Blumenbergs Ende

Gerhard Joseph Lindenthal • 13 Juli 2020

Luther

Man kann nur rätseln, was Luther mit seinem Ausspruch, „wer auf das Nichts trauet, der hat zweierlei Schaden“, gemeint hat. Da Luther aber mit unmittelbarer Sicherheit der geistmächtigste Mann in der Geschichte der abendländischen Menschheit, eine andere, als diese, existiert nicht, denn jede nichtabendländische Menschheit, wie beispielsweise die chinesische, ist gezwungen, sich in ihrer gegen sie sich kehrenden erfolglosen Abwehr umwillen ihrer Selbstaufgabe ihr anschließen zu müssen, ist, darf vermutet werden, dass er sich auch in seiner äußersten Rätselhaftigkeit nicht geirrt hat. Allerdings, was bedauerlich erscheint, wir müssen Luthers Ausspruch auf sich beruhen lassen, wir können nicht angeben, was er gemeint hat, selbst eine Konjektur an diesen Ausspruch anbringen zu wollen, wäre müßig. Warum aber erheischt auch, besser gesagt, gerade, dieses Diktum Luthers unser höchstes Interesse? Es beansprucht aus demjenigen Grunde unser stetes Interesse, weil es die Form der Parabel, in der jener Ausspruch sich mitteilt, ist, dieselbe Form sich auch in den Proverbia Salomonis und in den Gleichnisreden Jesu zu erkennen gibt. Eine Parabel, erklärt Johann Friedrich Ludwig Hirst (1751–1794), aber verdichtet eine mögliche Begebenheit, die eine Lehre oder eine Wahrheit vorstellt. Es soll demzufolge in der Parabel die Möglichkeit, die in der Philosophie die weitaus höhere und größere Vorrangigkeit vor der Wirklichkeit besitzt, dargetan werden, wie dieselbe von menschlichen Begebenheiten Besitz ergreift, um deren Lehre oder Wahrheit überhaupt fassbar machen zu können. Auf Luthers Ausspruch angewandt, hieße das, dass, obwohl dessen substantieller Aussagegehalt vorläufig nicht ergründet werden kann, er auf jeden Fall eine Lehre enthält, die unbedingt zu beachten ist, um einen möglichen Schaden von sich abzuhalten.

Botschaft

In der hebräischen Literatur gilt Salomo als ein Lehrer der Weisheit, sogar als deren höchster, mit gleichem Recht könnte für die griechische Literatur Jesus ein Weisheitslehrer genannt werden. Beiden diente die Parabel, um deren je spezifischen, jedoch einfach zu fassenden Lehrgehalte den Menschen, nicht nur mitzuteilen, sondern dieselben ihnen zu überbringen. Beide wollen nicht nur Mitteiler, sondern vielmehr Überbringer einer Botschaft, die eine Lehre oder eine Wahrheit enthält, sein. Dieses aus dem Grunde, weil die Botschaft, die einer überbringt, sich an den bindet, der sie überbringt. So konnte es in der Antike geschehen, dass ein Läufer, der einer Stadt eine negative Botschaft zu überbringen hatte, für das, was er überbrachte, von deren männlichen Einwohnern getötet wurde. Aus diesem Grunde kann, vielmehr, muss, gesagt werden, was eine Botschaft ist, entscheidet sich nicht an deren Inhalt, sondern an deren Träger. Eine Nachricht ist belanglos, eine Botschaft nicht. Bloß Nachricht zu geben, ist müßig und auf Dauer langweilig. Wer sich einer alle Dämme brechenden Nachrichtenflut aussetzt, muss ernsthaft befürchten, um seinen Verstand gebracht zu werden, zumal Nachrichten nur von Einem Vermeldung geben können, welches die Positivität des Bestehenden ist, die seine Identität ist. Wer aber wissen will, was das Identische ist, der sollte Adorno lesen, der der Ansicht war, dass das Identische das Schlechte sei.         

Nichtidentisches

In der Nachricht sind, in einer gewissen Weise, Inhalt und Träger identisch, weil beide nicht aneinander gebunden sind, beide sind nicht miteinander fest verbunden, ihre Nicht-Verbundenheit, anderenfalls sie unwahr wäre, entspricht ihrer Identität, in der Botschaft nicht, ihr Inhalt ist an deren Träger fest gebunden, anderenfalls, außer dass sie unwirklich wäre, beide auseinander gerissen werden könnten und separat, unabhängig voneinander, erscheinen könnten, was sodann deren Identität verbürgen würde. Das Auseinandergerissensein ist der Beweis ihrer Identität. Die Nachricht, dass Tausende von Menschen in dem Mittelmeer auf ihrer Flucht aus ihrer Heimat elendig ertrinken, wird von ästhetisch ansprechenden, wohlgenährten und kein Elend kennenden Menschen verbreitet, niemand würde auf die Idee kommen, diese Menschen töten zu müssen, weil sie Mitteiler dieser Nachricht sind. Die Mitteilung der Nachricht ist der Beweis ihrer Identität, ihre Identität macht sie immun gegen jede Art, sich für die Nachricht rechtfertigen zu müssen, die Überbringung der Botschaft ist der Beweis ihrer Nichtidentität, könnte das Resumée aus dem oben Dargestellten lauten. Identisch ist, was sich nicht aneinander binden lässt, nichtidentisch, was sich aneinander binden lässt. Eine Art von Aneinander-sich-binden-lassen ist die Ehe, von der keiner sagen kann, dass deren beide Teile miteinander identisch seien. Unsere Gegenwart ist es gewohnt, Nachrichten zu hören, in diesem Nachrichten-Hören verelenden wir geistig, wir gehen geistig zu Grunde, weil wir es nicht mehr gewohnt sind, auf Botschaften, die uns erreichen wollen, hören zu können. Wir können nicht glauben, oder wir wollen nicht wahrhaben, dass der Überbringer einer uns angehenden und uns betreffenden Botschaft sich an dieselbe fest gebunden hat, um deren nichtidentischen Wahrheitsgehalt mit seinem eigenen Leben bezeugen zu können.

Wahrheit

Was sind nichtidentische Wahrheitsgehalte? Dieses Wortungetüm, das sich vor uns aufbaut oder auftut, kann schnell destruiert werden, wenn gewusst wird, dass Wahrheit immer nur von einem Menschen gesagt oder ausgesagt werden kann, wenn dieser Mensch die von ihm ausgesagte Wahrheit entweder erfahren oder erkannt hat. Der Mensch, der die Wahrheit sagt, muss sich an sie fest binden lassen, er muss sich mit ihr fest verschnüren lassen, dass nicht der Eindruck entsteht, beide seien miteinander identisch. Denn wie kann ein Mensch, der ansonsten lügt, die Wahrheit sagen, wenn er nicht zuvor sich an sie hat festbinden lassen oder sich auf sie hat aufbinden lassen? Der Galeerensklave, um von seiner Existenz wahrheitsgemäß Bericht erstatten zu können, muss sich zuvor fest an die Galeere hat binden lassen, wäre er nicht der Gebundene der Galeere, könnte er nur unwahrheitsgemäß von seiner Gebundenheit anderen Nachricht erteilen. Es könnte gefolgert werden, dass ein Bekenntnis, eine Konfession, man denke an Augustinus, aber auch an Rousseau, nur dann ein wahres oder wirkliches Bekenntnis sein kann, wenn der Bekennende sich an den Inhalt seines Bekenntnisses fest anbinden lässt, denn nur diese Festanbindung gewährt ihre Nichtidentität, was in diesem Falle hieße, ihre Wahrheit.

Bekenntnis

Dieses alles mag trivial erscheinen, wenn ausschließlich erwiesen wäre, dass obige Festanbindung die Formalität, aber nicht die Materialität, der Wahrheit garantiere. Wir hatten gesagt, was Wahrheit ist, entscheidet sich an deren Überbringer. Die formale Wahrheit, dass Rousseau Verfasser einer Schrift, die er »Les confessions suivies des rèveries du promeneur solitaire« gennant hat, und deren beiden Teile 1782 in Genf erscheinen sind, ist zugestanden, aber wer verbürgt die materiale Wahrheit von deren ausgesagtem Inhalt, als deren Überbringer Rousseau anzusehen ist? Etwa Rousseau selbst? Müsste deren Inhalt von der Person ihres Überbringers nicht ablösbar sein, um überhaupt allgemeine Bedeutung, über die Person Rousseau hinaus, erlangen zu können? Ebenso bei Luther, bei Jesus und bei Salomo. Müsste das, was Jesus gelehrt hat, nicht von seiner göttlichen und menschlichen Person gänzlich abgelöst werden, um den von ihm vertretenen Lehrgehalt seiner Reden allen Menschen als verbindlich und wahr erscheinen zu lassen? Nehmen wir ein anderes Beispiel, nehmen wir den Fall Blumenberg.

Blumenberg

Warum ist Blumenberg ein Fall? Ist es nicht diskriminierend, von einem Philosophen als von einem Fall zu sprechen? Das Wort ‚Fall‘ soll hier nicht als Sturz, was Blumenberg auch ist, er ist ein Gestürzter, von einem Sockel Gefallener, verwandt werden, sondern als Abstraktion einer sinnlichen Vorstellung, und zwar in dem Sinne eines Untergangs. Man könnte, auf Blumenberg angewandt, sagen, nachdem die Stadt gefallen war, ging sie unter, das heißt, nachdem die Stadt in die Hände ihrer Eroberer gefallen war, erlosch ihr gesellschaftliches Leben und ihr geistiger Verkehr. Wir behaupten, nachdem Blumenbergs physisches Leben 1996 erlosch, sank seine bis dahin von ihm mühsam aufrecht erhaltene Geistigkeit stumm in sich zusammen. Blumenbergs Geistigkeit konnte sich bis zu seinem Todesjahr, vielmehr bis 1994, bis zu dem Erleiden eines Schlaganfalls, der ihn an den Rand seines Grabes brachte, nein, genau genommen bis zu dem Jahr 1989, in dem seine letzte Publikation »Höhlenausgänge«, eine Art spezifischen Vermächtnisses, da sie, wie Rüdiger Zill schreibt, zu dem „[e]ndgültige[n] Bruch mit dem Suhrkamp-Verlag“ führte, stabil erhalten, da deren sie garantierende Buchproduktion nicht versiegte. Sobald dieser gigantische Buchproduktionsausfluss, den Blumenberg während seiner Lebenszeit einem Publikum hinterließ, das aus lauter, in seinen Augen, Blumenberg-Analphabeten bestand, aber versiegte, musste sein literarischer Stern sinken, denn Blumenberg entwickelte in seinen Schriften, die nicht Ergebnis seiner akademischen Forschungen waren, angefangen mit »Paradigmen zu einer Metaphorologie« (1960), endend mit oben genanntem Buch »Höhlenausgänge« (1989) keine universitären Lehrgehalte, die ihn als einen akademischen Lehrer, der er nie war, hätten ausweisen können, sondern er verlegte sich auf eine eigentümliche, nur ihm eigene Buchproduktion, die zwischen den verschiedensten Thematiken oszillierte. Es erscheint für Blumenberg geradezu typisch zu sein, dass er sich nicht auf eine bestimmte Thematik hat festlegen können.

Tradition

Oder täuscht der Anschein, und man muss sagen, dass er, bei aller ihm zuzuschreibenden prosaischen Variationsbreite, insgeheim sich einem einzigen Thema verpflichtet gefühlt hat? Der Philosoph Otto Pöggeler (1928–2014), der zusammen mit Blumenberg an der Universität Bochum lehrte, stellte die Frage, warum Blumenberg nicht das anfangs von ihm in seiner Dissertation gewählte Thema scholastischer Metaphysik beibehalten hätte. An diese Frage, die die entscheidende Frage in Bezug auf Blumenbergs akademischer Forschungs- und Lehrtätigkeit ist, ließe sich eine Reihe weiterer Fragen der gleichen Richtung anheften, die die elenden Nachbeter seiner Philosophie in entschiedener Weise vermeiden, dass sie überhaupt gestellt werden, denn sie übersehen, dass Nachbeterei eine Tradition begründet, wenn auch die schlechteste und absurdeste. Die jetzigen Nachbeter der Philosophie Blumenbergs haben offensichtlich seinen ersten akademisch gesprochenen Satz, respektive seine erste akademisch gestellt Frage überhört, der oder die lautet: „Darf Philosophie ihrem Wesen nach Tradition haben?“ Eine gleiche Frage würde lauten: Darf der Mensch seinem Wesen nach einen Kopf tragen? Es erscheint äußerst merkwürdig, um nicht sagen zu müssen, äußerst abwegig, von einem Philosophen die Frage aufgeworfen zu sehen, ob Philosophie einer Tradition bedürfe. Wenn es keine Tradition der Teller-Herstellung gäbe, hätte ein Tellerwäscher nichts zu tun, er wäre arbeitslos.

Nachlass

Hier liegt die Crux jeder Blumenberg-Beschäftigung, mag sie in elender von so genannten Engelsforschern betriebener Nachbeterei ausmünden, oder von akademischer Sorgfaltspflicht erfüllt sein, wie die von Nicola Zambon, wer Blumenberg liest, muss eine gehörige Portion Nüchternheit aufbringen, um überhaupt begreifen zu können, nicht, für was, sondern vielmehr, gegen wen, Blumenberg schreibt, besser gesagt, anschreibt. Blumenberg scheint gegen einen Dämon, der sich seiner bemächtigt hat, anschreiben zu wollen oder zu müssen, anders kann seine unermessliche Wut, Nichtssagendes zu Papier zu bringen, nicht verstanden werden. Das Nichtssagende oder Nichtige, dass er zu Papier gebracht hat, hat er wohlweislich nicht veröffentlichen lassen, was aber Einige  nicht hindert, ständig neue Nachlass-Bände auf den Markt zu werfen, die auf ein Publikum treffen, das ihn noch nicht einmal von dem Hören-Sagen zu kennen scheint. Inzwischen sind zweiundzwanzig dieser so genannten Nachlass-Bände erschienen, »Die Vollzähligkeit der Sterne« (1997), »Ein mögliches Selbstverständnis« (1997), »Begriffe in Geschichten« (1998), »Lebensthemen« (1998), »Gerade noch Klassiker. Glossen zu Fontane« (1998), »Goethe zum Beispiel« (1999), »Die Verführbarkeit des Philosophen« (2000, »Zu den Sachen und zurück« (2002), »Beschreibung des Menschen« (2006), »Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger« (2007), »Theorie der Unbegrifflichkeit« (2007), »Geistesgeschichte der Technik« (2009), »Quellen« (2009), »Theorie der Lebenswelt« (2010), »Quellen, Ströme, Eisberge« (2012), »Präfiguration. Arbeit am politischen Mythos« (2014), »Schriften zur Technik« (2015), »Rigorismus der Wahrheit. Moses der Ägypter und weitere Texte zu Freud und Arendt« (2015), »Schriften zur Literatur 1945–1958« (2017), »Phänomenologische Schriften 1981–1988« (2018), »Die nackte Wahrheit« (2019) und »Realität und Realismus« (2020). Man sieht, ein weites Panoptikum, das sich einem eröffnet. Wer könnte von sich sagen, dass er alle diese Bücher gelesen hat?

Zambon

Eines dieser Nachlass-Bände, »Realität und Realismus« soll einer kurzen Bescheibung ausgesetzt sein. Der Inhalt des Buches enthält neun aus dem Nachlass des Philosophen edierte Texte unterschiedlicher Qualität, die, in einem eigenartige Stile, die Begriffe ‚Wirklichkeit‘, ‚Realismus‘ und ‚Realität‘ zu erkunden suchen: 1. Antiker und neuzeitlicher Wirklichkeitsbegriff (S. 9–35), 2. Antiker und mittelalterlicher Wirklichkeitsbegriff (S. 37–77), 3. Zum Wirklichkeitsbegriff der Neuzeit (S. 79–104), 4. Illusion und Realität (S. 105–135), 5. Zum Welt- und Wirklichkeitsbegriff der Phänomenologie (S. 137–151), 6. Die Realität des Eigenleibes (S. 153–157), 7. Die Wirklichkeit des Unsichtbaren (S. 159–165), 8. Zur Anthropologie des Realisten (S. 167–201), 9. Der Realist als Indexfigur für Realismus (S. 203–220). Ein Nachwort des Herausgebers (S. 221–226) und ein Namensregister (S. 227–229) sollen formal das Buch erschließen helfen. Der Herausgeber, Nicola Zambon, ein junger italienischer Philosoph, der mit seinem Buch »Das Nachleuchten der Sterne« (Konstellationen der Moderne bei Hans Blumenberg. Paderborn 2017. 282 S.) einen wegweisenden Beitrag zu der auf wissenschaftlicher Grundlage fußenden Erschließung des philosophischen Anliegens Blumenbergs geleistete hat, ordnet diese neun Texte Werkprojekten zu, deren Veröffentlichung in einem Buch Blumenberg zwar geplant, aber nicht realisiert hatte. Welche Gründe ihn von der Realisierung abhielten, wissen wir nicht. Zambon nennt die Nicht-Realisierung dieses Buches ein œuvre à venir. Je nachdem, wie dieser französische Terminus übersetzt wird, ob als ein baldiges Werk, ein in Erscheinung begriffenes oder stehendes Werk (diese Übersetzung würde die bloße, in ein Unendliches aufschiebbare Realitätsmöglichkeit seiner Nicht-Realisierung hervorheben), oder als ein noch ausstehendes Werk, ein zukünftiges Werk (diese Übersetzung hebt eine anzustrebende Verwirklichung seiner gegenwärtigen Nicht-Realisierung hervor), die Bezeichnung œuvre à venir, wenn deren Akzent auf der zweiten Übersetzungsmöglichkeit ruht, dürfte hinreichend kenntlich machen, worum es den verschiedenen Editoren des Nachlasses Hans Blumenbergs eigentlich zu tun ist, nämlich um eine Neuerschließung des Werkes Hans Blumenbergs. Insofern dessen philosophischen und prosaischen Schriften der Zugang, der ihnen durch die Komplexität der veröffentlichten Schriften verschlossen blieb, man denke nur an »Die Legitimität der Neuzeit«, die in zwei Versionen überliefert ist, deren Gesamtumfang 1.300 Seiten beträgt, einer erneuten Erschließung eröffnet werden soll, scheint es zutreffend zu sein, wenn Zambon schreibt, dass das Buch, das er unter dem Titel »Realität und Realismus« hat erscheinen lassen, von Blumenberg selbst „gewiß nicht veröffentlicht“ (S. 221) worden wäre. Warum also ein Werk eines Autors der Öffentlichkeit übergeben, das der Autor selbst ihr nie hätte übergeben wollen? Liegt der Grund seiner Nichtveröffentlichung in der Formalität oder in der Substantialität des Werkes begriffen? Erscheint das von dem Autor nicht veröffentlichte Werk nicht als ein baldiges, sondern als ein zukünftiges? Kann überhaupt eine Instanz namhaft gemacht werden, die diese Fragen in ausreichender Weise beantworten kann? Der Hinweis, den der Herausgeber gibt, dass die in dem Buch angebotenen Texte das, was Blumenberg unter den Begriff der Wirklichkeit verstanden wissen wollte, „systematisch ausarbeitet und beschreibt“ (S. 221), dürfte sich jedoch nicht mit den von ihm dargebotenen Inhalten der Texte zu einer Deckung oder Übereinkunft bringen lassen, denn ihnen allen ermangelt es an jeglicher Systematik, die einem okkasionell Denkenden, wie Blumenberg es in höchstem Maße zueigen war, gänzlich abhanden geht.

Interpretation

Um diesem angedeuteten Dilemma zu begegnen, scheinen zwei Wege begangen werden zu können. Entweder, wie Marcel Remme es unternimmt, der äußert, „[d]er Band »Realität und Realismus« mit bisher ungedruckten Schriften Hans Blumenbergs leistet angesichts seines 100. Geburtstags einen würdigen Beitrag zur Renaissance dieses Philosophen“, verfällt man einer unsäglich lächerlichen Blumenberg-Nachbeterei, die der unzweifelhaften Genialität seiner Person vollkommen unwürdig ist, dieselbe in ein auf das nächste Jahr geplantes Blumenberg-Gebetbuch auszumünden droht, oder man stellt sich in äußerster Schutzlosigkeit den Gedanken, die Blumenberg in eigenartiger Weise preisgibt, besser gesagt, denen Blumenberg selbst zeit seines Lebens preisgegeben und ausgesetzt gewesen war, denn es dürfte sich sogar bei denjenigen, die des Gedanken nicht in dem Maße, wie bei Blumenberg es der Fall war, mächtig sind oder gewesen sind, herumgesprochen haben, dass nicht der Mensch Herr seiner Gedanken, sondern das Denken Herr des Menschen, ist. Wenn aber in dem, was wir das Denken nennen, die eigentliche Verfügungsgewalt über den Menschen anzusprechen ist, dann erscheint es vollkommen lächerlich zu sein, wenn man von einer „Renaissance dieses Philosophen“ spricht, denn wie kann von einer Wiedergeburt gesprochen werden können, wenn es noch nie zuvor eine Geburt gegeben hat? Jürgen Kaube, der sich mit einer ersten Rezension zu dem Buch »Realität und Realismus« hervorgewagt hat (vgl. „Umwege führen zur Kultur“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Ausg. d. 9. Juli 2020), scheint diesem Dilemma entgehen zu wollen, denn er verfällt nicht der üblichen Blumenberg-Nachbeterei, die ständig wiederkäut, was sie unverstanden gelassen hat, er scheint sich aber auch nicht einer Problematik, die er selber anspricht, sehr bewusst gewesen zu sein. Kaube schreibt, „[a]us dem Nachlass des 1996 verstorbenen Philosophen Hans Blumenberg werden […] in einem fort Manuskripte publiziert. Wir zählen inzwischen etwa zwanzig Bände; mehr als zu Lebzeiten des Autors erschienen waren“.

Gilson

Es sind, von 1997 bis jetzt, genau, wie oben gezeigt, zweiundzwanzig Bände, die aus dem Nachlass Hans Blumenbergs von diversen Herausgebern, angefangen mit Manfred Sommer, vorläufig endend mit Nicola Zambon, einer (interessierten oder uninteressierten) Öffentlichkeit übergeben worden sind. Die Crux zünftiger oder unzünftiger Blumenberg-Philologie liegt in dem Umstand, dass nicht zwischen Lesenswertem und Unlesenswertem, wie seiner Dissertations- und Habilitations-Schrift, geschieden wird. Blumenbergs Dissertations-Schrift, die von einem katholischen Theologen neu herausgegeben wurde, enthält zudem den großen Makel, dass sie aus einer Schrift Étienne Gilsons (»Platonisme, Aristotélisme et Christianisme«), die dieser nie geschrieben hat, wörtliche Zitate, ohne Angabe der Seite, vorbringt. Der Herausgeber, Benjamin Dahlke, gibt an, was Flasch und Klueting schon vor ihm taten, dass dieses nie geschriebene Buch Étienne Gilsons „bibliographisch nicht verifizierbar“ sei, die glatte Unwahrheit, um es milde auszudrücken, dieses von Blumenberg in seiner Dissertation zitierte Buch Gilsons hat nie existiert.

Miserable

Das schlechthin Miserable, das mit Blumenberg geschieht, ist, dass er in einer unablässigen Wut seiner Nachlass-Editoren erneut zu Grabe getragen wird. Blumenberg, während er noch lebte, haftete die Aura des Unnahbaren an. Wer aufmerksam den Film, in dem Bettina Blumenberg, Christian Dräger, Jürgen Goldstein, Carsten Groth, Michael Krüger, Burkhard Lütke-Schwienhorst, Martin Meyer, Melanie Müller, Heinrich Niehues-Pröbsting, Heinz Rohrbach, Klaus Schölzel, Philipp Stoellger, Denis Trierweiler, Nicola Zambon und Rüdiger Zill auftreten, »Hans Blumenberg. Der unsichtbare Philosoph« von Christoph Rüter sich angeschaut hat, wird bemerkt haben, dass in den Vorlesungs-Mitschnitten jedes zweite Wort, das Blumenberg anmutig ausspricht, „Meine Damen und Herren“ lautet. Wie wirkt ein Philosoph, der unnahbar zu sein scheint, der aber zugleich die Nähe eines Publikums, das ihn in seinem geheimen Anliegen nicht verstehen kann, mittels Floskeln herstellen zu können meint?