wie beschämt schweigen.

Der Mensch qua „geistiges Lebewesen“ anerkennen, resultiert in einen gemeinhin verständlichen Begriff des Menschen, wie ihn schon Aristoteles und später Kant in der Ethik ‚zur Sprache bringen‘: Mensch = Ursprung seiner selbst ! – autonom !

Aristoteles: Der Mensch qua „geistigem Lebewesen“ entspringt, bezweckt und vollendet sich in der Eudaimonia:
# „daimon“ ~ Geist, Denkvermögen,
# „eu“ ~ gut, vollendet
# Eudaimonia ~ das Bewußtsein, selbstbestimmt zu leben.
# Eudaimonia ~ das ‚aus sich selbst her – oder autonom – sich zu sich selbst bestimmende und gestaltete‘ Leben des Geistes! Und also: Das Leben, das, aus sich selbst her sich bestimmend, sich zu dem Leben gestaltet, das es an und für sich ist und sein will !

Kant: bringt Aristoteles ‚auf den Begriff‘: Der Mensch ist Zweck an sich selbst !

Hier hat Moral, dieses subjektiv konditionierte Chamäleon, keinen Ort !
Hier ist die Arbeit des Geistes, das Denken – auf der Stufe von Erkennen – gefordert!
Hier setzt die Logik das Maß aller Dinge!

Protagoras (490-411 ac): Der Mensch / der Logos ist das Maß aller Dinge!
Aristoteles zeigt die Logik der Eudaimonia auf: conditio sine qua non, daß der Mensch das Leben, das er an und für sich ist, aus sich selbst her sich bestimmt und im konkreten Handeln und Verhalten auch zu SEINEM Leben gestalten kann, ist, daß der soziale Kontext, und also die Institution „Polis“, die materiellen wie ideellen Ressourcen bereitstellt, um den individuellen Bedarf an diesen sich zu erwerben:
Materielle Not und mangelnde Bildung verhindern eo ipso die Eudaimonia !
Kant fügt der Logik der Eudaimonia die Logik der Grundlegung der materiellen und ideellen Ressourcen hinzu: die Verantwortung !
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Saper aude! Habe den Mut, dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!"
Die Erkenntnis, daß der Mensch „Zweck an sich selbst“ ist, und die Erkenntnis, daß der Mensch dann und nur dann ‚wirklich‘ Mensch oder ‚geistiges Lebewesen‘ ist, wenn er „sich seines eigenen Verstandes bedient“; – diese beiden fundamentalen Erkenntnisse des Menschen in Eines gedacht – resultiert: zur Verantwortung.
Die Logik der Verantwortung terminiert das Kriterium für alles Handeln und Verhalten des Menschen, wenn er denn Mensch sein können will – auf der Stufe des Begriffes !

Epilog: Der kategorische Imperativ

Formulierungen des Kategorischen Imperatives:
1. Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werden. (AA IV, 421)
2. Handle so, als ob die Maxime Deiner Handlung durch Deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte. (AA IV, 421)
3. Handle so, daß Du die Menschheit sowohl in Deiner Person als in der Person eines jeden Anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest. (AA IV, 429)

Der kategorische Imperativ ist die – innerlogisch stringente – Konsequenz der Verantwortung des Menschen !
Der kategorische Imperativ ist die – innerlogisch stringente – Konsequenz, daß der Mensch ein geistiges Lebewesen und darum Zweck an sich selbst ist !
Der kategorische Imperativ gilt – innerlogisch stringent – dann und nur dann, wenn der Mensch ‚wirklich‘ das sein können will, was er an und für sich ist !
Biologisch ist der Mensch von Geburt an Mensch; ein kontradiktorisch Anderes aber ist es, ob dieser ‚biologische‘ Mensch auch Mensch ‚auf der Stufe seines Geistes‘ ist.
Der kategorische Imperativ ist die – innerlogisch stringente – Anforderung an die Arbeit des Geistes, im Anblicke eines problematischen Sachgehaltes das Bedenken in kritischer Distanz – insbesondere gegenüber sich selbst – in concreto zu leisten !
Der kategorische Imperativ ist die – innerlogisch stringente – Erkenntnisforderung !
Der kategorische Imperativ ist KEINE Handlungs- / KEINE Verhaltens-Anweisung !
Der kategorische Imperativ ist KEINE Moral !

Es sei ausdrücklich wiederholt: Der kategorische Imperativ gilt – innerlogisch stringent – dann und nur dann, wenn der Mensch ‚wirklich‘ das sein können will, was er an und für sich ist: Mensch ! – Und also als GEISTIGES Lebewesen!
Wenn ein Mensch nicht ‚Mensch‘ sein will, und also NICHT ‚ein geistiges Lebewesen‘ und auch NICHT ‚Zweck an sich selbst‘, dann ist sowohl die Eudaimonia eines Aristoteles wie auch der Kategorische Imperativ eines Kant – noch nicht einmal „Schall und Rauch“ und schon gar nicht ein Sprachlaut oder ein Wort !

Wenn aber ein Mensch ‚wirklich‘ Mensch sein können will, und also „ein geistiges Lebewesen“ und darum „Zweck an sich selbst“, dann will er auch „Verantwortung“ sein können – in seinem Handeln und Verhalten !

Solches jedoch in realitate: pure Illusion !

Kommentare (11)

Rüdiger Eduard Böhle

Sehr geehrter Herr Simon

Zu Ihrem Beitrag vom 14.09.2021 wäre meinerseits anzumerken:

##### „ … vielleicht weil meine Moral es mir gebietet …“
Das ist schon die erste Crux! Wäre Ihre Moral anders konnotiert, würden sie anders Antworten. Die Logik der Sache hat also, umgangssprachlich salopp formuliert: schon gelitten! Daher habe ich mich über die Moral und deren Beliebigkeit auch an keiner Stelle entrüstet, sondern die Moral an sich selber gemäß ihrem Widerspruche zum Grunde gehen lassen. Daher auch die von mir angezeigten Philosophen keine Schwierigkeiten hätten, meinen Gedanken nachzuvollziehen: ich habe bei ihnen – und noch einigen anderen –, Moral zu denken, gelernt und wurde von ihnen gemäß der Logik der Sache auf die elementare Widersprüchlichkeit der Moral hingeleitet !
##### „ … der pessimistische Unterton …“
Ihre (moralisch konnotierte) Meinung, daß Moral, gleichgültig wie sie terminiert ist, dem Menschen entspricht, evoziert Ihr Werten. Von der Logik der Sache her ist so etwas wie ein ‚pessimistischer Unterton‘ eo ipso ausgeschlossen. Aus Erfahrung von, ich bin großzügig: 500 000 Jahren Menschheitsgeschichte, und also ab homo erectus, her interpolierend anzumerken, daß eine Aufhebung der Moral – und seien deren Konsequenzen noch so katastrophal bis tödlich verhängnisvoll – jemals statt hätte, repräsentiert Realismus und keinen Pessimismus.
Vorschlag: nehmen Sie irgendein Verhängnis, meinetwegen auch nur ein Dissonanz und so gänzlich beliebig innerhalb dieser 500 000 Jahre heraus und erklären dessen Ereignis, ohne hierzu auf Moral, Sittlichkeit, Werte und deren zugehörige Hierarchie zurückzugreifen! – Meine antizipierende Behauptung: klappt nicht!

##### Die aristotelische Eudaimonia löst die Intention des menschlichen Daseins an und für sich ein; Kant: der Mensch ist Zweck an sich selbst. Hier hat keine Moral statt, sondern die Logik der Sache; weshalb die Instrumentalisierung der mentalen Potenz, die wir „Verstand“ nennen, auf der Stufe der Alltagspragmatik ihren Ort hat. Die von Ihnen wider Aristoteles moralisch oder wertend konnotierte Tugend bezieht Aristoteles ganz richtig nicht auf diese Intentionseinlösung qua moralisches Handeln und Verhalten, sondern auf der Stufe oder im Anspruche von widerspruchslos. So resultiert die Tugend oder das Taugen stringent zur Verantwortung vor sich selbst, der Sozialität und dem Leben. Darum auch weist Aristoteles vehement darauf hin, daß eine Sozialität dann und nur dann dem Anspruche der Tugend genügt, wenn sie für jede qua Individuum die materielle Vergewisserung leistet, die überhaupt oder trivialer Weise eine Einlösung der Eudaimonia gewährt. – Etwas salopp formuliert: zur Einlösung der Eudaimonia bedarf es einer materiellen Vergewisserung der Sozialität in toto: wer seine materielle Vergewisserung auf der Stufe von Not erbringt, dem fällt Eudaimonia aus aller Relevanz.
##### das Tauglichste im Menschen (ist) sein Verstand
Wo Solches bei Aristoteles, Kant, Nietzsche? – um diese drei seitens unseres Kontextes hervorzuheben. Nehmen wir die Philosophie seit ihrem Ursprunge bei den Griechen, und also seit den sogenannten „sieben Weisen“, so sieht’s noch schlechter aus: Verstand hat seinen Ort auf der ersten Meta-Stufe zur Wahrnehmung und hat seinen Ort in der Alltagspragmatik oder der Tüchtigkeit! Da fehlen dann noch Vernunft und Geist! – Auch wenn erst Kant das Vermögen oder die Logik des Verstandes auslotet, so erkannten sehr wohl schon die ‚sieben Weisen‘, daß dem Menschen eine differenzierte Spannweite des mentalen Vermögens eignet.

##### Phronesis qua Begründung eines Maßes für moralische Handlung: nicht Aristoteles!
Phronesis fundiert die funktionale / effektive Einlösung einer Intention; alles der Sache äußerliche, z.B. moralische, Maß für ein Handeln und Verhalten reduziert bis ruiniert die Effektivität. Der Logiker Aristoteles erkennt das Fundament der Phronesis – und deren Werkzeugcharakter.

##### Die Pragmatik oder die Klugheit steht eo ipso unter diesem Damokles-Schwert der Intentionseinlösung. Die Logik der Sache aber offenbart die Intention; diese fundiert das konkrete Handeln und Verhalten – zum Zwecke, die Intention
einzulösen und hat kein Maß an der Erfahrung, daß spätere Zeiten es besser wissen könnten, diese Intention effektiver einzulösen.
Das Handeln und Verhalten zum Zwecke der Intentionseinlösung unterliegt dem Verdikt der ‚real existierenden Konditionen‘; nicht aber die Intention: diese spiegelt das Bewußtsein, das sich hic et nunc diese setzt; und das Bewußtsein, das sich hic et nunc diese Intention setzt, fordert erkannt oder gedacht zu werden, um zu erkennen, möglichst zu begreifen, ‚wessen Geistes Kind dieses Bewußtsein ist in dem Augenblicke, da es sich diese Intention zur Einlösung setzt! Die Logik der Intention spiegelt das Bewußtsein; nicht das Gelingen / das Mißlingen, die Intention unter den akuten Konditionen einzulösen.
Frage: was hat ein späteres ‚besseres Wissen‘ mit der Intention des Cicero und des Caesar zu tun? Was hat Ihre Rede: „ein Cäsar hätte heute vielleicht größere Probleme Kaiser zu werden und die Würfel rollen zu lassen“, mit der hier relevanten Logik der Intentionssetzung und deren Spiegelung des Bewußtseins zu tun?
Was hat das Vermögen / Unvermögen, eine Intention einzulösen, mit dem Bewußtsein zu tun, diese und keine andere Intention zu setzen?
Sie differenzieren nicht zwischen Intentions-Setzung und Intentions-Einlösung! Jenes spiegelt das Bewußtsein; dieses spiegelt das Handlungs- und Verhaltensvermögen. Jenes fordert das Denken des Denkens zu denken, dem hic et nunc diese Intention entsprungen; dieses fordert die Klugheit oder das Wissen für ein effektives Handeln und Verhalten. Für jenes zerfällt Ihre Rede von „hundert, fünfzig … Jahren später“ zur Nichtigkeit; für dieses ist sie trivial.

##### Das ist schade, aber kein Grund zur Verzweiflung.
Wovon reden Sie hier? Wo zeigt sich an dem, was ich expliziere, auch nur der geringste Ansatz für eine Verzweiflung?
Die Trivialität, ‚hinterher etwas besser zu wissen‘, verursacht mir keine Verzweiflung, sondern Neugierde; insbesondere, was Anderen dazu einfiel, einfallen wird! – Und also etwas vehement Belebendes: von Verzweiflung keine Spur! Eher wohl die Erwartung, daß Anderen noch etwas einfällt, das mir besser ‚auf die Sprünge hilft‘: Lob der Faulheit (Erasmus).
Die Logik der Sache, und also, um es zu wiederholen: das Denken des Denkens zu denken, dem ein Sachgehalt entsprungen, evoziert keine Verzweiflung, sondern die Freude, die einstens einen Archimedes tief bewegte: heureka!

##### der kategorischer Imperativ, der Kompass der Moral
Der kategorische Imperativ und die Moral schließen einander kontradiktorisch aus!
Haben Sie den kategorischen Imperativ und seine Genesis gelesen?
Seine drei wesentlichen Formulierungen und deren, von Kant hervorgehobene, Identität? Insbesondere die subtile dritte Formulierung?

##### ermessen, was in einem Reiche der Zwecke wirklich ist
Zwecke avisieren, gesetzt zu werden; daher bestimmt sich das Reich der Zwecke zur unabzählbar unendlichen Menge des Setzens. Daher zerfällt Ihre Frage: „im Reich der Zwecke“ hat so etwas wie „wirklich“ kontradiktorisch nicht statt; ein Zweck wird gesetzt, wirklich / verwirklicht – zu werden!
Doch hat er dieses Problem in der Metaphysik der Sitten durchaus erkannt und auf eine ganz einfache Formel reduziert, die so alt ist, wie die Sprache in der sie verfasst wurde: fiat iustitia et pereat mundus! Alle geschriebenen Gesetze des Staates sind kategorische Imperative und sie müssen umgesetzt werden, selbst wenn die Welt untergeht.

##### Gesetze des Staates sind kategorische Imperative
Sie haben weder GMS noch MS noch KpVft gelesen!
Der kategorische Imperativ ist kontradiktorisch ein Anderes!
Kat.Imp. stellt die Forderung der Erkenntnis, eine zur Setzung anstehende Intention auf ihre innerlogische wie kontextbezogene widerspruchslose Schlüssigkeit hin zu bedenken, um das Leben überhaupt und des Menschen im Besonderen nicht nur zu wahren, sondern eine prosperierende Zukunft zu eröffnen.
Hier hat Moral keinen Ort, sondern Verantwortung für das und vor dem Leben überhaupt und der Sozialität im Besonderen. So und nur so hat der Mensch oder der Zweck an sich selbst einen vergewisserten Ort.

##### Nietzsche sagt kontradiktorisch Anderes! Der Übermensch ist gerade eines nicht: Herrenmensch á la Nazi-Borniertheit !
Der Übermensch ist gerade nicht ein Diktator oder orientalischer Potentat, der an der Domination über Andere sich verlustiert und seinen Minderwertigkeitskomplex billig abreagiert; sondern der Mensch, der es unternimmt und effektiv vollendet, mit der Arbeit seines Geistes, die Anstrengung des Begriffes zu leisten, über sich selbst – insbesondere über die Spannweite seiner Emotionen – hinaus gelangt, und also aus eigenem Grunde her Herr seiner selbst – geworden – ist: Sinngebung seiner selbst und die Leistung der Sinnerfüllung in der aktuell gegebenen Welt.
Und so fügen sich dann auch einige Dinge, die vielleicht einen Unmut an der Moral begründen.

##### mein Unmut an der Moral
Sie irren sich: Moral evoziert mir keinen Unmut; Moral ist schlicht: contradictio in se!

##### Haß auf Menschen
Sie nehmen den Haß auf Menschen pragmatisch und tolerieren Haß qua Emotion, wenn dieser nicht zur Tat kommt.
Haß, der nicht zur Tat kommt, hat sehr wohl und klar erfahrbare Konsequenzen: ein Mensch, dessen Haß nicht zur Tat kommt, ruiniert sowohl den Hassenden selbst wie auch seinen sozialen Kontakt: aktiv, indem er sich asozial verhält; passiv, indem andere den sozialen Umgang mit ihm meiden. Wer geht schon, umgangssprachlich formuliert, ohne Not mit einem Kotzbrocken um?
Die Moral wertet den Haß ab; nun ja, nicht so ganz! Wenn der Haß den ‚moralisch richtigen‘ Gegenstand betrifft, gebührt diesem Hasse alle Anerkennung (Neonazis versus Migranten, andere Ethnien …); ebenso das Gegenteil! – Wie eben Moral gerade mal so ausfällt – und doch eine jede für sich ganz selbstverständlich die allgemeine, die absolute Gültigkeit beansprucht – und auch die Neigung hegt, Solches per Gewalt durchzusetzen!
Die Geschichte erzählt diese Vielfärbigkeit des „moralischen Status“ in epischer Breite – samt zugehöriger Leidens- und Blutspur; in ebenso epischer Breite erzählt die Geschichte vom Selbstverständnis, Gewalt moralisch zu legitimieren, „um ein größeres Unheil zu verhindern“.
Frage: wurde je Gewalt – bis hin zu Krieg und Mordbrennerei – anders moralisch legitimiert als gemäß Ihrem Kriterium? Jede Mordbrennerei, jeder Krieg … wurde noch immer moralisch als bellum iustum inszeniert; geradezu als moralische Pflichterfüllung! - Was denn auch sonst?

##### Gott sei Dank ist die Moral variabel
Ob Ihnen da auch all jene Menschen zustimmen, die unter der zu ihrer Zeit – so richtig schön variabel – herrschte, gelitten haben, gerade noch leiden?
Inquisition; die Vorordnung des Mannes vor der Frau; die Wertedifferenz zwischen Unter-, Mittel- und Oberschicht; das uneheliche Kind qua Bastard; die allgemeine Desavouierung des Menschen in der Moral der Fundamentalisten; …
Würden Sie Ihren Satz („daß Moral historisch betrachtet Variabilität aufzeigt. Gott sei Dank tut sie das.“) auch dann aufrecht erhalten, wenn diese Variabilität, die gerade herrscht, Sie derart ‚unter die Knute zwänge‘ wie etwa IS, Al-Qaida, Assad, Stalin, Hitler …als KZ-Häftling ausgebeutet und, weil nicht mehr nützlich, kurz vor der Gaskammer? – Gott sei Dank ob dieser Variabilität !?
Und dann auch noch: „man kann immer sagen, daß auf Regen Sonnenschein folgt“: sagen Sie Solche einem Menschen, der das KZ überlebte; einem Mädchen, das von der Al-Shabaab entführt und zwangsverheiratet, d.h. vergewaltigt, wurde!
Sagen Sie jemandem, der Solches erlebte: „Die Beliebigkeit in der Auslegung der Moral hat ihre Schattenseiten, keine Frage.“!

##### Eichmann und der kategorische Imperativ
Worauf jemand sich beruft, belegt nicht das Wahre dieses Sachgehaltes!
Oben fragte ich noch, ob Sie GMS, MS, KprV, gelesen hätten; spezifisch den kategorischen Imperativ. Was Sie jedoch über den kategorischen Imperativ im Zusammenhange mit Eichmann sagen, offenbart, daß Sie weder GMS, noch MS, noch KprV noch den kategorischen Imperativ gelesen haben; geschweige denn bedacht oder gar begriffen!
Wo hat Eichmann in seiner Pflichterfüllung die conditio sine qua non des kategorischen Imperatives, der Mensch ist Zweck an sich selbst, eingelöst?
Wo hat Eichmann in seinem Handeln und Verhalten die Forderung des kategorischen Imperatives, die Maxime seines Handelns und Verhaltens zugleich als allgemein gültiges Gesetz wollen zu können, eingelöst?
Wo hat Eichmann in seinem Handeln und Verhalten nach Maximen gehandelt, die sich selbst zugleich zum allgemeinen Gesetz machen können?
Wo hat Eichmann in seinem Handeln und Verhalten die Menschheit in seiner Person wie in der Person eines jeden anderen jederzeit und zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel gebraucht?

##### für ein gutes Leben ist ein starker Staat mit starken Gesetzen notwendig. Unabhängig davon, welche Moral er nun präferiert.
Welche eine Legitimation von Diktaturen! Sagen Sie Solches Menschen, die jetzt unter den Taliban, Kim Jong-un … leben müssen; unter Sadam Hussein, Hitler, Stalin, Robespierre … gelebt haben.

##### Ziel der Moral
Beiderseits der von Ihnen erwähnten verschlungenen Pfaden der Moral zur Spitze eines Berges liegen ziemlich viele ‚Erniedrigte und Beleidigte‘, Gequälte und Gemordete … herum. Von diesen Kollateralschäden des Guten und der Werte sagen Sie, daß sie „alle zum gleichen Ziele führen, von dem noch keiner weiß, wie es genau aussieht.“! – Sagen Sie Solchen mal den Kollateralschäden!

Mit freundlichen Grüßen
Rüdiger E. Böhle

Kalle Simon

Sehr geehrter Herr Böhle,
vielen Dank für Ihre ausführlichen Antworten. Ich muss feststellen, dass Ich einige Dinge wohl so ausgedrückt habe, dass Sie es als einen Angriff auf Ihre Darlegungen verstanden haben. Ich bitte dies zu entschuldigen, es war nicht meine Intention.
Der Fehler war insofern meiner, als dass ich einen pessimistischen Unterton bei Ihnen gelesen habe, den Sie anscheinend nicht intendiert hatten. Wie gesagt, das ist allein mein Fehler.
Meine Ausdrucksweise scheint Sie persönlich angegriffen zu haben. Auch dafür bitte ich um Entschuldigung, ich habe nichts davon Sie persönlich anzugreifen und es widerspricht auch meiner Art. Tatsächlich wollte ich Hoffnung in Moral wecken. Dabei glaube ich, dass Sie meinen Ton missverstanden haben, denn ein Angriff lag mir fern. Ich denke, dass wir uns in unserem Begriff von Moral unterscheiden und möchte deswegen einen Ölzweig der Verständigung reichen, da ich ganz offenbar große Verständnislücken habe, wobei ich mir erhoffe, dass Sie mir helfen können sie zu füllen.Was mein Wissen um die von Ihnen benannten Texte angeht. Tut mir leid, vielleicht habe ich sie nicht im ausreichenden Maß verstanden. Es ist leider eine ganze Weile her, seit ich mich tiefergehend damit beschäftigt habe und im Eifer des Gefechtes müssen meine Darlegungen gelitten haben. Ich will hier nur ein paar Ihrer Ausführungen aufgreifen, um Missverständnisse zwischen Ihnen und mir zu beseitigen.

Daher möchte ich zuerst mein Verständnis des Moralbegriffes darstellen:
Eine Ihrer Ausführungen müssten Sie mir dazu bitte genauer erläutern, da ich nicht verstehe was sie meinen, in Bezug auf den Kategorischen Imperativ.
"Hier hat Moral keinen Ort, sondern Verantwortung für das und vor dem Leben überhaupt und der Sozialität im Besonderen. So und nur so hat der Mensch oder der Zweck an sich selbst einen vergewisserten Ort. "
Ich verstehe nun Moral als ein vorhandenes Verhalten in einer Gemeinschaft. Sie ist in gewisser Weise ein Katalog von Norm- und Wertvorstellungen. Wieso hat da Verantwortung keinen Platz?
Und Sozialität gibt dem Menschen doch eine Orientierung für sein Verhalten. Also, wenn Moral Normen und Wertvorstellungen umfasst, die Teil einer Sozialität sind, wieso hat sie dann da keinen Platz?

Das Gesetze Kategorische Imperative sind, war von mir falsch formuliert. Das Strafrecht ist nach Kant ein kategorischer Imperativ.
Für Kant ist es doch so, dass die Dinge um ihrer selbst Willen, nicht aber zu einem anderen Zwecke geschehen, also auch das Strafrecht und die damit verbundene Gesetzgebung:
„Richterliche Strafe […] kann niemals bloß als Mittel, ein anderes Gute zu befördern, für den Verbrecher selbst, oder für die bürgerliche Gesellschaft, sondern muß jederzeit nur darum wieder ihn verhängt werden, weil er verbochen hat; denn der Mensch kann nie bloß Mittel zu den Absichten eines anderen gehandhabt und unter die Gegenstände des Sachenrechts gemengt werden, wowider ihn seine angeborne Persönlichkeit schützt, ob er gleich die bürgerliche einbüßen gar wohl verurteilt werden kann. […] Das Strafgesetz ist ein kategorischer Imperativ, und, wehe dem! Welcher die Schlangenwindungen der Glückseligkeitslehre durchkriecht, um etwas aufzufinden, was durch den Vorteil, den es verspricht, ihn von der Strafe, oder auch nur einem Grade derselben entbinde, anch dem pharisäischen Wahlspruch: „es ist besser daß ein Mensch sterbe, als daß das ganze Volk verderbe“; denn wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr, daß Menschen auf Erden leben.“ (MdS: 3,I vom Straf- und Begnadigungsrecht)
Ist das nicht die Bedeutung von fiat iustitia et pereat mundus?
Dann hätte ich gerne noch eine Erklärung für Kants folgendes Inselbeispiel, indem er die Gleichheit der Strafe mit der begangenen Tat gleichsetzt. „Selbst wenn sich die bürgerliche Gesellschaft mit aller Glieder Einstimmung auflöste […] müßte der letzte im Gefängnis befindliche Mörder vorher hingerichtet werden, damit jedermann das widerfahre, was seine Taten wert sind, und die Blutschuld nicht auf dem Volke hafte, das auf diese Bestrafung nicht gedrungen hat; weil es als Teilnehmer an dieser öffentlichen Verletzung der Gerechtigkeit betrachtet werden kann.“ (ebd.)

Dann sagten Sie: ##### der kategorischer Imperativ, der Kompass der Moral
Der kategorische Imperativ und die Moral schließen einander kontradiktorisch aus!
Haben Sie den kategorischen Imperativ und seine Genesis gelesen?
Seine drei wesentlichen Formulierungen und deren, von Kant hervorgehobene, Identität? Insbesondere die subtile dritte Formulierung?

Darf ich fragen, wieso Kant ihn dann als rein moralisches Gesetz bezeichnet? (vgl. z. B. KrV A 807 / B 835)
Auch der Begriff des Kompaß der Moral wird von Kant in der GMS gestützt, eben um den Willen rein, also frei von Neigung und Erfahrung, zu halten: "Es wäre hier leicht zu zeigen, wie sie [die gemeine Menschenvernunft] mit diesem Kompassen in der Hand in allen vorkommenden Fällen sehr gut Bescheid wisse, zu unterscheiden, was gut, was böse, pflichtmäßig und pflichtwidrig sei, wenn man, ohne sie im mindesten etwas Neues zu lehren, sie nur, wie Sokrates tat, auf ihr eigenes Prinzip aufmerksam macht, und daß es so also keiner Wissenschaft und Philosophie bedürfe, um zu wissen, was man zu tun habe, um ehrlich und ut, ja sogar um weise und tugendhaft zu sein." (GMS: 404)

Doch zurück zur Metaphysik der Sitten
Natürlich ist zu erwähnen, dass Kant durchaus darstellt, dass bestehende Gesetze fehlerhaft sind und dass ein Souverän sich dazu verpflichtet sehen muss, diese zu ändern und anzupassen (mitunter auch deswegen, weil nur er das Recht dazu hat). Dies tut er insofern er die Gesetze im Sinne eines Reiches der Zwecke anordnet und neue Verhältnisse schafft, in der die Rechts- und Tugendlehre sich nicht mehr widersprechen.

##### Eichmann und der kategorische Imperativ
Worauf jemand sich beruft, belegt nicht das Wahre dieses Sachgehaltes!
Oben fragte ich noch, ob Sie GMS, MS, KprV, gelesen hätten; spezifisch den kategorischen Imperativ. Was Sie jedoch über den kategorischen Imperativ im Zusammenhange mit Eichmann sagen, offenbart, daß Sie weder GMS, noch MS, noch KprV noch den kategorischen Imperativ gelesen haben; geschweige denn bedacht oder gar begriffen!
Wo hat Eichmann in seiner Pflichterfüllung die conditio sine qua non des kategorischen Imperatives, der Mensch ist Zweck an sich selbst, eingelöst?

Bitte verzeihen Sie mir, aber ich empfinde diesen Vorwurf als ungerecht und glaube, dass Sie dieses mal mich falsch verstanden haben. Denn wie ich gerade zu Kant ausführte, muss sich ein Souverän ja bewusst sein, dass Gesetze aktualisiert werden müssen, also einer Veränderung unterliegen, wenn sie allgemeine Gültigkeit beanspruchen wollen.
Ich habe nie behauptet, dass Eichmann die „Wahrheit des Sachgehaltes“ benannt hätte, sofern darin eine Wahrheit und nicht einfach nur eine Richtigkeit besteht. Ich habe gesagt, dass es für jeden Eichmann eine Person gibt, die den KI so anwendet, wie er von Kant gedacht war. Die Idee Eichmanns war, sich mit fadenscheinigen Darlegungen des KIs rauszureden:

>>„Zur Norm habe ich die Kant'sche Forderung erhoben, und zwar schon sehr lange. Nach dieser Forderung habe ich mein Leben ausgerichtet […] Aus dieser Einstellung heraus tat ich reinen Gewissens und gläubigen Herzens meine mir befohlene Pflicht.“[...]
Richter Raveh interviewte Eichmann daraufhin.
„Auf weitere Befragung fügte er hinzu, dass er Kants Kritik de rpraktischen Vernunft gelesen habe. Weiter erklärte er, dass er in dem Augenblick, als er mit den Maßnahmen zur „Endlösung“ beauftragtz wurde, aufgehört habe, nach kantischen Prinzipien zu leben, er habe das gewusst und habe sich mit dem Gedanken getröstet, nicht länger „Herr über sich selbst“ gewesen zu sein - „ändern konnte ich nichts“. Was er dem Gericht darzulegen unterließ, war, dass er in jener „Zeit […] der von Staats wegen legalisierten Verbrechen“m, wie er sie jetzt selber nannte, die kantische Formel nicht einfach als überholt beiseite getan hat, sondern dass er sie sich vielmehr so zurechtbog, bis sie ihm im Sinne von Hans Franks Neuformulierung „des kategorischen Imperativs im Dritten Reich“, die Eichmann gekannt haben mag, befahl: „Handle so, dass der Führer, wenn er von deinem Handeln Kenntnis hätte dieses Handeln billigen würde.“ <<(Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen, München 1986 S. 174 f.)

Der KI ist aber aus meiner Sicht, wie ich oben in meiner Definition von Moral dargestellt habe, ein Leitfaden zum moralischen, pflichtbewussten Handeln. Wie ich sagte, gibt es für jeden Eichmann (der dieses Pflichtbewusstsein falsch auslegt) einen Menschen, der den Kategorischen Imperativ in dem Sinne nutzt, wie Kant ihn formuliert hat, zur Ausschaltung der Beliebigkeit durch Erfahrungen und Neigungen. Und daher denke ich nicht, dass es einer neuen Moral bedarf. Sondern einer steten Aktualisierung, was mich zu meinem letzten Punkt bringt.

Was die Variabilität von Moral angeht, ist es so, dass Sie genau die richtigen Stellen benennen, mich aber scheinbar falsch verstanden haben. Auch dafür muss ich um Ihre Verzeihung bitten und stattdessen ein Beispiel bringen:
##### Gott sei Dank ist die Moral variabel
Ob Ihnen da auch all jene Menschen zustimmen, die unter der zu ihrer Zeit – so richtig schön variabel – herrschte, gelitten haben, gerade noch leiden?
-> Nein, natürlich nicht. Das habe ich auch nicht behauptet. Aber ich bin mir sicher, dass jemand wie meine Großeltern, die die Schrecknisse bestimmter Zeiten erlebten, mir insofern zustimmten, als dass sie sagten: "Es ist traurig, dass wir soviel ertragen mussten. Dass unsere Geschwister sterben mussten. Aber es macht uns glücklich, dass Ihr dadurch besser lebt und dies alles sich zum Guten wendete!". Was sich letztlich auf die Etablierung von Rechten, Menschenrechten, bezieht, unter deren Prämissen wir ja unser Leben führen dürfen. Ist die Welt unter diesen Bedingungen und unter dieser Entwicklung nicht moralischer geworden? Zur Zeit meiner Großeltern waren Menschenrechte eben kein Bestandteil des Alltags und die Kinder wurden auch nicht dazu erzogen sie zu achten und zu befolgen. Im Gegenteil, man lehrte Rassenhass. Wenn ich also von Variabilität rede, so meine ich eine unterschiedliche Betrachtung der gesetzten Werte, dass sich die Moral von der Pflicht zum Rassenhass zu einer Moral der Pflicht zum Menschenrechte geändert hat. Das wir den Kindern erklären, dass es eine Pflicht ist zu lieben und nicht eine Pflicht zu hassen.

Sehr geehrter Herr Böhle,
ich hoffe, dass Sie diesen Ölzweig annehmen können und akzeptieren können, dass ich die Intention Ihres Textes falsch gedeutet habe und wir wohl eine unterschiedliche Definition von Moral zu Grunde gelegt haben. Ich hoffe, dass ich Sie hingegen mit meinen Darlegungen davon überzeugen konnte, dass ich kein Idiot bin, der von Sachen spricht, die er angeblich nicht gelesen hat.
Ich räume durchaus ein, dass ich ein schwieriger Mensch bin, aber ich bin belehrbar. Daher bitte ich Sie noch einmal, mich nicht für einen Ignoranten zu halten, sondern mir dabei zu helfen meine Fehler zu überwinden.

In Hochachtung
Kalle Simon

Rüdiger Eduard Böhle

Sehr geehrter Herr Rosenboom

Ein paar zusätzliche Anmerkungen zu Ihrer Antwort auf meinen Text

##### was ist „westlicher Selbsthass“? Welches Handeln und Verhalten repräsentiert diesen Selbsthaß?

##### Gehlen begründet in einer subtilen Erörterung den Zerfall der bis dato allgemein anerkannten Moral zum Ursprunge des Selbstverständnisses, das subjektiv konnotierte moralische Empfinden, selbstgewiß satt, in die absolute Position zu hypostasieren – bis hin zur Legitimation von Gewalt und Terror; wie Sie es ganz richtig sagen: bedenkenlos!

##### Kritik am Islam / einer Religion = Rassismus
Eine Religion in kritischer Distanz zu bedenken, erwies sich seit eh und je als eine ziemlich heikle Angelegenheit – wenn diese Religion einen Glauben fundiert. Insbesondere der Gläubige vermag die Äquivokation von Religion und Glauben nicht zu realisieren; die Differenz zwischen Religion und Glauben erfordert einen mentalen Status, der – Grund-legend oder radikal – den Glauben ‚in schweres Wasser‘ bringt!
Religion erzählt eine Gottesvorstellung und expliziert deren Konsequenzen. Glauben repräsentiert ein subjektiv konditioniertes Bekenntnis zu einem subjektiv konzipierten Gotte: der Gott, an den ein Gläubiger glaubt, ist der Gott, den sich der Gläubige selbst – auf der Stufe einer empfundenen Identität mit seinem Bewußtsein – konzipiert. Der Gott der Religion hat gegen den Gott, an den ein Gläubiger glaubt, keine Chance: der Gläubige sagt, wer – wie – wo – was … der Gott ist. Daher differenzieren sich ganz richtig diverse Glaubensrichtungen und deren vehemente Dissonanzen – auf der Stufe des Absolutheitsanspruches.
Die Religion in kritischer Distanz zu bedenken, ‚würdigt‘ die Religion der mentalen Anstrengung, das in ihr proklamierte Wahre ‚von Mensch, Gott und Welt‘ zu erkennen und ‚auf den Begriff zu bringen‘.
In der Sphäre des Glaubens hat ein Anderes, ein kontradiktorisch Anderes, statt: der Glaube, Resultat eines Empfindens eines Gläubigen, und also subjektiv fundiert und subjektiv in die absolute Position gesetzt, muß jedes Bedenken in kritischer Distanz – und dann auch noch im Anspruche von Wahr und Erkenntnis – notwendig als tiefe Verletzung erfahren: Blasphemie!
Religion darf man nicht nur in kritischer Distanz bedenken, sondern Religion fordert oder stößt zumindest dazu an – wie jedes Produkt des Geistes –, die adaequatio rei et intellectus an ihm zu leisten, um das ihm Wahre oder die Logik der Sache zu offenbaren oder gemeinhin zum Bewußtsein zu bringen.
Glaube kommt und geht – je nach subjektivier Attraktivität. Während seines Bestandes mutiert ein Glaube ziemlich volatil von einer Bestimmtheit zur nächsten: der Weg alles Vergänglichen.
Religion hingegen wahrt seinen Bestand ‚auf ewig‘. Insbesondere dann auch noch in gesteigerter Bedeutung, wenn das Bedenken in kritischer Distanz an ihm sich ‚abarbeitet‘: so etwa der altägyptische, griechische, altindianische … Mythos.
Wer seine Gefühle mobilisiert, entlastet sich zugleich vom Nachdenken und sorgt eben für eine Wohlfühloase derer, die im Leben an nichts mehr glauben als an das Gute. Hier spielen viele Faktoren mit rein; ich möchte einfach mal die Medien in den Raum werfen, die darauf aus sind, zu skandalisieren, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Mittlerweile tritt Hannah Arendts „Verlust an Wirklichkeit“ hier immer mehr ein.

##### Gefühle mobilisieren = Denken ersparen
Den Gefühlen – wie jeder sinnlichen Wahrnehmung – eignet charakteristisch die Distanz zur kritischen Distanz: dem Bewußtsein muß Hören und Sehen vergangen sein, um zum Gedanken kommen zu können. (Hegel) Das Gefühl des Guten erspart sich die Anstrengung, das Gute zu denken und auf den Begriff zu bringen: das Gefühl empfindet das Gute: wahr-nehmen anstatt das Wahre denken / erkennen. Denken bestimmt eine kritische Distanz zur Sache wie, insbesondere, zu sich selbst. Das Gefühl hingegen – wie jede sinnliche Wahrnehmung – bleibt streng bei sich selbst; ist streng oder absolut auf sich selbst fokussiert – und also gerade nicht bei der Sache! Die Wahrnehmung ‚nimmt‘ das Wahre; wozu denken und erkennen?! Wer das Wahre an der Sache ‚genommen hat‘, verfügt eo ipso über die absolute Gewißheit, über die absolute Position – und alles Andere, konsequenter Weise, falsch, absurd …

##### Schuld an allem Übel: Die Schuld ist immer zweifellos (Kafka; Strafkolonie)

##### Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen!

Mit freundlichen Grüßen
Rüdiger E. Böhle

Luca Rosenboom

Sehr geehrter Herr Böhle,
vielen Dank für die Ausführungen. Westlicher Selbsthass. Dieser wird vor allem durch die Gesinnung- und Verantwortungsethiker (Weber) getragen, die apolitisch agitieren, eben weil sie jedweden Bezug zur Realität verloren haben. Dies spiegelt sich vor allem in Bezug auf die Flüchtlingskrise wider: „Kein Mensch ist illegal“ – vor allem oder nur aus der Linksfraktion; ich kann aus meiner Schulzeit, die nicht allzu lang her ist, berichten, dass jedwede rationale Kritik (z.B. Youth bulges, Kulturunterschiede, Ökonomie, juristische Aspekte bzw. Asylrecht; Grenzen sind eine anthropologische Grundkonstante) verpönt ist. Man wird sofort in die rechte Ecke gestellt und als Nazi diffamiert oder dass man nationalsozialistisches Gedankengut in sich habe, welches vererbt worden sei – nun denn. Der Entgegnung, dass man sich dadurch historisch zum Verleumder, ethisch zum Verharmloser und intellektuell gesehen zu einem – sit venia verbo – Vollidioten mache, wurde nichts mehr entgegensetzt. Dass der Begriff „Nazi“ selbst entwertet wurde, ist klar.
Man möchte, vermutlich um sich selbst einen Platz im Himmel zu sichern, seine Seele läutern und befriedigt ebenjene dadurch, dass man skandiert (vor allem in sozialen Medien), Rassismus habe keinen Platz in unserer Gesellschaft; Leute, die Auto fahren, sind die Haupttäter des Klimawandels; ebendies gilt für Leute, die Fleisch essen. Wer mit Fakten (z.B. die gewaltige Überbevölkerung, siehe Prognosen: Afrika im Jahre 2100 etwa 4,3 Milliarden) entgegnet, wird – wie gesagt – mit irgendwelchen Attributen pathologisiert, um sich selbst aus paternalistischer Fürsorge (man möchte dem anderen schließlich zu seinem Heil verhelfen oder ihn ausgrenzen) auf einen erhöhten moralischen Podest zu setzen und diese Person zu verurteilen. Der ‚gehlensche‘ Humanitarismus spielt hier eine maßgebliche Rolle.
Aber, wie Rupert Scholz schön herausgestellt hat, ist „Moral wie Humanität keine eigene Rechtsquelle. In einem Staat, in dem eine Gesellschaft zusammenlebt, können nur das Gesetz und die Verfassung die maßgebende Linie sein. Keine sogenannte Moral darf sich darüber hinwegsetzen. Andernfalls ist der Rechtsstaat am Ende.“
https://www.welt.de/politik/deutschland/plus205309075/Klimaschutz-Moral…

Ulrich Weiler

Lieber Herr Böhle,

die Beispiele, die Sie für das "Durcheinandergehen" aufzählen, haben eines gemeinsam: Sie beruhen nicht auf persönlichem Erleben, sondern auf Ihrem Medienkonsum (vor allem wohl Fernsehen). Beispielhaft sei daran erinnert, dass ebendiese Medien in Ihrem ersten Beispiel lange von "Dieselthematik" berichtet haben, bis sie aus nicht kommunizierten Gründen auf "Dieselbetrug" umgeschwenkt sind, wie in unserem Land üblich ohne das "audiatur et altera pars", d. h. ohne die Argumente beider Seiten anzuhören bzw. darüber zu berichten. Auch bei "cum-ex" geht es zunächst nicht um einen Rechtsverstoß, sondern um das Ausnützen der Dummheit unserer Gesetzgebung. Natürlich darf im Nachhinein der dumme Bürger, der letztlich für die dumme Gesetzgebung verantwortlich ist, auf seine selbstverschuldete Unwissenheit nicht hingewiesen werden: Schuld ist nicht er, sondern die anderen.

Eine Frage oder gar Forderung nach einer neuen Moral sollte m. E. auf Ihren eingenen Erfahrungen, also Ihrer höchstpersönlichen Lebenserfahrung sich gründen. Kennen Sie persönlich Menschen, denen Sie eine andere, bessere Moral wünschen? Können Sie dies begründen, z. B. damit, dass diese Menschen dann glücklicher oder besser leben? Es genügt nicht, diejenigen Mitmenschen, die Lösungen auf misslungene Polit-Entscheidungen gefunden haben, zu kritisieren.

Abschließend eine Anmerkung zum Hass: Dieser Begriff dient zu Zeit vor alllem zur Diffamierung politischer Gegner - nach meiner Erfahrung ist Hass so selten wie das, was mit dem Gegenbegriff "Liebe" bezeichnet wird. Auch dies ist meine persönliche Wahrnehmung: Die meisten Menschen, die ich kenne, sind werder in der Lage, zu lieben, noch zu hassen (für beides gibt es übrigens moralische Begründungen - wir sollen das Gute lieben und das Schlechte - Böse - hassen). Demnach ists Liebe an sich so wenig moralisch wie Hass an sich unmoralisch ist, falls nämlich das Schlechte geliebt (pfui) bzw. das Schlechte gehasst (klasse) wird. Im Beschimpfen von unliebsamen Mitmenschen wird auf diesen feinen, aber wichtigen Unterschied nicht geachtet.

Rüdiger Eduard Böhle

Sehr geehrter Herr Weiler

Besten Dank, daß Sie sich die Mühe machten, meinen Text zu lesen.
Auf Ihre Anmerkung kann ich allerdings meinerseits nicht antworten. Was Sie sagen, hat mit meinem Text nichts, aber auch gar nichts zu tun. Diese Differenz vermag ich auch nicht auszugleichen: mea culpa!
Was Sie sagen, geht daher ohne Einwand in Ordnung! Man muß meinen Text ja auch nicht verstehen; ihn gar als sinnvoll wahrnehmen.
Insofern gehe ich mit Ihnen völlig d’accord!

Mit freundlichen Grüßen
Rüdiger E. Böhle

Norbert KNOLL

"Brauchen wir eine NEUE MORAL".

Das ist eine großartige Frage, die sich vermutlich nicht so einfach beantworten lässt wie die Frage: "Brauchen wir einen neuen Staubsauger?"

Und doch müsste sie auf die gleiche Art und Weise beantwortet werden:
(a) Zuerst klären, wie unser alter Staubsauger aussieht.
Und dann (b) ganz wichtig: Klären was der Staubsauger leisten soll bzw. (c) Gründe dafür angeben, weshalb der alte Staubsauger ersetzt werden sollte.

Mein Antwortversuch wäre einfacher und kürzer.
Moral stellt Orientierungsmarken bereit, die ein Leben von Individuen in einem Kollektiv erst ermöglichen, indem sie gleichermaßen die Ausrichtung des eigenen Handelns anleiten und das Handeln der Anderen antizipierbar machen.

In einem Punkt gebe ich Ihnen Recht:
"Der kategorische Imperativ ist KEINE Moral!
Der kategorische Imperativ ist lediglich ein formales Prüfkriterium für jedwede konkrete Moral, die sich in für das Handeln von Menschen relevanten Normen und Werten ausdrückt.

Eine Moral, die diesem Prüfkriterium genügt, impliziert für ein Kollektiv Gleichheit an Rechten für alle Individuen.

Allerdings bezweifle ich, dass diese Implikation in real existierenden Gesellschaften mehrheitsfähig wäre; zu sehr haben wir uns an ein System von Vorrechten und Minderrechten gewöhnt, als dass wir uns vorstellen könnten, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

Rüdiger Eduard Böhle

Sehr geehrter Herr Knoll

Die Parallelität von Neuer Moral und Neuer Staubsauger: Eine amüsante Anregung!
Meine These: diese Pragmatik resultierte in die Einsicht, den Staubsauger nie wieder zu brauchen; und schon gar nicht ersetzen!

##### Moral stellt Orientierungsmarken bereit:
Der Moralwechsel qua Staubsaugerwechsel klappte dann, wenn die Moral ihres elementaren Charakters, die Orientierungsmarken des Wertens im Anspruche eines Maßes von „gut“ zu setzen, entledigt würde und so zur Regel, die sich empirisch bewährt bzw. scheitert, mutierte.

##### Der Kategorische Imperativ ist KEINE Moral:
Der Kategorische Imperativ kann als „ein formales Prüfkriterium für jedwede konkrete Moral“ – mißbraucht – werden; gemeinhin wird er auch dieser Weise instrumentalisiert: was die Sache nicht besser macht!
Der Kategorische Imperativ terminiert den Anspruch an das Bedenken einer Intention für ein konkretes Handeln und Verhalten in kritischer Distanz, um an dieser Intention deren Entsprechung zum Zwecke der Steigerung, zumindest der Gewährung des Lebens überhaupt und des Menschen im Besonderen, zu eruieren und zum Bewußtsein zu bringen.
Der Kategorische Imperativ zerfällt vor der Moral, wenn diese kulant konnotiert ist, zur Nichtigkeit: die Moral sagt doch, was ‚gut‘ ist; was soll hier noch ein Kategorischer Imperativ? – Wenn die Moral streng, umgangssprachlich: rigide, terminiert ist, dann mutiert der Kategorische Imperativ im Urteile der Moral eo ipso zum Skandalon: weil er sich anmaßt, den Absolutheitsanspruch der Moral kritisch zu bedenken, und also aufzuheben!

##### Kategorischer Imperativ qua Prüfkriterium:
Keine Moral, eo ipso subjektiv und volatil fundiert, wahrt sich vor dem Kategorischen Imperativ.
Recht wird ‚gesetzt‘; ebenso dessen „Gleichheit“ in der Geltung. Und also kann – in gleicher Weise gültig – auch Anderes gesetzt werden. Squealer schreibt es deutlich vernehmbar an die Wand: All animals are equal, but some animals are more equal than others!

##### Traum und Wirklichkeit
Wie Radio Eriwan: im Prinzip d’accord, ABER …
Die ‚real existierenden‘ Sozialitäten haben sich „an ein System von Vorrechten und Minderrechten gewöhnt“ – aus schlichter Pragmatik qua Resultat seit lange her ‚geübter‘ Denkresistenz (Kant; was heißt Aufklärung?)
Ich möchte es plakativ so formulieren: die Anerkennung des Kategorischen Imperatives und seine stringente Anwendung so trivial wie spezifisch würde jede Revolution, die je in der Menschheitsgeschichte sich ereignete, ‚in den Schatten stellen‘!

Mit freundlichen Grüßen
Rüdiger E. Böhle

Norbert KNOLL

Sehr geehrter Herr Böhle,
Ihrer wortreichen (für einen einfachen Menschen wie mich schwer nachvollziehbaren) Antwort entnehme ich, dass ich mich mangelhaft ausgedrückt habe. Mein Vergleich mit dem Staubsauger geht von sehr einfachen Überlegungen aus, die ohne besondere philosophische Vorkenntnisse auskommen und lediglich ein gewisses Maß an für die Bewältigung des Alltags erforderlichem Wissen voraussetzen.

Ein Staubsauger ist kein Selbstzweck, nein Menschen gehen in Geschäfte, kaufen Staubsauger, weil sie ihre Wohnung sauber halten wollen, den Arbeitsaufwand zur Reinigung der Wohnung gering halten wollen oder aus vielerlei anderen Gründen, die ich hier nicht vollständig anzuführen vermag.

Eine Moral ist ebenso wenig Selbstzweck wie ein Staubsauger und genau so, wie man Kriterien benötigt, um zu entscheiden, ob es der alte noch tut oder man ein neues Gerät kaufen soll, werden mit Vernunft begabte Menschen Kriterien angeben anhand derer sich eine Entscheidung für oder gegen eine alte/neue Moral treffen lässt. Die Grundfrage ist: Was soll die Moral leisten? Welchen Kriterien soll sie genügen?

Ich bin nur ein einfacher Ökonom und meine Antwort ist ebenso einfach: Die von einer Moral zu erbringende Leistung liegt in ihrem Beitrag zu einem auf längere Sicht erträglichen Zusammenleben von Menschen in Kollektiven. [Ich verzichte darauf zu begründen, warum man die Moral nicht wie die Windeln wechseln sollte]

Robinson Crusoe braucht keine Moral, solange er alleine auf seiner Insel lebt, erst wenn Freitag dazu kommt, brauchen die beiden eine Moral. Das habe ich in meinem Beitrag - vielleicht für Sie missverständlich - so formuliert:

"Moral stellt Orientierungsmarken bereit, die ein Leben von Individuen in einem Kollektiv erst ermöglichen, indem sie gleichermaßen die Ausrichtung des eigenen Handelns anleiten und das Handeln der Anderen antizipierbar machen."

Besser kann ich es jetzt leider auch nicht sagen, ich kann es nur wiederholen und Ihnen erneut zur Kenntnis bringen.

Sie können jetzt sagen, Robinson und Freitag könnten sich auf die "Moral einer Sklavenhaltergesellschaft" einigen oder auf die recht einfache und weithin gebräuchliche Moral, die dem "Recht des Stärkeren" folgt.

Um nun eine Beurteilung verschiedener moralischer Ansätze vornehmen zu können, braucht es Prüfkriterien. Und sehen Sie, genau darin liegt die besondere Leistung und Genialität des kategorischen Imperativs.

Sie haben in Ihrem ersten Beitrag drei Versionen des Kategorischen Imperativs aufgeschrieben. Versuchen Sie jetzt eine konkrete Anwendung auf die beiden Ansätze (a) einer Sklavenhaltergesellschaft oder (b) einer Gesellschaft mit dem Recht des Stärkeren.

Stellen Sie sich dann noch die Konsequenzen einer lückenlosen Befolgung dieser beiden moralischen Ansätze auf den Zustand und die Weiterentwicklung einer Gesellschaften vor. Sie müssten zu dem Ergebnis kommen, dass beide Ansätze aufgrund der an Personen haftenden Vorrechte & Minderrechte die Prüfung nicht bestehen können.

Demgegenüber würde die für einen winzigen Teilbereich unseres Alltagslebens in der Straßenverkehrsordnung verwirklichte Moral dem kategorischen Imperativ sehr wohl genügen. Wenn es dennoch an Kreuzungen zu Unfällen kommt, dann wäre es naiv zu glauben, man müsste die bestehende Straßenverkehrsordnung durch eine neue ersetzen.

Rüdiger Eduard Böhle

Sehr geehrter Herr Noll
Danke für Ihre Mühe, meinen Text nicht nur zu lesen – und dann, weil wortreich und schwer zu verstehen –, im Orkus zu beseitigen, sondern zu beantworten. Also, und natürlich wieder wortreich, aber, so möchte ich mich bemühen, gemeinhin verständlich antworten.

##### soweit ich mich erinnere, ging mit Ihnen und Ihrer Parallelität von Moral und Staubsauger d’accord und nannte diese „amüsant“! Was erweist sich hieran – wie auch im dann Folgenden –, so schwierig zu verstehen?

##### Die Begründung, einen Staubsauger zu kaufen: d’accord; diese Alltäglichkeit setzte das Maß – und terminiert die Differenz zur Moral: die – beim Staubsauger irrelevante – ‚Wertung‘! Diese fundamentale Differenz, die Sie außer Acht lassen, kolportierte ich etwas ironisch und das Moral-Thema antizipierend mit dem Hinweis, daß kein Staubsauger mehr gekauft würde.

##### Staubsauger und Moral kein Selbstzweck: Ihr fundamentaler Irrtum!
Der Staubsauger ist, wie Sie ganz richtig sagen: kein Selbstzweck! Die Moral hingegen sehr wohl – und darüber hinaus: der Anspruch auf die absolute Position, die auch „Transzendenz“ genannt wird, samt harter Sanktionen, wenn diese absolute Position nicht anerkannt und sich ihr nicht unterworfen wird. Die harmloseste Form: ihr sozialer Kontext distanziert sich von Ihnen qua einem ‚unmoralischen‘ Menschen; die etwas rigidere Form: es wird ein bemerkbarer sozialer Druck auf Sie ausgeübt, der Ihnen deutliche nahe legt, daß Sie sich der Moral unterwerfen.
Das Kriterium für eine Staubsauger wird ‚vernünftig‘ terminiert, weil Anderes ins Scheitern resultiert. Das Kriterium für Moral hingegen ist Meinen, Glauben, für-gut / schlecht halten …; gewiß aber nicht Vernunft. – Plakatives Beispiel möge sein: die gleichgeschlechtliche Beziehung; die Gleichberechtigung; die Hautfarbe; die soziale Schichtung … und die hiermit verbundene Wertung.
Moral und Vernunft: klappt nicht so recht!
Unternehmen Sie mal das empirische Experiment – allein nur in ihrem sozialen Kontext, „die Grundfrage (zu beantworten), was soll die Moral leisten? Welchen Kriterien soll sie genügen?“ – Anschauungsgegenstand: Die Vernunft im Anblicke der Moral eines Orban; eines Kaczyński, eines Trump, der Klerikalen, der Querdenker … Frage: wie viel Vernunft vermögen Sie hier zu finden?
Kehren wir zu Sache und ihrer Logik zurück: Da Sie die fundamentale Differenz zwischen der technisch-funktionalen Zweckmäßigkeit eines Staubsaugers und dem Unterwerfung auf der absoluten Position beanspruchenden Wertungssystem der Moral außer Acht lassen, zerfällt Ihre mit dem Staubsauger und seiner alltäglich sich nützlich erweisenden Funktion sehr fein angesetzt Argumentation: Der Staubsauger funktioniert so und dann und zu dem Zwecke, wie Sie seine Funktionspotenz für sich instrumentalisieren.
Die Moral ist keine technisch terminierte Funktion, die nach Ihren Intentionen instrumentalisiert werden könnte und dann gemäß Ihrer Intention funktioniert: Die Moral ist nicht, wie der Staubsauger ‚unter Ihrer Kontrolle‘ und erfüllt auch nicht Ihre Intentionen, sondern Sie sind, so und nur so ‚funktioniert‘ Moral, der Moral gemäß ihrem absoluten Anspruche subsumiert und nicht diese Ihnen!
Die Moral fordert Ihre Unterwerfung unter Handlungs- und Verhaltensanweisungen, die nicht von Ihnen terminiert wurden, über die Sie auch gar nicht verfügen dürfen – wenn Sie moralisch handeln und sich verhalten wollen; wenn Sie moralisch sein können wollen! Der Staubsauger hingegen steht rum, bis Sie Ihn zu Ihrem Zwecke gebrauchen; Sie entledigen sich des Staubsaugers, wenn er Ihnen nicht mehr taugt. – Eine ‚Entsorgung‘ der Moral gleich der Entsorgung eines Staubsaugers klappt nicht so wirklich – weder im Persönlichen, noch innerhalb eines sozialen Kontextes.
Diese fundamentale Differenz kommt in Ihrem Gedanken zur Sache nicht vor.

##### Ökonomie und Moral
Wie paßt Ihre Moral mit der Moral einer Ökonomie der Vorgenannten, insbesondere mit China, Bangladesch … zusammen? Eine moralisch konditionierte Ökonomie! Eine ridikül moralisch konzipierte Ökonomie (und Politik) ruinierte einstens eine UDSSR und den zugehörigen Ostblock. Die sozialen Dissonanzen in unserem Staate erweisen sich auch nicht gerade als eine Ökonomie qua Ausweis von Vernunft, wohl eher qua Moral: es ist eine moralische Aussage, daß „nur Beschiß“ die Abgasregel bei Dieselmotoren einzuhalten sei; daß eine Geld-Ökonomie bis hin zur Digitalisierung des Geldes inszeniert wird, die darauf abzweckt, die Menschen zu willfährigem Konsum zu zwingen und bei Weigerung, das Geld nach Maßgabe der Ökonomie auszugeben, dieses per Strafzinsen liquidieren zu können …!
Ich nehme an, daß Ihnen die Ökonomien dieser Moralformen bekannt sind – und Ihnen nicht zusagen. Wenn dem so ist und Sie Ihre Moral wider jene Moral avisieren, dann beanspruchen Sie allerdings dasselbe wie jene Anderen: daß allgemein gelte, was Sie, und also ganz subjektiv konditioniert, ‚für gut halten‘!
Na ja, jede Moral stellt diesen Anspruch, und zwar absolut, gemeingültig zu sagen, was das Gute, was das Böse ist – und alle haben sich, ihr Leben danach zu richten!
Keine Moral kann sich – vor dem Kriterium der Vernunft – auch nur einen Augenblick wahren, sondern scheitert bis hin zur Lächerlichkeit, wenn’s harmlos ausgeht; bis hin zur Tödlichkeit, wenn’s nicht so harmlos ausgeht!

##### Robinson Crusoe
d’accord, wenn Sie das ernst nehmen, was Sie sagen: Regeln und nicht Moral!
Regeln beanspruchen, einen Sachverhalt intentional ‚auf die Reihe zu bringen‘. Diesem Anspruche genügt eine Regel oder eben nicht. Genügt sie, bleibt sie weiterhin in Geltung gesetzt; scheitert sie, wird sie – gemäß der Einsicht in ihr Scheitern – auf ihren Zweck hin verbessert oder eliminiert. Sowohl, den Bestand zu wahren, wie die Regel zu ändern und sie zu eliminieren, fundiert sich nicht in einer Wertung, sondern in der Rationalität, die wir gemeinhin „Zweckmäßigkeit“ nennen und die wir, kontradiktorisch anders als bei der Moral, empirisch in jeder Anwendung ‚in die Prüfung‘ stellen: Regeln umgibt keine ‚heilige Aura‘, sondern die kritische Distanz der Rationalität.

##### Orientierungsmarken bereitstellen
Auf der Stufe der Regel: d’accord! Auf der Stufe von Moral samt deren Werte und Wertehierarchie: Nein!
Regeln avisieren zu einem intentional effektiven Handeln und Verhalten wie ebenso, jedoch immer nur auf der Stufe eines Anhaltes, für eine Antizipation, wie Andere handeln und sich verhalten könnten. Regeln intendieren ihre Instrumentalisierung zum Zwecke; der Mensch setzt den Zweck und leistet die Intentionseinlösung per Instrumentalisierung von prädeterminierten Regeln, – wenn diese zweckmäßig zur Sache taugen.
Regeln intendieren, das Eigene, Persönliche, Individuelle eines Menschen, und also selbst- oder souverän bestimmt … im konkret gegebenen Kontext zu verwirklichen; konkret: zum Vorteile des Einen wie ebenso sehr und zugleich zum Vorteile Aller – wenn Solches in den Horizont der Regel fällt!
Plakatives Beispiel: Verkehr. Das Handeln und Verhalten der Verkehrsteilnehmer wird kein ‚vernünftiger‘ Verkehrsteilnehmer funktional vergewissert antizipieren, sondern immer nur unter dem Verdikt einer ‚gewissen Skepsis‘, die wir auch „Vorsicht“ nennen.
Ein plakatives Kontra-Beispiel: das subjektiv und emotional konnotierte Verhältnis von Menschen, gemeinhin Empathie bis Liebe, fällt nicht in den Horizont von Regeln; schon gar nicht allgemein gültigen und zum Zwecke, das Handeln und Verhalten des Anderen antizipierbar zu machen!
Moral hingegen intendiert – aus der absoluten Werte-Position her terminierend – das Leben der Menschen gerade nicht auf diesen selbst hin zu orientieren, sondern auf ein wertefundiertes Verdikt des Guten hin zu diktieren. Der Mensch an und für sich ist der Moral das Skandalon und darum erst unter dem Verdikt der Moral überhaupt ‚auf dem Wege zum Menschen‘: zu dem Menschen, den – aus transzendenten Sphären her – die Moral terminiert! Keine Moral kann anerkennen; kann gar nicht anerkennen wollen, daß der Mensch „Zweck an sich selbst“ ist. Der Mensch, Zweck an sich selbst, schließt Moral kontradiktorisch aus; Regeln hingegen erweisen sich gleichsam als conditio sine qua non!

##### Robinson und Freitag auf eine Moral einigen:
Sie irren sich fundamental! Robinson und Freitag können sich weder auf die „Moral einer Sklavenhaltergesellschaft“ einigen, noch auf „das Recht des Stärkeren“! Welche Moral gilt, resultiert aus der Gewalt zur Domination, nicht der Diskussion!
Vor dem ‚Richterstuhle‘ des Kategorischen Imperatives vermag sich, wie ich schon mehrfach anzeigte, keine Moral zu wahren; nicht einen Augenblick, nicht in einem Moment: weil keine Moral – innerlogisch notwendig – anerkennen, daß der Mensch Zweck an sich selbst ist. Anders formuliert: conditio sine qua non der Moral ist, daß der Mensch Zweck an sich selbst ist, radikal negiert wird – und notfalls, wie die Geschichte der Menschheit bis zur Gegenwart uns in epischer Breite erzählt, auch per Gewalt bis hin zum Tode!

##### Prüfkriterium
Der Kategorische Imperativ ist die stringente Aufhebung der Moral zur Nichtigkeit. Weder die Moral der Sklavenhaltergesellschaft, noch das Recht des Stärkeren kann sich im Kriterium des Kategorischen Imperatives auch nur einen Augenblick wahren, sondern zerfällt an sich selbst innerlogisch stringent zur Nichtigkeit oder zur Kontradiktion wider den Menschen.
Die sozialen Dissonanzen in einer Sozialität resultieren aus dem Widerspruche jeder Moral innerlogisch stringent; weshalb moralisch verfaßte Sozialitäten, wiederum innerlogisch stringent, eines situativ konditionierten und auf den Tod hin konzipierten Gewaltapparates bedürfen.

##### Kategorischer Imperativ und Straßenverkehrsordnung
Das Kriterium der Straßenverkehrsordnung hat nicht im Kategorischen Imperativ seinen Ort, sondern in der trivialen Zweckmäßigkeit. Weshalb auch nicht der Kategorische Imperativ bei einem Unfall verletzt wird, sondern die Achtsamkeit auf die Stringenz der Zweckmäßigkeit, wie Solches in der Verkehrsordnung terminiert vorliegt.

Mit freundlichen Grüßen und in der Annahme,
mich verständlicher ausgedrückt zu haben
Rüdiger E. Böhle

Norbert KNOLL

Sehr geehrter Herr Böhle,
ich fürchte das wird nicht besser mit der Verständlichkeit unserer Beiträge füreinander. Ihre Beiträge und Antworten haben dennoch ein Gutes: Es zwingt mich, meine Überlegungen wiederholt zu überdenken.
MFG
N. KNOLL


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