Aussagen der Archeogenetik zur Prähistorie des Menschen

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Es sollten zwei Bücher werden, die mein altes Gymnasialwissen bezüglich der prähistorischen Evolution des Menschen nur kurz erfrischen. Stattdessen wurde es eine äußerst anstrengende, dennoch nicht minder faszinierende kognitive Auseinandersetzung mit der relativ jungen Domäne der Archeogenetik. Einer Art von differenzierter Geschichtsschreibung, mit dem besonderen Blick auf unseren Genpol, genauer auf die mitachondriale DNA der matrimonialen Linien. 

Anhand dieser lassen sich zahlreiche Aussagen über das Wesen der beobachteten Individuuen, Tiere und Pflanzen treffen. So dass auch eine genaue Geschichtsschreibung, zugegeben voller Interpretationen, möglich wird. Wie zutreffend kann sie sein?

Die beiden Autoren, der von mir im Monat Mai vorgestellten Bücher sind: Professor Johannes Krause, seit 2020 Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Thomas Trappe, Redaktionsleiter beim Berlinger Tagesspiegel. Wissenschaftsthemen sein Ressort.

Die beiden haben sich als Coautoren gefunden und kennen sich mit der Vorgeschichte bestens aus. Der Weg, den sie zu ihren Themen beschreiten, geht über die in menschlichen, tierischen und pflanzlichen Überresten enthaltene genetische Information. 

In ihren beiden Büchern, die man getrost einzeln und einzig für sich lesen kann, bereiten sie den Weg dieser genetischen Anordnungen vor, so dass sie zahlreiche Ereignisse, allem voran Migration und Genfluß, Vermischung der verschiedenen Menschengruppen und Erschließung des Planeten aufbereiten und in einer schönen wissenschaftlichen aber auch humorvollen Sprache schildern. Dabei wird im zweiten Buch der Fokus auf die menschliche Hybris, sein Syndrom unter dem er leidet, gelenkt. Homo Sapiens sieht sich als Krone der Schöpfung und ahnt womöglich gar nicht, wie unbedeutend und winzig er angesichts der schieren Größe des Universums, und der in diesem herrschenden Distanzen, ist. Eine pascalsche Bescheidenheit wird ihm als Therapie aus dieser evolutionären Sackgasse nahegelegt.

Bekannte Theorien werden erneut erklärt, modifiziert, ausgebaut oder sogar durch neue Erkenntnisse ersetzt. 

So ist es höchstwahrscheinlich, dass der moderne Mensch, der Homo Sapiens, in mehreren Wellen aus Afrika sich auf den Rest der Welt ausbreitete. Dabei spielte die letzte dieser Eroberungswellen, vor ca. 50000 Jahren die größte Rolle. 

Zu dieser Zeit lebten im Nahen Osten und Europa bis zur Skandinavischen Eisschildgrenze im Norden die Neandertaler, im Osten, dem modernen China, die Denisovaner. Menschengruppen, die sich mit dem modernen Sapiens fortpflanzen konnten, die auch unter in diesen Büchern erklärten Umständen sich sogar kreuzten und vermehrten. Die Folge, dass fast jeder moderne Sapiens der Neuzeit einen bestimmten Prozentteil (bei neuzeitlichen Mitteleuropäern sind es 2-3%) an Genen des Neandertalers in sich trägt.

Dabei wurde der Neandertaler im Zuge der Jahrtausende komplett verdrängt und erlosch in seiner Reinform. Ebenso der Denisovaner im Osten Asiens.

Die beiden Wissenschaftler erzählen diese Geschichte der Migration aus Afrika unter Berücksichtigung von Klimaveränderungen und des selektiven Drucks, der für den Sapiens stets mit dem Fortschritt einherging.

Die beiden Autoren beleuchten die Sprachentwicklung des Menschen, grenzen ihn zu anderen Gruppen ab, die sich im Laufe der Jahrtausende von gleichen Linien abspalteten.

Die Bücher sind reich illustriert, verfügen über zahlreiche Zeittafeln und sind außerhalb der Unterteilung in die übergeordneten Kapitel, in zahlreiche kleine Kapitel gegliedert, so dass ein Mosaik der Prähistorie entsteht. 

Grau unterlegte Einschübe in vielen Kapiteln dienen zur Erklärung zahlreicher Begriffe und Sachverhalte, so dass sich diese Bücher auch als Nachschlagewerke nutzen lassen. So wird zum Beispiel über das Wesen von Impfungen gesprochen und wie diese das Immunsystem stärken, wie sie generell funktionieren. Und was die Gewöhnung an Virus- und Bakterienkrankheiten mit der menschlichen Evolution aber auch der Entwicklung in den verschiedenen menschlichen Ethnien zu tun hat.
Die Erfolgsgeschichte des afrikanischen Homo Sapiens, mit dunkler Haut, die er im Zuge der Anpassung an bestimmte geografische Regionen und die mit ihnen verbundene Vitamin D Zufuhr verlor, mündet in eine Erfolgsgeschichte des Europäers. Seine Vorfahren sind aber Afrikaner, die sich wiederum untereinander so stark abgrenzen, dass selbst heutige Mitteleuropäer und Asiaten, wie Chinesen und Japaner aber auch Südamerikaner mehr genetische Übereinstimmung mit beispielsweise den Äthiopiern haben, als Äthiopier und beispielsweise Kameruner unter sich. Die genetische Verschiedenheit kennt innerhalb Afrikas ihre größte Breite. 

Überaus interessant und stets zu beherzigen, dass wir allesamt eine gemeinsame Wiege und eine Urmutter haben, die vor 200000 Jahren im Südosten Afrikas gelebt hat. Völlig egal, wo wir als Abgeordnete einer Bundesregierung im Parlament sitzen. 

Wer sich für solche Tatsachen interessiert, wen sie darüberhinaus faszinieren, wird mit diesem Autorenduo und ihren Büchern eine helle und dauerhafte, aber auch immer wiederkehrende Freude haben.

Eine klare Kaufempfehlung für beide Titel. Wenn auch für die meisten Intellektuellen wohl eher so etwas wie Spaßbücher. Für mich persönlich eine Herausforderung an sich. 

Zu beziehen über die wbg: https://www.wbg-wissenverbindet.de/shop/36238/hybris.

Und das etwas ältere Exemplar: https://www.buecher.de/shop/archaeologie/die-reise-unserer-gene/krause-johannes/products_products/detail/prod_id/58013756/.

Beide Bücher können immer wieder gelesen werden, zumal die Materie für einen von Geisteswissenschaften inspirierten Menschen wie mir, explizit stark naturwissenschaftlich ist und dadurch zwar trotz allem verständlich, jedoch weniger memorabel. 

Zu guter Letzt noch der Hinweis auf das Interview von Yves Bossert von den Sternstunden Philosophie im SFR mit einem der Autoren, Johannes Krause: https://youtu.be/MnKyK6waZT4.

Kommentare (6)

Lara Hitzmann

Vielen Dank für diese Empfehlungen, Herr Lupa! Das sind spannende Theorien! Welches der beiden Bücher würden Sie als erstes lesen?

Marcin Lupa

Tatsächlich habe ich beide Bücher sehr genossen. "Die Reise unserer Gene" wurde zuerst geschrieben, daher empfehle ich den Einstieg mit diesem Buch.
"Hybris" ist natürlich etwas besser verfasst, mehr Themen bezogen, wissenschaftlich und nicht bloß eine schöne Erzählung.

Wenn Sie so beginnen wollen, schenke ich Ihnen "die Reise unserer Gene". Es ist nur ein Taschenbuch. Ich würde Sie dann nur bitten mir das Porto zu überweisen. Ich würde es als Büchersendung verschicken.
Wollen Sie es haben?

"Hybris" als gebundenes Buch, will ich in meiner Sammlung behalten.

Luca Rosenboom

Vielen Dank für die sehr schöne Buchvorstellungen! Das Buch "Hybris" habe ich mir so eben auf meine Wunschliste gepackt, zumal ich die Prähistorie ungemein spannend finde, zugegebenermaßen aber so gut wie gar nichts darüber weiß. Daher passt der zusammenhängende Rahmen bis in heutige Zeit auch super. Die Globalgeschichte der wbg kann dabei sicherlich helfen, die sich zum Glück auch in meinem Repertoire befindet. Dort kann man auf knappen Raum einiges nachlesen und sich informieren.

Marcin Lupa

Die Globalgeschichte habe ich mir auch gekauft. Immer wieder kehre ich zu ihr zurück. Gerne würde ich mir die Zeit nehmen, sie von Anfang bis zum Schluss durchzulesen. Vielleicht kommt ja mal eine Zeit in der dies möglich sein wird.

Vielen Dank für Deinen Kommentar.

Luca Rosenboom

Ich finde sie super als Nachschlagewerk, um kurz und bündig informiert zu werden. Zudem finde ich die Bilder teils sehr interessant und sichterweiternd. So viele Bücher, wie wir zu lesen gedenken, ich glaube da bräuchten wir ein zweites Leben.

Marcin Lupa

Luca Rosenboom, sehe ich auch so. Noch ein Leben für all die Bücher, die man lesen möchte. Oder einfach wiederkommen, auf diese Erde, unter glücklicheren Umständen, dass die Bediensteten den Haushalt erledigen und man Zeit zum Lesen hat, als Literat arbeitet. Das wäre so eine kleine Illusion, die ich mir manchmal erlaube ...

Dabei merke ich gerade, dass wir von zwei unterschiedlichen Büchern schreiben. Denn ich habe die "Weltgeschichte" der wbg in drei Bänden und die ist etwas genauer, sowie umfangreicher als die "Globalgeschichte", leider aber ohne bunte Bilder, sondern mit seltenen in schwarzweiß.


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