Die April-Kolumne mit Denis Scheck

Thorsten Jacob • 30 April 2020

„Ein Glücksfall“

Literaturkritiker Denis Scheck bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“. In seiner Sendung vom vergangenen Sonntag führt Denis die erste Videokonferenz mit Lord T.C. Boyle in der "druckfrisch"-Geschichte. In dem Video besprechen Sie die Erzählsammlung Boyles, die aus neunzehn Kurzgeschichten besteht. Das Zitat »Den Menschen lieb‘ ich, mehr noch die Natur« von Lord Byron geht den Erzählungen voran. Das Video sehen Sie HIER!



1010) Saša Stanišić: „Herkunft“ (Luchterhand, 368 S.,22 €) 1023446
 

Saša Stanišić kam mit 14 auf der Flucht vor dem Bosnienkrieg nach Deutschland und ist heute einer der sprachmächtigsten deutschen Schriftsteller. Wie das geht, davon erzählt er in seinem auch formal innovativen Buch über all das, was einen Menschen ausmacht: „Ich weiß noch, wie es sich anfühlt, für etwas keine Sprache zu haben“, schreibt Stanisic. „Wie ich manche Unter¬haltungen am liebsten abgebrochen hätte, wenn meine Gesprächspartner ihre Ungeduld kaum verbergen konnte, weil ich so lange brauchte, um mich mitzuteilen.“ Das Buch selbst ist das Happy-end dieser Geschichte. 


99) Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“ (S. Fischer, 320 S. 21 €) 1025187

Heinrich von Kleist charakterisiert seinen Michael Kohlhaas als „einen der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“. Norbert Paulini, Dresdner Antiquar und die Hauptfigur in Ingo Schulzes neuem Roman, ist ein Nachfahre von Kohlhaas. An seinem Beispiel beantwortet Schulze die Frage, warum so viele Ostdeutsche politisch so ins rechte Abseits drifteten. Ein faszinierend konstruiertes, ein kühnes und gedankenreiches Buch.


88) Elizabeth Strout: „Die langen Abende“ (Deutsch von Sabine Roth, Luchterhand, 350 S. 20 €)

Eine angenehm profunde, warmherzige, aber nie kitschige Geschichte über Liebe im Alter mit der bereits aus „Mit Blick aufs Meer“ bekannten Olive Kitteridge. Die amerikanische Autorin Elizabeth Strout verfügt über zwei bemerkenswerte Stärken: sie kann glaubhafte Charaktere zeichnen, und sie vermag diese Charaktere in eine Handlung einzubetten, die einen unwiderstehlichen Sog erzeugt. Kluge, plausible und intelligente Unterhaltung.

 

77) Lucy Riley: „Die Sonnenschwester“ (Deutsch von Sonja Hauser, Sibylle Schmidt, Ursula Wulfekamp, Goldmann, 832 S., 22 €)

Im Vergleich zu Elizabeth Strout nimmt sich Lucy Riley aus wie ein Morchel-Soufflé zu einer Tiefkühlpizza. Frustrierend ist die Dummheit, die Lieblosigkeit und die Abgeschmacktheit dieser Romanreihe um sieben Schwestern, die nach dem Tod ihres Adoptivvaters ihre Herkunft zu klären versuchen, diesmal mit einem internationalen Modemodel als Heldin. Von deren Drogen- und Alkoholsucht und Friseurproblemen zu lesen ist etwa so aufregend wie einen Weltrekordversuch im Pfahlsitzen zu verfolgen.
 

66) John Grisham: „Die Wächter“ (Deutsch von Bea Reiter, Imke Walsh-Araya und Kristiana Dorn-Ruhl, Heyne, 447 S., 24 €)

John Grisham kann als Thrillerautor Stephen King nicht das Wasser reichen. Seine Charaktere sind flach, seine Plots hölzern, seine Methoden zur Spannungserzeugung grob. Dennoch kann das auch Grishams neues Buch um einen auf Wiederaufnahmeverfahren von Insassen in Todeszellen spezialisierten Anwalt in seiner Substanz nicht beschädigen. Und das liegt an dem einfachen Grund, daß die Substanz von Grishams Bestsellern aus der Retorte nicht innerhalb, sondern außerhalb dieser Bücher liegt - will sagen: nicht in Grishams Fiktion, sondern in der Realität der US-amerikanischen Justiz.


55) Pascal Mercier: „Das Gewicht der Worte“ (Hanser, S. 26 €) 1025254

Pascal Mercier kommt aus der Siegfried-Lenz-Schule-des-Erzählens. Seine Devise lautet: doppelt genäht hält besser, lieber alles dreimal laut aussprechen als einmal zart andeuten. Das führt zu einer bräsigen Biederkeit. Wer sich daran nicht stört, den wird Merciers neuer Roman zum Nachdenken bringen und gut unterhalten. Es geht um einen Übersetzer und Verleger, der nach 77 Tagen mit einer Todesdiagnose sein Leben neu geschenkt bekommt, und nun versucht, sich darüber klar zu werden, ob er sich als Mensch verfehlt oder das Potential seiner Individualität ausgeschöpft hat.

 

44) Monika Helfer: „Die Bagage“ (Hanser, 160 S., 19 €) 1024841

Der schön doppeldeutige Titel von Monika Helfers bemerkenswertem Roman bezieht sich auf das Gepäck unserer Familiengeschichten, an dem manche ihr Leben lang schwer zu tragen haben - und auf eine sozial randständige, wenig geachtete Familie in einem österreichischen Dorf zu Beginn des Ersten Weltkriegs, „die Bagage“ eben. Wunderbar verdichtet und enorm präzise in der Beobachtung erzählt Helfer von Unordnung und frühem Leid in prekären Familienverhältnissen.

 

33) Laetitia Colombani: „Das Haus der Frauen“ (Deutsch von Claudia Marquardt, S. Fischer, 255 S., 20 €)

Laetitia Colombani erzählt die Geschichte des ersten Pariser Frauenhauses verbunden mit der Geschichte einer Staranwältin, die nach einer beruflichen und privaten Niederlage an einem Burn-out leidet. In seiner extremen Oberflächlichkeit, Vereinfachung und manipulativen Lesersympathielenkung ist Colombanis Roman ein gutes Beispiel für heutigen Kitsch: ganz ungeheuer gut gemeint und ganz ungeheuer schlicht gedacht.



22) Delia Owens: „Der Gesang der Flußkrebse“ (Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Hanserblau, 461 S., 22€) 1024053

Ein befriedigender Schmöker, dessen etwas maue Krimihandlung durch seine hinreißenden Naturschilderungen der Sumpflandschaften North Carolinas herausgerissen wird,
 

 


11) Lutz Seiler: „Stern 111“ (Suhrkamp, 528 S., 24 €)  1025265

Lutz Seiler erzählt in diesem Roman betörend sinnlich und mit großer Sprachkraft von einer Kultkneipe in Ostberlin, dem durch den Fall der Mauer 1989 ausgelösten Rausch der Möglichkeiten, von der Notwendigkeit der Utopie, vom Altern von Träumen und dem ewig jungen Verlangen nach Freiheit. Ein beglückendes Buch und: ein Glücksfall der deutschen Literatur.


 

 

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