Die Binde-Strich-Manie. Eine kleine Sprachkritik

Helmut Essl • 1 August 2020

Mancher Romananfang ist zum Weinen schön: „Bis ich sechs Jahre alt war, Iolanda, kannte ich weder die Familie meiner Mutter noch den Duft der Kastanienbäume, den der Septemberwind von Buraca herüberwehte mit dem Geruch der Schafe und Ziegen …“ (António Lobo Antunes: Die natürliche Ordnung der Dinge). Lassen wir allerdings zeitgeisttrendy den Bindestrich von der Kette, ist’s aus mit der Poesie des Satzes: „… kannte ich weder meine Mutter-Familie noch den Kastanien-Baum-Duft, den der September-Wind von Buraca herüberwehte mit dem Schafs- und Ziegen-Geruch …“
Eine grobe Unsitte greift um sich, die den Sprachstil in die Seile prügelt: die Binde-Strich-Manie! Zwar lautet die sinnvolle Regel, dass zusammengesetzte Wörter gewöhnlich nicht getrennt werden, aber das hindert heute niemanden daran, einen ekligen Wurm zwischen zwei Wörter zu platzieren, wo er nichts zu suchen hat: Stadt-Villa, Geschenk-Gutschein, Gemeinde-Zentrum, Daseins-Vorsorge – das „s“ am „Daseinsende“ hängt so verloren am Wort wie das Roastbeef auf der Wäscheleine – , Sinn-Suche, Zeit-Reise . . . Kurzum: eine Liste der Tristesse! Zusammengehörendes wird auseinandergerupft wie die Mohrrübe und das Grün, wird, frei nach Walter Benjamin, so inbrünstig segmentiert, „wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet“. Wo führt das alles noch hin? Zum Park-Platz? Zur Leber-Wurst? Das wäre ein gewichtiger Grund, sein Auto zu verkaufen und Vegetarier zu werden!
Exotische Ausnahmen wie Südsee-Land (polynesisch) und Süd-Seeland (dänisch) wider das Missverständnis oder das nicht gerade häufige Aufeinandertreffen dreier gleicher Vokale wie etwa bei Schnee-Eule erteilen noch lange keine Generalvollmacht zum Tranchieren. Aber wenn das Messer erst gewetzt ist, gibt es offensichtlich kein Halten. Ein anderes Übel ist die merkwürdige Lust, bandwurmlang aneinanderzureihen: Rund-um-die Uhr-Dienst, Zum-aus-der-Haut-Fahren (in der Tat!), rot-blau-gelb-grün-gepunktet, Tour-de-France-Vorjahrs-Sieger und so weiter und so fort. Warum zum Beispiel letztere Sprachklippe nicht genitivelegant umschiffen: der Vorjahressieger der Tour de France?! Oder nehmen wir die erste Unmöglichkeit – hier böte sich eine Relativsatzlösung an: ein Dienst, der rund um die Uhr geht.
Eine Lanze sei überhaupt gebrochen für den Gliedsatz! Das Gefühl, es noch nicht über die Lippen zu bringen, soll sich in einem gellenden Aufschrei entladen, wenn ein maliziöser Zeitgenosse daraus macht: das Gefühl des Noch-nicht-über-die-Lippen-Bringens. Aber im Zeitalter des Coffee to go tendiert man zum Schnellen und nicht zum Stilsicheren. Glaube bloß keiner nietzschetrunken, diese Chaoslust gebäre einen tanzenden Stern. Höchstens einen weißen Zwerg!

 

Quelle

Helmut Essl: Der Herbst des Schwimmers. Ausgewählte Kolumnen, Hamburg 2020, S. 79 ff.  
 

Kommentare (3)

Thorsten Jacob

Herrlich formuliert, treffend und zu meiner eigenen Schande (viel zu oft - benutzt) absolut wahr...

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  • Michael Haag

    Sehr treffend! Besonders störend empfinde ich die Verwendung des Bindestrichs hinter Fugenelementen, wie z. B. "s" ("Zeitungs-Artikel") oder "n" ("Hexen-Haus"), die selbigen eigentlich überflüssig machen.

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