Ben.

Tim-Niklas Zimmer • 16 Januar 2021
6 Kommentare
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Ben steht am Rand seiner Welt und blickt hinab auf den Erdball, der nahezu komplett blau ist, gespickt von einigen wenigen schwarzen Punkten. Im Geschichtsunterricht hatte er es gelernt, es sind die Gebirge, die es früher auf der Erde gab, und die nun von Asche bedeckt sind. Sein Großvater hatte noch den K2 bestiegen, die Herausforderung seines Lebens, dessen er leider so jäh beraubt wurde, als die Welt unterging.

„Irgendwo hatten die Flacherdler ja doch Recht“, denkt Ben und um sich herum, wo er am Ende des Grundstücks auf jeder Seite ins Weltall sehen kann. Hinunterfallen kann er nicht, es ist alles komplett verglast, als wäre er in einem Schaukasten für Modellautos. Von Autos ist Ben fasziniert, vor allem davon, dass man damit jederzeit hinfahren konnte, wo man wollte. Ein echtes Auto hatte er nie gesehen, und hier, in der Galaxie Swahili, war der reale Kontakt mit Menschen verboten, sofern keine Paarungszwecke nachgewiesen werden konnten.

Ben war in Swahili geboren und aufgewachsen, das Flurstück A42-PA55, auf dem er gemeinsam mit seinen Eltern lebte, hatte er nie verlassen. Das Haus, in dem sie wohnten, war im traditionell chinesischen Stil erbaut, der Stilrichtung, die zum Zeitpunkt des Weltuntergangs vorherrschte. Aufgesetzt war es auf ein Stück Land, das man von der Erde retten konnte. Die Qogir Corporation hatte das ermöglicht, indem sie Aufsätze für Bodenflächen entwickelte, die sich selbst ins Weltall katapultieren und anschließend dort die Böden konservieren konnten. Durch die verglasten Kapseln war die Versorgung mit allem sichergestellt, was zum Leben notwendig war; das Meiste regenerierte sich selbst.

Bens Mutter Xae war es, die sich die Kapsel hatte leisten können und die rechtzeitig verstanden hatte, dass der Kauf ihre einzige Möglichkeit war, zu überleben. Xae war eine kluge Frau, doch konnte sie mit ihrer Intelligenz wenig anfangen. Seit die Technik sämtliche Aufgaben des Menschen übernommen hatte, gab es keine Berufe mehr. Zum Geldverdienen waren sie auch nicht mehr nötig, denn es gab zwar aus nostalgischen Gründen nach wie vor eine Währung, doch keinerlei Möglichkeiten mehr, etwas zu kaufen. So saß sie meistens einfach nur da.

Ben schaut weiter in den Sternenhimmel. Sein Vater umarmt ihn.

Kommentare (6)

Marcin Lupa

Lieber Herr Zimmer,

Sie haben einen schönen reduzierten Stil.

Für Ben und seinen Vater hoffe ich, dass Sie auf ihrem Bodenstreifen im Weltall wenigstens eine gut gefüllte, breit aufgestellte Bibliothek mit einigem Tiefgang besitzen und/oder zumindest Internet.

Ansonsten würde ihnen schnell langweilig werden und sie müssten anfangen Dinge zu erfinden.

Erfinden auch Sie weiterhin schöne Sätze.

Schönen Tag
Marcin Lupa

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  • Tim-Niklas Zimmer

    Lieber Herr Lupa, vielen Dank für die lobenden Worte. Ich hoffe auch, dass der Zugang zu Information und Literatur gesichert ist. Ebenfalls einen schönen Tag! Tim-Niklas Zimmer

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  • Frank Zarrentin

    Wie mein Vor-Kommentator schrieb: richtig richtig SCHÖN!!!

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  • Thomas Henkel

    Sehr phantasievoll! Eines scheint für Sie, lieber Autor, auf jeden Fall auch klar zu sein, nämlich, dass China bald die Weltmacht Nummer 1 sein wird. :-)

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  • Tim-Niklas Zimmer

    China wird sicherlich weiterhin schnell aufsteigen. Etwas versteckt kann man aber erkennen, dass ich nicht glaube, dass China allein die Weltherrschaft an sich reißen wird, sondern es immer noch Überraschungen geben kann ;)

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