Begründung der Religionskritik

Karl Friedrich Stephan • 10 April 2021
20 Kommentare
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Besonders verzwickt ist die logische Struktur der Proposition „Es gibt Gott.“ Die Negation dieses singulären Es-gibt-Satz ist ein singulärer Es-gibt-nicht-Satz. Negiert die Quantenmechanik oder schon die Evolutionstheorie den Basissatz „Es gibt Gott.“? Ist es nicht unmöglich, die Proposition „Es gibt Gott.“ hinreichend zu verifizieren oder zu falsifizieren? Weil es sich beim bisherigen Naturbild mit der Gottesfrage immer noch um einen transzendenten Sachverhalt handelt, ist eine Verifikation oder Falsifikation unmöglich. „Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.“ (Immanuel Kant, „Kritik der reinen Vernunft“, B XXX) Streng genommen hält die Proposition nicht dem Falsifikationskriterium stand, weil sich aus der Proposition/Theorie p/t keine Prognose deduzieren lässt, der ein Basissatz b logisch widerspricht. Damit ist eine positive  Verifikation oder Falsifikation Gottes ausgeschlossen. Indessen kann die Annahme eines transzendenten Gottes legitimiert oder delegitimiert werden. Aus ethischer Sicht ist die Annahme eines transzendenten Gottes entweder schädlich oder unnötig, weil entweder das ethisch Gute durch Gott sanktioniert wird und so vom zufälligen Willen Gottes abhängig ist oder das ethisch Gute unabhängig von Gott gut ist. Gott wäre im letzten Fall sogar einer höheren Instanz - dem Guten - untergeordnet. Entweder ist der Gottesglaube in Form einer teleologischen Suspension des Ethischen moraldestruktiv - Gott kann wollen, dass das Subjekt eine, aus unserer Sicht, unmoralische Tat durchführt; andererseits würden göttliches Gebot und moralische Forderung ja identisch seien - oder er wird gegenüber ethischen Werten zu etwas Zweitrangigem degradiert. Ein „moralischer Mensch“ müsste die Prämissen des Christentums - Souveränität und Allmacht Gottes - ablehnen. Ein christlicher Mensch wäre amoralisch. Nur der religiöse Glaube schafft es, dass selbst gute Menschen Böses tun. Würde Gott als unbeweglicher Beweger des Evolutionsprozess angenommen werden, ist der Gottesglaube sogar kontradiktorisch zum wissenschaftlichen Erkenntnisstand. Die Ausdifferenzierung des organischen Lebens im Evolutionsprozess lässt sich nämlich mit dem Zweiten Thermodynamischen Gesetz erklären. Die Entropieveränderung kann ohne die Annahme eines Gottes den evolutionären Prozess hinreichend erklären. Wenn man Gott aber dem Evolutionsprozess als Initiator voranstellt, würde die göttliche Ebenbildlichkeit des Menschen entweder von der Kontingenz der Evolution abhängig gewesen und nicht-teleologisch gewesen sein oder Gott hätte im Evolutionsprozess gepfuscht. Im letzteren Fall würde die göttliche Teleologie die wissenschaftlich verifizierte Evolution obsolet machen. Schließlich ist Gott als kosmischer Beweger nicht einmal notwendig, nachdem die Quantenmechanik nachgewiesen hat, dass aus Nichts Etwas entstehen kann. Gott ist eine unnütze und gefährliche Hypothese.

Kommentare (20)

Marcin Lupa

"Aus ethischer Sicht ist die Annahme eines transzendenten Gottes entweder schädlich oder unnötig, weil entweder das ethisch Gute durch Gott sanktioniert wird und so vom zufälligen Willen Gottes abhängig ist oder das ethisch Gute unabhängig von Gott gut ist. Gott wäre im letzten Fall sogar einer höheren Instanz - dem Guten - untergeordnet."

Das ist zweifelsohne so. Nur, zur Zeiten der Erfindung Gottes, bzw. der Götter, hatten die Menschen keine anderen Ethischen Leitbilder und Leitfigutren. Sie hatten wahrscheinlich nicht einmal eine Definition der Begrifflichkeit von Moral und Ethik.
Allerdings ist die Idee Gottes, nicht primär dazu da, ethisches Handeln zu propagieren. Ich denke, dass die Menschen schon im Paläolithikum ein ethisches Empfinden, im Sinne eines Instinkts oder eine Intuition zum Guten hatten, nicht erst einer Instanz bedurften, die diese Empfindungen kontrolliert und maßregelt. Vielmehr ist die Idee Gottes eine Möglichkeit der Priesterkasten, Macht auszuüben. Wer den Richtlinien der Gottesvertreter nicht genügt, muß mit Strafen rechnen. Es folgte ein Katalog von Geboten, Verboten und Strafen, die die Freiheiten des Einzelnen determinierten. Natürlich ließen sich diese Kataloge auch ohne das Transzendentale einreichen. In Form von solider Gesetzgebung, die frei von Metaphysik gehalten werden hätte können. So wie das in unserem Rechtswesen der Fall ist.
Nur brauchten die Mächtigen von damals die Legitimation der Gottesgesandtschaft, weil das nieder Volk ihre Macht hinterfragen hätte können. Mit Gott hatten sie einen dehnbaren Begriff, der die Sphäre des Wissens und des Fundament verläßt und in den Bereich des Glaubens mündet. In diesem sumpfigen Terrain, hatten sie mehr Spielraum. Gewaltet haben sie ohnehin.

"Ein „moralischer Mensch“ müsste die Prämissen des Christentums - Souveränität und Allmacht Gottes - ablehnen."

Auch das stimmt, obschon ein moralischer Mensch durchaus daran zweifeln darf, ob es Gott nicht gibt.
Selbst als moralischer Mensch, muß ich zugeben, dass es letztendlich keinen Beweis für die Abwesenheit von Gott geben kann. Da eben die Verifikation fehlt. Somit fehlt beidseitig die Gewissheit. Gibt es ihn oder gibt es ihn nicht, kann aus diesseitiger menschlicher Warte nicht beantwortet werden, weil keinerlei Beweisführung möglich ist. Auch wenn die Indizien dafür sprechen, dass es ihn nicht gibt, weil wir wissen, dass er sich niemals zeigt, dass er als Machtinstrument mißbraucht wird und dass es unzählige Götter gibt - welcher ist dann der richtige?

Die Annahme, dass es ih nicht gibt, verleiht uns zumindest die Freiheit unserem eigenen Moralgesetz zu genügen. Das haben Sie richtig erkannt.

"Die Entropieveränderung kann ohne die Annahme eines Gottes den evolutionären Prozess hinreichend erklären."

Die Theologie geht davon aus, dass Gott der Evolution allen Raum läßt den sie benötigt. Er greift in ihre Mechanik sozusagen nicht ein. Damit macht er sich selber völlig überflüßig. Zwar fließt aus ihm alles Sein heraus, doch fließt es unabhängig von ihm wieder in ihn zurück.

Die Annahme der Inka, Gott sei die Sonne führt dazu, dass die Sonne ein Bewußtsein hätte. Ihrem Glauben nach muß sie durch Opfer befriedet werden.
Angenommen, die Sonne wäre ein Lebewesen mit Bewußtsein, dann verhielte sie sich wie ein Mensch zu einer Ameise, die Diskrepanz wäre noch eine unsagbar viel größere. Allerdings weiß man, wenn man versucht mit einer Ameise zu kommunizieren, dass sie einen sofort anfängt als wesensfremd zu empfinden, und einen bekämpft.
Ergo müssten wir der Sonne nicht huldigen, sondern sie als etwas fremdes angreifen. Sonnenkollektoren aufstellen, etc..

"Gott ist eine unnütze und gefährliche Hypothese."

Gefährlich, ja. Unnütz nicht unbedingt. Er nützt den Mächtigen ihre Herrschaft zu festigen. Was gefährlich ist, klar. Er nützt auch den Ohnmächtigen in den Grenzen der Macht der Herrscher zu leben. Diese Grenzen verleihen Sicherheit, weil sie vorgeben, was Recht und was Unrecht ist.
Nun verhält es sich aber so, dass oft die Regierenden (von denen angenommen wird, sie seien rechtschaffen) Unrecht tun. Da verlieren die Gläubigen den Boden. Und der Glaube selbst führt sich ad Absurdum, weil Unrecht nicht mehr gesühnt, sondern belohnt wird (Beispiel: Präsident Truman wirft Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki.).

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  • Karl Friedrich Stephan

    Ihrer These, dass die Religion politisch instrumentalisiert wird zum Zweck der Herrschaft einer Priesterkaste, und Ihrem Ethos kann ich nur zustimmen. Ich würde aber betonen wollen, dass erstens der Atheismus bzw. eine säkulare Ethik auch ohne eine göttliche Legitimation zustande gebracht werden kann und wie es evangelikale Fundamentalisten gegen den Atheismus vorbringen, der Glaube und religiöse Dogmen nicht der letzte Faden sind, die uns vor einem nihilistischen Atheismus retten. Es muss wegen des Euthypron-Dilemmas sogar eine solche geben. Andernfalls hätten wir das Oszillieren zwischen Sein und Nicht-Sein ethischer Werte im Nihilismus. Der Epikureismus mit seinem Atomismus und einer deistischen Gottesvorstellung, bei der es folglich keine durch göttliche Offenbarung abgesicherte Moral geben kann, hat bereits im 4. Jhdt. v. u. Z. einen solchen Gegenentwurf bewiesen. Zweitens wäre gerade zu betonen, dass Ihre These des ,,Priesterbetrugs", wie sie die Religionskritik der Aufklärung ins Feld geführt hat, eingeschränkt wird durch gläubige Herrscher, Priester etc. oder, auch wenn nur eine literarische Fiktion, durch Dostojewskis Figur des Großinquisitors. Meine Behandlung der Entität Gott als wissenschaftliche Hypothese und meine immanente Kritik müsste, wie Sie es bereits andeuten, um eine Ideologiekritik erweitert werden.

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  • Marcin Lupa

    [~4898], klar könnten Sie Ihre Thesen erweitern. Sie könnten auch ein Buch darüber schreiben, die Fähigkeit dazu besitzen Sie. Das sieht man.

    Für mich stellt sich eher die Frage, wenn wir eine säkulare Position vertreten, und das tun wir beide ja, ob es dann eine Grundlage für Moral und Ethik gibt, die älter ist, als Glaubenssysteme. Daher forsche ich eher vor der schriftlichen Überlieferung in der Zeit vor dem Neolithikum (mit forschen meine ich privat, nicht beruflich).
    Menschen wurden bereits vor 40.000 Jahren begraben. Also dachte man darüber nach, Ihnen in dieser Form zumindest eine Ehrerbietung entgegenzubringen. Sei dahin gestellt, ob jemand an ein Weiterleben nach dem Tode glaubte oder nicht.

    Van Schaik und Michel schreiben dazu: "Bei der Etablierung des Monotheismus haben wir es mit einer Überlebensstrategie eines kleinen, schwachen Volkes zu tun. Das alte Israel wurde schließlich von Unheil besonders schwer heimgesucht, lag es doch zwischen Hammer und Amboss der Großmächte. Von Assyrern bis zu Römern: Über tausend Jahre lebten die Menschen hier in einer Dauerkatastrophe. Die Erfindung des Monotheismus war ein Akt der Notwehr.
    Es handelt sich um den Versuch der Opfer, all dem Unheil, das über sie kommt, Sinn zu verleihen und, wichtiger noch, Wege zu finden, wie sie ihm in Zukunft entkommen. Es geht um Selbstbehauptung und den Versuch, die eigene Ohnmacht zu überwinden. Nicht ohne Grund werden biblische Geschichten wie der Exodus, dieses großartige Epos der Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten, Unterdrückten rund um den Globus Hoffnung auf das Ende ihres Elens spenden."

    Ich bin persönlich konfrontiert mit Gesetzesvertretern, die rechtswidrig handeln. Sie entscheiden über das Schicksal von rechtschaffenen Menschen, obwohl sie Absprachen mit einander halten, die nicht rechtens sind. Ein korrupter Richter entscheidet dann für die Partei, die die Straftat begeht und bestraft die rechtschaffene Partei. Das ist Alltag in deutschen Familiengerichten, meistens sind die Mütter die Leidtragenderen und verlieren ihre Kinder an narzisstische Expartner, die sich gegen den Willen ihrer Kinder, die bei den Müttern bleiben wollen, durchsetzen. Den Kindern werden ihnen ihre über alles geliebten Mütter genommen.
    Die Gesetzgebung ist offenbar unethisch, die Richter unmoralisch und rechtswidrig. Aber an einen Gott kann man sich nicht richten. An wen denn dann? - Der Staat guckt weg, den interessieren solche Fälle nicht. Der Staat guckt erst hin, wenn Geld dahinter steckt, oder Renommee. Ebenso die Medien. An wen wendet man sich, um korrupten Richtern das Handwerk zu legen? Eine weiterführende Instanz lehnt die Revisionen aus Mangel an Erfolgsaussicht ab. Juristen schützen sich gegenseitig.

    Sie haben völlig Recht, in einer säkularen Welt ist es schwierig Ethik und Moral zu legitimieren. Das Universum lehrt uns, dass alle seine Geschöpfe mehr oder weniger vogelfrei sind und das Recht und Gesetz nur Erfindungen des Menschen sind, die die Natur so nicht kennt. Die Natur ist jenseits jeglicher Gesetze und Moralvorstellungen ein sich ständig widersprechendes Monster, das mit sich selber nicht zur Ruhe kommt. - so scheint mir jedenfalls.

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  • Marcin Lupa

    Der Monotheismus speziell ist auch eine Katastrophe für Frauen. Die Begründung wäre nachzulesen in:

    https://www.amazon.de/Die-Wahrheit-über-Eva-Ungleichheit/dp/3498001124/…ÅMÅŽÕÑ&crid=1QO7KSAE5WHLC&dchild=1&keywords=die+wahrheit+über+eva&qid=1618037038&sprefix=Die+Wahrheit+über+%2Caps%2C180&sr=8-1.

    Dieses Buch empfehle ich nicht nur als Religionskritik, sondern vor allem als von Männern verfasster Beitrag zum Feminismus,

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  • Karl Friedrich Stephan

    Und dieser ethischen Aporie - ohne eine Letztbegründung qua göttliche Legitimation habe Moral keine ,,Wahrheit" - müsste, meines Erachtens, ein pragmatischer Nihilismus und atheistischer Humanismus folgen, der sich dessen bewusst ist, dass die Werte der Aufklärung Setzungen sind, sie diese jedoch im ethischen Akt nicht als solche begreift. Die Ethik evolutionsbiologisch zu begründen, endete im Sozialdarwinismus; die Idee eines moral instinct ist mir suspekt. Ratsamer erscheint es, wie Sie mit anderen Vorzeichen zur Entstehung des Monotheismus ausführen und zitieren, die Moralphilosophie pragmatisch aus den sozialen Beziehungen zu begründen. Um einem bellium omnium contra omnes zu entgehen, werden Werte wie das Tötungsverbot, Wahrhaftigkeit etc. vertreten.

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  • Marcin Lupa

    Eine pragmatische Moralphilosophie, gerne, doch für wen? - Die Herrschenden leben unter sich nach anderen Gesetzen, die sie den Beherrschten diktieren. Sie dürfen foltern, zwingen (Tarifökonomie) und töten, zu allen Zeiten schon, wenn es in ihrem Ermessen nötig ist.
    Noch heute bezeichnet man getötete unschuldige Zivilisten als Kolateralschäden. Das ist zynisch. Tatsächlich müsste man sich für diese Tote verantworten. Oder solche Operationen unterlassen, die Zivilisten gefährden. Siehe Bundeswehreinsätze, etc..

    Ich gehe davon aus, dass auch eine säkulare Ethik und Moral einzig dem Zweck dient, Menschen zu beherrschen, um zwar ein bellium onmnium contra omnes zu unterbinden (dieser wird sublim weitergeführt), während man ein bellium domini omnes dominantur propagiert.

    Immer unter dem Vorbehalt, dass die Beherrschten durchaus auch die Wahl haben zu gehorchen, und so mittels Dienerschaft auch ein wenig vom Kuchen abbekommen (Kuchen = Lebenszeit und Lebensqualität).

    Wenn aus dem von mir Geschrieben hervorgeht, dass ich denke, wir leben in Zeiten einer Sklavenherrschaft auf demokratischer Basis, so muss ich sagen, dass ich tatsächlich so denke. Dei repräsentative Demokratie hierzulande gibt den Weg der Beteiligung bereits vor und letztendlich kann das breite Volk nicht darüber entschieden, was in seinem Namen geschieht. Die Parteien stellen immer nur ein paar Dinge zur Wahl. Parteipolitik heißt sich die beste Alternative zu wählen, das was man erreichen möchte, steht gar nicht erst zur Wahl.
    Insofern ja, wir leben in einem verdeckt gehaltenen politischen Sklavenregime. Darüber hinaus herrscht große Heuchelei und wir werden mittels Religion, Ethik und Moral hinter das Licht geführt. Das Licht welches dahinter leuchtet, ist das des "Willen zur Macht" im Sinne Nietzsches oder seiner Koautoren. Was uns dennoch nicht daran hindert, um die Wahrheit wissend, Gutes zu tun, weil dies das eigene Gewissen beruhigt, gleichzeitig Rechtschaffenheit einem das Durchkommen durch das unbegreifliche Dickicht der Gesetzgebung erleichtert. Wenn man vom Kartenspiel nicht allzuviel versteht, sollte man mit den Einsätzen sparsam sein. Schnell führt das Pokern selbst zum Ruin. Und verlieren ist stets wahrscheinlicher, als zu gewinnen.

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  • Karl Friedrich Stephan

    Wenn Sie nicht einem performativen Selbstwiderspruch verfallen wollen, müssen Sie ,,als moralischer Mensch" begründen können, warum Sie in Ihrem ethischen Handeln nicht einem Nietzscheanischen Amoralismus des Willen zur Macht anhängen.

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  • Marcin Lupa

    Weil ich mich im Selbstwiderspruch befinde. Ich kann mich nicht entscheiden, der Moral gänzlich abzuschwören und zwar einer echten Moral, die frei ist von dem Impetus andere darüber täuschen zu wollen, dass ich in Wahrheit, im Kern amoralisch bin. Ich kann mich auch nicht gänzlich für den Amoralismus im Sinne des Willen zur Macht entscheiden.

    In diesen kognitiven Zwiespalt wurde ich hineingeboren und darin wurde ich erzogen. Ich werde auch weiterhin darin gehalten, weil vieles am Sein moralisch ist, anderes wiederum nicht.
    Die gleichen Individuen sind überwiegend moralisch, in mancherlei Hinsicht dann wieder nicht (Sie gehen in die Kirche, arbeiten aber für Unternehmen, deren Lieferketten man dazu verfolgen kann, dass sie in Afrika z.B. Kinder ausbeuten, die als Erwachsene nie das 30 Lebensjahr erreichen werden, weil sie sich zuvor schon mit Arbeit zerstören - das ist versklaven und töten auf Zeit).

    Daher sprach ich in einem anderen Zusammenhang von Ambivalenz und Ambiguität.
    Im Grunde entscheide ich mich natürlich eher für die Moral, staune immer wieder nur, wie viel Raum das "Böse" (oder das was ich dafür halte) bekommt und wie dumm ich mit meinen Ansichten im Angesichts des Spiegels aussehe, wo doch meine unmoralistischen Freunde gigantische Karrieren machen, einige unter ihnen bereits Mitte 40 schon Milliardäre.

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  • Helmut Essl

    Als früherer Ethiklehrer war für mich Religionskritik die liebste Unterrichtseinheit, konnte man doch einen herrlich vernünftigen Bogen spannen von Xenophanes bis Freud und darüber hinaus, sprich: Gremliza. Allerdings ist irrationale Sinnstiftung eine hartnäckige Angelegenheit, die so schnell nicht aus der Welt zu schaffen ist, weil sie einem inneren Bedürfnis entspringt!

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  • Marcin Lupa

    Lieber Herr Essl,

    es freut mich hier mit einem ehemaligen Ethiklehrer korrespondieren zu dürfen.

    Dieses Bedürfnis zur animistischen Heuristik kenne ich bei mir selbst. Spätestens während eines Waldspaziergangs oder bei einer Wanderung in den Bayrischen Voralpen kommt sie bei mir ans Licht, sucht sich ihren Weg, durch den Dschungel meiner Überzeugungen, aus den tiefen Schichten und Ablagerungen des Unterbewusstseins und des Unbewußten. Womöglich ist sie genetisch verankert und beeinflußt emotionale und kognitive Prozesse in mir?

    Während ich also von einer Plutokratie im streng amoralischen und nihilistischen Sinne ausgehe, die dem Sein inhärent ist und auf die alle menschlichen Systeme (auch Staatsgebilde) hinauslaufen, sagt mir eine Art von befangener Schwäche in mir, dass alles belebt ist, sich in Zusammenhängen ereignet und die Kausalitäten nach einem Ausgleich streben. Straftat folgt Bestrafung und Sühne, gutes Handeln erzeug Resonanz und wird belohnt. Karma ist überall am Walten im belebten Sein. Die Seelen wandeln und werden stets reinkarniert. Auch das Nirwana ist nur ein temporäres stehen bleiben.

    Dann halte ich wieder inne, kehre in meine Arbeitsprozesse zurück und erkenne wieder gar nichts mehr, außer grauenvoller Idiotie. Menschen werden verletzt, ausgebeutet, versklavt und kommen dabei in astronomischen Summen um. Auch Kinder. In so einer Welt, ist kein Platz für Resonanz und Ethik, will mir scheinen.
    Bis ich in den Wald und in die Berge zurückkehre. In der Abgeschiedenheit der Wildnis bekommen die Dinge und Lebewesen eine sinnstiftende Seele und einen harmonischen Auftrag.

    Ich bin gespalten - beinahe psychotisch und schizophren, schreite ich meine Gefilde ab und habe dabei Goethes Worte im Ohr: "Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust ... ".

    Ich grüße Sie herzlich
    Marcin Lupa

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  • Helmut Essl

    Ethik als Theorie des Richtigen und Guten ist im status civilis zuhause und nicht im status naturae, werter Herr Lupa!
    MfG aus Tübingen - HE

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  • Marcin Lupa

    Aber eben im Bürgerlichen herrschen Heuchelei und Doppelmoral. Die Gesellschaft erscheint mir wie ein Haifischbecken, dem eine winzige Kaste Orcas vorstehen, die alle anderen ausbeuten.

    Währendessen ist die gesamte Res Publica nicht von der Res Naturae zu trenen. Der einzelne Bürger erscheint mir wie ein Altweltaffe, der sein Fell verlor, nicht seine Instinkte.

    Das ist nur meine Meinung, haben Sie bitte keinen Anstoß daran.

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  • Helmut Essl

    Das Drastische ist nicht immer der Zwilling des Präzisen - spricht der Politologe!
    MfG - HE

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  • Marcin Lupa

    Oh ja, da kann ich nur zustimmen. Der Politologe macht es sich allerdings einfach. Er spricht in seinen Parteiprogrammen immer von sehr viel schöner Theorie, während er als Politiker dann von "Realpolitik" spricht, wenn die Sache praktisch wird.

    Ich konnte mit dem Begriff "Realpolitik" nie etwas anfangen.

    Wenn man Prinzipien hat, sollte man sich an sie halten, ebenso an Maximen (z.B. einen freien kategorischen Imperativ: verletzt Du andere, fügst Du ihnen Leid zu, so berechtigst Du sie Dir Leid zuzufügen und Dich zu verletzen. Ein negativer kategorischer Imperativ, der vielleicht der Wirklichkeit der Realpolitik am ehesten entspricht).
    Wenn Parteien das Fahrwasser ihrer Programme verlassen, um zu herrschen und Gewalt (im Sinne von Legislative, Judikative, Exekutive) auszuüben, dann verlieren sie meines Erachtens ihre Glaubwürdigkeit und Legitimität.

    Genauso gehe ich mit dem ethischen Menschen ins Gericht. Wenn er überwiegend ethisch handelt, dann aber plötzlich einen unbequemen Gegner, der ihn am Vorankommen hindert, beseitigt, verliert er seine Würde und ist per se unethisch. Und da sehe ich uns alle bereits in Sippenhaft mit der Deutschen Wirtschaft, die weltweit für so viele Tode unter Kindern sorgt, dass wir ruhig von einem Infantizid sprechen dürfen. Zumindest argumentiert der Soziologe Jean Ziegler so, auf den ich einiges halte. Evolutionsbiologen sprechen dabei von einem Ökozid und sehr weit ist dieses Verhalten von den altbekannten Genoziden auch nicht entfernt.

    Die Frage ist eine andere: ist ethisches Handeln in letzter Konsequenz überhaupt möglich, wenn man sich am Leben erhalten will?

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  • Helmut Essl

    Natürlich laufen edle Worte ins Leere, wenn - legale -Notwehr gefragt ist.
    An anderer Stelle meinen Sie sicher Sippenhaftung und nicht -haft?!
    MfG - HE

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  • Marcin Lupa

    Ja, ich meinte Sippenhaftung. Danke für die Richtigstellung.

    Ich gehe davon aus, dass die Wirtschaftseliten nicht in Notwehr handeln, während sie sämtliche Biome einschließlich des menschlichen ausbeuten.

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  • Helmut Essl

    Legale Notwehr bezog sich auf mögliches ethisches Handeln in letzter Konsequenz. Außerhalb dieses Rahmens wären wir beim Hobbeschen Naturzustand, beim Kampf aller gegen alle! Die pure Regression!
    MfG - HE

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  • Marcin Lupa

    Ich verstehe. Dann hoffe ich, dass uns unsere Wirtschaftsweisen nicht in diese Regression treiben. Denn wie wäre "Raubtierkapitalismus" anders zu deuten?

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  • Helmut Essl

    Ein schöner Schluss der Debatte!
    Mit abendlichen Grüßen aus der Hölderlinstadt TÜ

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  • Marcin Lupa

    Liebe Grüße nach Tübingen, Herr Essl. Auch Ihnen einen schönen Abend gewünscht. Hoffentlich liest man von einander erneut, irgendwann.

    War mir eine Ehre mit Ihnen zu schreiben.

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