Blumenbergs Wahrheit

Gerhard Joseph Lindenthal • 29 Juni 2020

Hans Blumenberg. Der unsichtbare Philosoph. Ein Film von Christoph Rüter. Köln 2018/Berlin 2020.

Darstellende: Bettina Blumenberg, Christian Dräger, Jürgen Goldstein, Carsten Groth, Michael Krüger, Burkhard Lütke-Schwienhorst, Martin Meyer, Melanie Müller, Heinrich Niehues-Pröbsting, Heinz Rohrbach, Klaus Schölzel, Philipp Stoellger, Denis Trierweiler, Nicola Zambon und Rüdiger Zill.

In diesem Film tritt auch der Philosoph Hermann Lübbe auf.

In einem in dem Jahr 2016 geführten Gespräch, das er mit Burkhard Lütke-Schwienhorst, Klaus Schölzel, der nie zu Wort kommt, und Rüdiger Zill führte, erklärt Lübbe, dass er Hans Blumenberg zuerst auf dem V. Deutschen Kongress für Philosophie 1957 in Marburg Lahn begegnet sei. Zu dieser Zeit sei Blumenberg außerplanmäßiger Professor in Kiel gewesen und er Privat-Dozent in Hamburg. Beide pflegten eine eingehende Bekanntschaft mit Ludwig Landgrebe, dem Doktorvater von Hans Blumenberg, dessen Assistent er selber zeitweise gewesen sei, und beide verband auch ein lebhaftes Interesse an der Phänomenologie und an ihrer Methodik. Wiederbegegnet seien sich beide auf dem VII. Deutschen Kongress für Philosophie 1962 in Münster Westfalen, der unter dem Leitspruch „Die Philosophie und die Frage nach dem Fortschritt“ stand (vgl. Die Philosophie und die Frage nach dem Fortschritt. Verhandlungen des VII. Deutschen Kongresses für Philosophie, Münster 1962. Hrsg. v. Helmut Kuhn u. Franz Wiedmann. München 1964. 352 S.). Blumenberg und er waren auf diesem Kongress als Vortragende für das Thema ‚Säkularisation‘ vorgesehen, über das beide Referate abhielten. Lübbe betont, dass er zu dieser Thematik den Begriff der Ideenpolitik eingeführt habe, den Blumenberg von ihm übernommen hat (vgl. Hermann Lübbe: Säkularisierung. Geschichte eines ideenpolitischen Begriffs. Freiburg Breisgau 1965. 136 S.). Hinsichtlich dieser sehr eingehend diskutierten Thematik, hebt Lübbe hervor, sei  Blumenberg seiner Meinung nach „letztinstanzlich als ein Religionsphilosoph anzusehen“. (Diese äußerst bemerkenswerte These wird neuerdings auch von Almut Bruckstein und Michael Moxter erhoben, die auf einem Berliner Kolloquium »Entlastung vom Absoluten. Hans Blumenberg und die Folgen«, das Februar 2020 stattgefunden hat, die „religionsphilosophische Relevanz Hans Blumenbergs“ betonten.)

Obwohl Blumenberg und er in ihren philosophischen Positionen stark voneinander divergierten, scheinen sie sich gegenseitig kollegial geschätzt zu haben. Blumenberg wies seine Studenten auf einen Aufsatz von Hermann Lübbe hin, der den Titel „Neue Apokalyptik und alte Konstellationen“ (wiederabgedr. in: Fortschrittsreaktionen. Über konservative und destruktive Modernität. Graz 1987. S. 93–98) trägt. Hinsichtlich seiner Behauptung, Blumenberg sei eigentlich als ein Religionsphilosoph anzusehen, wird Lübbe von Rüdiger Zill gefragt, ob man sagen könne, dass Blumenberg „von dem Glauben abgefallen sei“. Lübbe erklärt, diese Behauptung sei „sehr erläuterungsbedürftig“. Schließlich konzediert er, dass man, in dem Sinne dieser Behauptung, sagen könne, dass einer eine tradierte Glaubens-Praxis, die er als obsolet ansieht, verlassen hat. Das Verlassen einer tradierten Glaubens-Praxis, in dem Fall Blumenbergs die des Katholizismus, hätte aber für Blumenberg etwas äußerst Bedenkliches zu Folge gehabt, nämlich die, dass Blumenberg umwillen eines philosophischen Werkes, das er in einem sehr ungewöhnlichen und breiten Umfang geschaffen hatte, das Leben eines Philosophen, das schlechterdings nicht anders, als in seiner ihn umgebenden Welt zu führen sei, in Gänze aufgegeben habe, so dass der Eindruck, dass Blumenberg über eine Welt geschrieben hat, aus der er sich seit geraumer Zeit willentlich und in Gänze herausbegeben habe, nicht zu unterdrücken sei. Nach Lübbe sei Blumenberg mit seinem eigenen Leben äußerst unphilosophisch umgegangen.

Lübbe sagt abschließend, diese Härte, mit der auch Blumenberg andere behandelt hätte, mit der er jetzt über Blumenbergs Leben geurteilt hat, gelte auch für sein Werk, das immens sei. Gefragt, ob sich die immense und überdimensionierte Hypertrophie des Blumenbergschen Werkes auf irgendeine Weise zusammenfassen ließe, antwortet Lübbe, ja, sie ließe sich sogar in einem einzigen, schmalen Buche zusammenfassen, das zwar keine Banalitäten, sondern Trivialitäten enthielte, die man auch anderenorts finden kann. Mit diesen bemerkenswerten Bekundungen Hermann Lübbes schließt das in dem Wesentlichen zwischen Rüdiger Zill und ihm geführte Gespräch. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass Lübbe die Wahrheit sagt. 

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