Archäologie an der Schule

Günther Rapp • 25 September 2019
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Ich möchte gern meinen Eindruck mit der Community diskutieren, dass das Thema Archäologie in den weiterführenden Schulen so gut wie keine Rolle in den Lehrplänen mehr spielt. Ist dem wirklich so bzw. in welchen Bundesländern sehen die Lehrpläne das Thema Archäologie noch als eine eigene Lehreinheit vor? Für Infos und einen Austausch zur Frage wäre ich sehr dankbar.

Kommentare (11)

Holger Kieburg

Die Einschätzung bzw. Sorge teilt der Deutsche Verband für Archäologie (DVA). Er hat inzwischen einen Fachausschuss zum Thema „Archäologie und Schule“ gegründet, der auf der Basis der Lehrpläne in den 16 Bundesländern für den Verband Themen, Probleme und Sorgen in einem Positionspapier für die Kultusministerkonferenz formulieren will. In der Ausgabe 4/2019 der Archäologie in Deutschland schreibt Günter Schöbel über das Thema in dem Beitrag "Dornröschen zwischen MINT-Fächern - Archäologie an deutschen Schulen" und stellt auch das Projekt www.archaeologie-der-zukunft.de vor, dessen Ziel es ist, die Vermittlung von archäologischem Wissen an Schülerinnen und Schüler zu fördern.

Anna Ockert

Ihren Eindruck kann ich (leider) nur bestätigen. Zu meiner Schulzeit sah der Lehrplan in Rheinland-Pfalz das Thema Archäologie nicht vor. Neuerdings bemühen sich aber immer mehr Universitäten, darunter auch die Johannes-Gutenberg Universität in Mainz, Schülerinnen und Schüler für das Thema Archäologie zu begeistern.

wbg Redaktion

Archäologie habe ich persönlich in der Schule nur als Teil des Geschichtsunterricht kennengelernt, angefangen bei den Griechen oder maximal der minoischen Kultur. Allgemein scheint dabei eine sehr eurozentrische Perspektive vorherrschend. Ägypten oder der Orient waren erst Thema innerhalb der römischen Expansion. Alle anderen Kulturen außerhalb Europas oder vor der Zeit der Griechen wurden nie behandelt. Allerdings muss ich dazu sagen, dass der Antike damit immer noch weit mehr Platz eingeräumt wird als dem Mittelalter, dass mit der Ausnahme von Karl dem Großen fast komplett übersprungen wurde, bevor es mit der Neuzeit (hauptsächlich seit der französichen Revolution) weiterging.

Thorsten Jacob

Da muss ich leider gestehen, dass zu meiner Schulzeit der 80er / 90er in Hamburg das Thema Archäologie in dem Sinne nicht vorhanden war - und ich würde mich mit Sicherheit daran erinnern :) - und es weder im klassischen Frontalunterricht vorkam noch durch Exkursionen, maximal 1-2 mal überhaupt zum legendären Wikinger-Ort Haithabu bei Schleswig. Sieht es denn in den südlichen Bundesländern anders aus alleine aufgrund ihrer Nähe zum antiken Rom und den archäologischen Zeugnissen dessen?

Anna Ockert

Ergänzend zu meinem ersten Post: Obwohl im Lehrplan nicht ausführlich vorgesehen, habe ich im Kunstunterricht in der Oberstufe dank meines Kunstlehrers eine ausführliche Einführung in die Kunstgeschichte erhalten, die u.a. die Vor- und Frühgeschichte in Deutschland, sowie die griechische und römische Antike beinhaltet hat und mich dadurch auch erst für die Archäologie begeistert hat. Eine kleinere Exkursion zum Kastell Saalburg in Hessen fand tatsächlich in der 6. Klasse statt, aber mit der Absicht, uns für das Fach Latein zu begeistern. In der Oberstufe hätte mein Jahrgang die Möglichkeit gehabt, günstig nach Rom zu kommen, was aber aufgrund der langen Busfahrt abgelehnt wurde (trotzdem bzw. zum Glück konnte ich das dann im Studium nachholen).
Trotzdem gab es an meinem Gymnasium sehr viele Jahrgänge, die nach Rom gefahren sind, was aber auch an einem engagierten Geschichtslehrer gelegen hat, der diese Fahrten organisiert hat (im Rahmen der Abschlussfahrt der Oberstufe).
"Exkursionen" zu historischen Orten waren daher ein fester Bestandteil im Familienurlaub.

Sina Ockert

Es kommt, denke ich, darauf an wie Archäologie für die Schule definiert werden soll. Meistens ist keine Zeit sich intensiv mit Themen außerhalb des Lehrplans auseinander zu setzen. Ein weiteres "Problem" ist, dass es auch auf die Lehrkraft ankommt, was diese als eigenen Schwerpunkt ansieht und welche Themen gemieden werden.
Natürlich wäre es möglich, z. Bsp. im Religionsunterricht biblische Texte mit archäologischen Zeugnissen zu verbinden. So könnte man sich u.a. die Fragmente des jüdischen Tempels in Jerusalem ansehen und diese mit Textstellen aus der Bibel vergleichen. Jedoch setzt dies eine enorme Vorarbeit voraus, die von der Lehrkraft geleistet werden muss.

Thorsten Jacob

Kombinieren von Fächern (Geschichte / Religion / Latein / Griechisch usw) wäre auch eine Idee. Eine Kursfahrt nach Jerusalem wäre natürlich ein imposantes und beeindruckendes Erlebnis, tolle Idee

Sina Ockert

Fächerübergreifender Unterricht ist tatsächlich in den Lehrplänen vorgesehen bzw wird für einige Themen vorgeschlagen (z. Bsp. wird sehr häufig eine Zusammenarbeit von Religion und Geschichte vorgeschlagen). Eine dauerhafte Kombination, wenn es das ist was Sie meinen, von Fächern könnte schwierig werden, da jedes dieser Fächer seine Berechtigung hat ein Fach für sich zu sein. Zudem würde dies einen neuen Lehrplan erfordern, was Jahre dauern würde (es gibt Fächer, deren Lehrpläne schon fast 20 Jahre alt sind, was eindeutig zu alt ist).
Eine weitere Möglichkeit wäre zum Beispiel erstmal eine AG anzubieten, die von Lehrkräften aus verschiedenen Fächern geleitet wird, falls sich genug finden. Oder aber, falls es sowas an Schulen noch gibt, dass man Archäologie während Projektwochen betreibt.

Thorsten Jacob

Guten Abend, Frau Ockert. :) Eine dauerhafte Kombination einzelner Fächer fände ich interessant in Form von AGs oder Wahlfächer, eine komplette Verschmelzung einzelner Fächer zugunsten der Auflösung der vorher bestehenden Fächer nicht. Zudem wäre dies auch nicht mehr Schul- sondern auch Universitäts-abhängig. Hier in der Gruppe "Philosophie" hatte ich bereits erzählt, dass z.B. in Zürich es in der Oberstufe die Kombination gibt von Philosophie, Pädagogik und Religion und Themen dort explizit von drei Seiten aus beleuchtet werden. Ich persönlich hatte in meiner Oberstufe '98 / '99 das Fach Psychologie und es war beinahe revolutionär ein solches Fach in Hamburg haben zu dürfen. Warum also nicht auch Archäologie, Poesie & Lyrik, Economics & Wirtschaftsenglisch, Kulturmanagement & App-Entwicklung?! Als Fach oder in den Projektwochen?! Hauptsache, man geht auch in den Schulen mit der Zeit. :)

Sina Ockert

Guten Abend Herr Jacob. Eine Kombination, wie Sie es im Fall der Oberstufe in Zürich beschreiben, fände ich als angehende Lehrerin sehr interessant. Man kann ja auch solche Ansätze, wie Sie schon sagten, während Projektwochen und für AGs ausprobieren.
Um mit der Zeit zu gehen, gibt es auch heute schon versuche die Schule lebendiger und spannender zu machen (sind wir mal ehrlich: das Medium Buch kann leider nicht alles abbilden). So gibt es einen Ansatz, der zwar viel Technik in den Schulen voraussetzt, aber sehr anschaulich für die Schüler sein könnte: Gamifikation. Unter anderem möchte dieser Ansatz die neuesten technischen Möglichkeiten verwenden. So könnte man im Geschichtsunterricht mit Hilfe von VR-Brillen durch Rom oder Athen laufen oder anhand von sehr guten Computerspielen (es gibt tatsächlich Spiele, die sowohl einen erzieherischen Hintergrund als auch einen wissenschaftlichen Hintergrund haben). Nur leider sind v.a. Computerspiele heutzutage ein Streitthema.
Generell hat ja auch die Schule einen Bildungsauftrag und ich finde, dass da auch, wie Sie sagten, wirtschaftliche und technologische Themen dazugehören sollten.

Rolf-Achim Mostert

In NRW spielt Archäologie in der Schule überhaupt keine Rolle. Auch die deutsche und europäische Geschichte vor dem 19. Jahrhundert ist, mit Ausnahme der Französischen Revolution, selbst bei Oberstufenschülern nicht mehr Teil vertieften Wissens, ebensowenig wie geistesgeschichtliche Entwicklungen.


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