Bildrauschen

Cornelia Becker • 21 Februar 2022
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Bildrauschen

 

Als kleines Kind liebte ich es, in unseren Familienalben zu blättern. Es gab damals nur einige wenige, jedes umfasste zwei, drei Jahre, außer das rotkarierte, das allein die Fotos meines ersten Lebensjahres enthielt. Vater  hatte eine Kamera, eine Kodak Retinette, die er bei allen Familienausflügen dabei hatte, der eingelegte Schwarz-Weiß-Film wurde sparsam und sorgfältig eingesetzt. Mutter und ich vorm Elefantengehege im Zoo. Die Familie vorm Weihnachtsbaum, meine  Urgroßeltern, Großeltern, Eltern, mein Hippie-Onkel mit den langen Haaren, man sieht, dass Vater sich beeilt hatte, dem Selbstauslöser zuvorzukommen, er steht in leicht schiefer Position außen links.

 

„Wasch dir die Hände!“, die obligatorische Anweisung, bevor er ein Album aus dem Regal holte und wir es gemeinsam anschauten.

„Papa, bitte das schwarze, das mit dem Mond!“, bat ich ihn oft. In diesem Album gibt es zwei Fotos vom Mond. Nicht vom Mond von der Erde aus gesehen, sondern von auf dem Mond! Zwei Fotos, auf denen man Neil Armstrong und Buzz Aldrin verschwommen in ihren Raumanzügen sieht, im Hintergrund ein Stück der  Mondlandefähre, alles von weißem Griesel  durchzogen,  an den Außenrändern erkennt man den hölzernen Rahmen unseres Fernsehgerätes, am oberen Bildrand den Fuß der Zimmerantenne.

 

„Papa, und du bist die ganze Nacht aufgeblieben?“ Das Zubettgehen gleich nach dem Sandmännchen war ein großes Thema für mich und das allabendliche Betteln, „bitte, bitte, bitte, noch zehn Minuten“, ein Ritual, das dazugehörte, eine ganze Nacht wachzubleiben gleichwohl unvorstellbar.

Wieder und wieder musste er mir erzählen, wie er das Stativ und die Kamera vorm Fernseher aufgebaut hatte, wie er sich den Wecker gestellt hatte, damit er die Mondlandung ja nicht verschlief, aber dass er keine Minute eingeschlafen war in dieser Nacht, weil es so spannend war. Wie er meine Mutter, die zeitig ins Bett gegangen war,  aufweckte als es auf die Landung zuging. Wie sie den Atem anhielten, als Neil Armstrong auf der Leiter erschien und langsam, so langsam hinunterstieg auf die Mondoberfläche. 

“That’s one small step for ‹a› man, one giant leap for mankind!”

 

„Warum haben die Männer so seltsame Anzüge an?“

„Was ist in den Rucksäcken drin?“

„Warum gibt es auf dem Mond keine Luft?“

„Hat man die Mondlandefähre von der Erde aus gesehen?“

„Wie weit ist es bis zum Mond?“

„Können wir auch zum Mond fliegen, du, Mama und ich?“

 

Ich stellte tausend Fragen, bestimmt immer wieder die gleichen. Vater beantwortete sie alle, er schmückte aus, er erfand hinzu, es entstanden Mondgeschichten, die er abends im Kinderzimmer auf der Bettkante sitzend erzählte.

 

Und während ich einschlief, sah ich das Sandmännchen auf dem Mond langsam eine Leiter hinunterklettern, es drehte sich dabei um und winkte mir zu, kaum zu erkennen im starken Schneetreiben. Denn auf dem Mond schneite es, immer und überall, ich war mir ganz sicher, da konnte Vater sagen was er wollte – das sah man doch deutlich, auf den beiden Fotos im schwarzen Album!

 

Kommentare (4)

Merchan Agaricus

Ich möchte mich Frau Jung anschließen. Ich finde die Geschichte auch bewegend und toll.
Auch semantisch gefällt mir der Sprachfluß und der Erzählstil. Es ist eine durchaus gelungene kleine Erzählung, Schilderung eines unvergesslichen Moments der Menschheitsgeschichte und zugleich Ihrer Kindheit.

Ich persönlich war damals noch nicht auf der Welt, als dieses Ereignis geschah und warte bis heute, auf den Augenblick, dass wieder Menschen den Mond oder gar den Mars betreten. Wenn es so weit sein wird, werde ich auch gebannt vor dem Fernseher sitzen und vielleicht mache ich auch ein paar Fotos oder drehe gleich einen kurzen Film über das Ereignis und unsere Reaktionen innerhalb der Familie. Doch zunächst müsste es zu so einem Ereignis kommen. Meine Hoffnung will nicht enttäuscht werden. Noch bin ich jung und kann warten.

Vielen Dank Ihnen, Frau Becker, für diesen Ausflug in Ihre Kindheit und zu einem besonderen Zeitpunkt in der Geschichte.

Cornelia Becker

Auch Ihnen herzlichen Dank für Ihren Kommentar, Herr Lupa. Der Gedanke an eine gar nicht mehr so unmögliche Marsmission macht bewusst, wie groß der technologische Fortschritt ist - fast ist es unbegreiflich, dass man mit den damaligen Mitteln "die Reise zum Mond und wieder zurück" geschafft hat.

Gesine Hitschler

Eine sehr schöne Erzählung, Frau Becker. Ich erinnere mich noch genau, wie ich vor dem Radioapparat saß (einen Fernseher hatte ich damals noch nicht) und den Worten lauschte. Das war so einmalig, abenteurlich, zm Gäsenhaut bekommen. Fast ehrfürchtig nahm ich die Worte auf -unvergesslich! Ich kann gut nachempfinden, wie stark die Bilder Sie als Kind beindruckten. Bei mir haben Sie Erinnerungen wach gerufen, für die ich Ihnen danke.

Merchan Agaricus

Liebe Frau Becker,
so habe ich z.B. gehört, dass die Computeranlagen, die damals die UsAmerikaner bei der Mondmission verwendet haben, von der Prozessorleistung nicht besser waren, als ein Smartphone heutzutage. Man stelle sich vor, ein Smartphone brächte uns zum Mond. Das ist schon aberwitzig. Aber rein theoretisch ginge das.


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