Antisemitismus - Barbarei im aufgeklärten Zeitalter

Karl Friedrich Stephan • 10 April 2021
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Die individual- und kollektivpsychologische Pathologie Antisemitismus ist Ideologie in Reinform. Antisemitismus sei nachfolgend als irrationaler, weil erfahrungsunabhängiger Hass auf Juden definiert. Dass antisemitische Stereotype und Legenden wie Ritualmorde, die als Volkssagen und religiöse Folklore tradiert werden, wenn auch oftmals aktualisiert, seit dem Holocaust und der „Bildungsrevolution“ (Talcott Parson) weiterhin fortbestehen, beweist, dass die sozialpsychologischen Ursachen des antisemitischen Komplex perpetuiert werden. Denn antisemitische Äußerungen und das Feindbild „des Juden“ beziehen sich nicht auf Juden oder die jüdische Geschichte. Vielmehr sind sie falsche Projektionen und pathische Vorurteile eines autoritären Charakters sowie imaginäre Vorstellungen und damit ein Selbstporträt der psychischen Charakterstruktur und des sozialen Milieus des Antisemiten. Eigentlicher Inhalt des Antisemitismus ist nicht ein objektives, sondern ein subjektives Objekt. Somit kann, wie es die Verwendung von „Jude“ als Schimpfwort zeigt, in der antisemitischen Phantasie jeder die Funktion eines Juden einnehmen. Das antijüdische Klischee hat wegen der antisemitischen Persönlichkeitsstruktur einen absoluter Charakter, das nicht durch Erfahrung korrigiert werden kann. Das antijudaistische Bild des „Ewigen Juden“, ursprünglich ein theologisch-heilsgeschichtlich begründetes Bild der jüdischen Diaspora, ist unfreiwillig eine Widerspiegelung dessen. Die Bedingungen des modernen Antisemitismus, die auch begründen, warum antisemitische Einstellungen in Ländern wie Deutschland oder den arabischen Staaten mit winzigen jüdischen Gemeinden existieren (gleichsam ein Antisemitismus ohne Juden), sind die Dialektik der Aufklärung, die Auflösung sozio-kultureller Bindungen durch Nihilismus und Säkularisierung sowie die Atomisierung der Massengesellschaft in isolierte, ohnmächtige, orientierungslose Subjekte (sub-iectum). Der mit modernster Technik industriell organisierte nationalsozialistische Völkermord an den europäischen Juden ist eine Allegorie dafür, dass die Dialektik der Aufklärung diese in ihr barbarisches Gegenteil kippen lässt. Antisemitismus im 20. und immer noch im 21. Jhdt. zeigt das Scheitern der Zivilisierung und Humanisierung durch Rationalisierung und Aufklärung an. „Die antisemitische Verhaltensweise wird in den Situationen ausgelöst, in denen verblendete, der Subjektivität beraubte Menschen als Subjekte losgelassen werden.“ (Adorno/Horkheimer, „Dialektik der Aufklärung“, in: Gesammelte Schriften. Bd. 3. Hrsg. von Rolf Tiedemann, Frankfurt am Main Suhrkamp 2003, S. 195) Das antisemitische Ressentiment hat sich im 19. und 20. Jhdt. als Rebellion gegen alles Moderne dargestellt. Juden wurden demnach kontradiktorisch mit dem Sozialismus, Liberalismus, Kapitalismus, der Urbanität, Mobilität, Intellektualität und dem Atheismus identifiziert. Psychologisch interpretiert hinterlassen die Hemmung und Entsagung der eigenen Triebe und Machtansprüche ein Ich-schwaches Subjekt, das im Umgang mit der Welt auf ein früheres Ich-Stadium regrediert und sich mit der starken Eigengruppe identifiziert, um das Gefühl von Kontrolle und Ordnung zu gewinnen. Im politischen Mob, der sowohl als reale wie als gefühlte Gruppe für die Massenbildung dienen kann, ist es dem antisemitischen Ich möglich, sich selbst aufzuwerten und seine Gewalt, sanktioniert durch das Kollektiv, durch Pogrome zu befriedigen. Der Pogrom wäre dann nicht eine Ausgestaltung des Antisemitismus, sondern dieser selbst. Antisemitismus wäre eine rationalisierte Idiosynkrasie, die als Erklärung für die Befriedigung des eigenen Aggressionstriebs erst unbewusst gewählt wird. Das schwache Ich ist auf die antisemitische Identität zur Stabilisierung seiner selbst angewiesen. Die Ich-Regression ermöglicht, dass, wegen des Primärprozesses von Es und Unbewusstem, die Realitätsprüfung aufgehoben ist und Widersprüche wie „jüdischer Bolschewismus“ auf der einen und das antisemitische Stereotyp des Kapitalisten und Bourgeois gleichzeitig bestehen können. Antisemitismus ist grundsätzlich irrational, aber, wie Verschwörungstheorien, aus der Sicht des Antisemiten logisch konsistent, Sinn machend (natürlich auch dadurch, dass der verschwörungstheoretische Verdacht eine Falsifikation des antisemitischen Gedankenkonstrukts erschwert; rational lässt sich die schwachsinnige Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung natürlich falsifizieren, jedoch wird der Antisemit erstens, weil er gerade gegen die Rationalität aufbegehrt, zweitens aus psychologischen Gründen nicht überzeugt sowie drittens durch Ad-hoc-Thesen sein antisemitisches Weltbild anzupassen versuchen). Eine weitere Folge des Regression auf infantile Entwicklungsstufen ist ein manichäisches Weltbild, das durch die Zugehörigkeit zum antisemitischen Kollektiv und die Abgrenzung vom Juden (ethische Positivität auf der einen und, von „den Juden“ personifiziert, ethische Negativität auf der anderen Seite) eine narzisstische Befriedigung gestattet. Eine in-group konstituiert sich durch Abgrenzung von der jüdischen out-group. Die antisemitische Reaktion ist eine psychische Kanalisierung der Unzufriedenheit und des Aggressionstriebs. Weil eine a priori Voreingenommenheit gegen die Fremdgruppe die Erfahrung des Antisemiten immer schon präfiguriert, nimmt dieser die Umwelt  dann auch immer im Licht des Antisemitismus wahr. Die infantile Furcht vor dem Unbekannten wird mit den Vorstellungen einer bestimmten Gruppe ausgefüllt. Antisemitismus ist eine kohärente Ideologie, Totalität, die die Struktur von Verschwörungstheorien hat (bzw. Verschwörungstheorien sind struktureller Antisemitismus). Der antisemitische Welterklärungsversuch verhindert kognitive Dissonanzen und ermöglicht, eine widerspruchsvolle Wirklichkeit widerspruchsfrei zu ordnen. Der psychische Mehrwert liegt beim Antisemiten darin, dass er eine homogen strukturierten Persönlichkeitsstruktur erhält (der antisemitische Attentäter von Halle - ihm lassen sich Apathie und ein unbefriedigter Narzissmus, der sich Misogynie und ein Amalgam von Verschwörungstheorien und Antisemitismus als rationalisierende Erklärung seines Scheiterns bei Frauen wählt, diagnostizieren - ist ein Beispiel dafür, dass Antisemitismus zumeist eine psychische Kompensation des autoritären Charakters ist). Ontologisch interpretiert und auf Sartre rekurrierend, versucht der Antisemit sich als An-sich-sein zu realisieren, was erfordert, sich in einem Seinsentwurf als Antisemit zu wählen. Damit stellt sich der Antisemitismus als totale Wahl einer Totalität dar. Der Antisemit praktiziert mauvaise foi, um sich von der Notwendigkeit zu entlasten, sich und seine ethischen Werte wegen seiner absoluten ontologischen Freiheit permanent zu konstituieren. Die marxistische Interpretation des Antisemitismus als indirekter Antikapitalismus und die Ablenkung von den eigentlichen sozio-ökonomischen Antagonismen (anstatt das kapitalistische System zu beschuldigen, konzentriert sich die Wut auf eine bestimmte ethnische Gruppe, die mit der kapitalistischen Akkumulation identifiziert wird, siehe Antisemitismus der Linken) kann nur unzureichend nutzbar gemacht werden, da sich der moderne Antisemitismus aus dem Antijudaismus zeitgleich mit dem Entstehen des Kapitalismus herausgeschält hat, aber Antisemitismus auch in der Bourgeoisie vorherrscht(e). Auch kann Antisemitismus kein reines politisches Mittel sein, das nur von Agitatoren eingesetzt wird, um eine kleinere antisemitische Masse, entweder offen oder als dog whistle, zu mobilisieren. Die Ausnahme des Wiener Bürgermeisters Lueger, der den Radau-Antisemitismus bewusst agitatorisch instrumentalisiert hat, bestätigt die Regel, dass der moderne Antisemitismus keine blanke Strategie, wie es auch die marxistisch-leninistische Antisemitismustheorie insinuiert, ist. Der fanatische Antisemitismus Hitlers und seine Person beweisen vielmehr das Gegenteil (andererseits hat der Antisemitismus die nationalsozialistische Ideologie unterlegt, dadurch verschiedenste soziale und politische Gruppen im Nationalsozialismus integriert und Hitlers „Führermythos“ durch das Verkünden einer „jüdischen Gefahr“ und des „antijüdischen Heils“ gestützt, sodass oftmals für die NSDAP nicht trotz, sondern weil sie antisemitisch war, die Stimme abgegeben wurde). Dass der logistische, bürokratische und ökonomische Aufwand des Holocaust wichtige militärische und zivile Ressourcen des Deutschen Reichs in einer angespannten militärischen Lage verbrauchte, straft dies zusätzlich Lügen. Der religiöse Antijudaismus entstand als polemische Abgrenzung der im Entstehen begriffenen christlichen von der mosaischen Religion. Er ging in der Urgemeinde von den Hellenisten aus. Säkularisiert werden die antijüdischen Feindbilder in den Motiven des Antisemitismus tradiert (bspw. ist die Ritualmordlegende in der Metapher des „kapitalistischen Blutsaugers“ erhalten). Der Antisemitismus hat, in Europa, seinen Ursprung im christlichen Antijudaismus (Schuld der Juden am Tod Jesu, deren Ablehnung von Jesus als Messias, Substitutionstheologie, Joh 8,42-45), sodass dieser auch christliche Metaphern und Mythen verdinglicht geerbt hat. Die Aufklärung hat zusätzlich anitjüdisches Ressentiment verkleidet und bewahrt. In der aufklärerischen Religionskritik hat sich der christliche Topos vom verstockten Juden, nun vernunftphilosophisch legitimiert, gegen die jüdische Minderheit, die immer noch an einen strengen monotheistischen Gottvater, polemisch vom christlichen „Gott der Liebe“ abgegrenzt (siehe Lessing), erhalten. Dies hat zur Verfestigung des antisemitischen Gedankens einer unabänderlichen jüdischen Identität beigetragen. Der soziale Antisemitismus ist ein Ressentiment, dass sich am besonderen sozialen Status der Juden in der Gesellschaft stört, die ja durch das Zinsverbot für Christen durch das Laterankonzils von 1215 und den Zunftausschluss der jüdischen Bevölkerung als Träger der kapitalistischen Produktionsverhältnisse prädestiniert wurden (allerdings eher weniger, weil nur die vormaligen Hofjuden genügend Vermögen hatten, um Kapital akkumulieren zu können). Gesellschaftlich entstand die Vorstellung, dass Juden unproduktive und wuchernde Verleiher bzw. Händler seien. Das Stereotyp lebt in der Vorstellung, dass jüdische Finanzfirmen über die amerikanische Wallstreet herrschen (die Nationalsozialisten nannten dies „raffendes“ statt „schaffendes“ Kapital), und der Vorstellung eines „Weltjudentum“ fort. Der politische Antisemitismus glaubt, dass Juden ein homogenes Kollektiv mit einflussreicher sozialer und politischer Macht seien, das sich in politischer Absicht zu gemeinsamem Handeln zusammengeschlossen hat. Konspirativ wird „den Juden“ eine Herrschaft über Nationen oder gar der ganzen Welt unterstellt, sodass hinter politischen oder gesellschaftlichen Umbrüchen wie Kriegen, Revolutionen oder Wirtschaftskrisen jüdische Akteure imaginiert werden (vgl. Antibolschewismus). Der nationalistische Antisemitismus, der unter anderem antisemitischen Rassentheorien und dem Sozialdarwinismus der NS-Ideologie zugrunde liegt, ist die Vorstellung, dass Juden ein qua Wesen nicht integrierbarer bzw. assimilierbarer gesellschaftlicher Rest sind. Ethnische, kulturelle oder soziale Vorurteile legen die Vorstellung nahe, dass es eine jüdische Fremdheit gebe, die aus der Nationalität heraussteche. Der rassistische Antisemitismus begründet eine natürliche Andersartigkeit der Juden, sodass die völkische Bewegung mit biologistischen und sozialdarwinistischen Überlegungen letztlich die physische Auslöschung der jüdischen Minderheit propagiert. Der moderne Antisemitismus hängt mit dem Übergang von der feudalen zur Klassengesellschaft und deren Auflösung infolge des politischen und ökonomischen Umbruchs zusammen. Die ökonomische, soziopsychische und politische Unsicherheit hat jeweils Panik zur Folge. Mit der Panikursache wurde dann der bereits als fremdartig Wahrgenommene - die jüdische Minderheit, die ja durch den Antijudaismus Paria aus der homogenen christlichen Mehrheitsgesellschaft und Ständeordnung in die merkantilistische und später kapitalistische Akkumulation vertrieben wurde - identifiziert. Antisemitismus existierte bereits vor den politisch-ökonomischen Entwicklungen des 18. bis 20. Jhdts. als Antijudaismus in der Antike. Auch damals ist die jüdische Minderheit aufgrund der archaischen Riten ihrer religiösen Gemeinde als Fremdartiges wahrgenommen worden. Dies wurde auch dadurch verstärkt, dass sich das jüdische Volk kulturell durch die Nachkommenschaft Abrahams sowie als heiliges Volkstum definierte. Juden waren immer eine out-group. Die psychischen Reaktionen, als die sich der Antisemitismus darstellt, werden besonders durch katastrophale gesellschaftliche Verwerfungen (bspw. Kulturpessimismus des fin de siècle) und politische Krisen provoziert. Währenddessen ist der nach dem Holocaust entstandene sekundäre Antisemitismus, Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz. Er erfüllt die Funktion einer Schuldabwehr. Die latente Erfahrung von Schuld vieler Deutscher für den Völkermord an den Juden wird hierbei so verdrängt und rationalisiert, dass die Juden als schuld an den Schuldgefühlen erscheinen (bspw. Holocaust-Leugnung, Täter-Opfer-Umkehr, Schlussstrich-Forderung).

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