Anaxagoras über das Wesen der Welt

Lara Hitzmann • 6 Oktober 2021
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Anaxagoras über das Wesen der Welt

Der Vorsokratiker Anaxagoras von Klazomenia (499-428 v. Chr.) war der erste Naturphilosoph, der erkannte, dass es sich bei der Sonne um einen Feuerball handelt. Ferner stellte er die Theorie auf, dass alles von einem Naturgeist gelenkt werde und aus winzigen Partikeln bestünde. Deshalb wurde Anaxagoras von Zeitzeug:innen als Atheist angeklagt.

Der Philosoph stammt, wie es sein Name bereits vermuten lässt, aus der ionischen Stadt Klazomenai, nahe des antiken Smyrna. Als er in das griechische Athen kam, wurde er zum Lehrer und Berater des berühmten Staatsmann Perikles. Im Laufe seines Aufenthalts fiel Anaxagoras aber durch gotteslose Aussagen auf und trat durch die Verbreitung seiner Theorien vor allem Priestern auf die Füße. Sein Freund Perikles konnte ihn zwar gerade noch vor der Todesstrafe retten, nicht aber vor dem Exil. Die Texte des Anaxagoras sind uns heute leider nur noch fragmentarisch durch Aristoteles überliefert.

Die Literatur der Moderne hat sich besonders an der Tatsache erfreut, dass Anaxagoras mit Betrunkenen – er war dabei selbstverständlich nüchtern  über das Wesen der Gottheiten diskutierte. Im Zentrum seiner Argumentation stand die These, dass die ganze Welt von einem Geist bewegt werden würde, den er mit Nous (gr. νοῦς) benannte. Anaxagoras schreibt selbst dazu:

Der Geist ist als einziges mit keiner anderen Sache vermischt, daher existiert nur er für sich selbst. Er ist unendlich und herrscht selbständig. Er ist die feinste und reinste von allen Sachen, hat von allem Kenntnis und besitzt die größte Kraft. Der Geist ist nicht nur Ursache der kosmischen Kreisbewegung, er hat auch alles geplant und arrangiert […].“ (Fragment B12)

Aus philologischer Sicht ist νοῦς vielseitig übersetzbar (vergleichbar mit dem lat. mens): Im griechischen Sprachraum verstand man νοῦς als Naturgeist wie hier bei Anaxagoras, aber auch als Verstand, Wissen, Vernunft. – Die Vernunft der Welt?

Dieser Naturgeist bewegt die Homoiomerien (gr. ὀμοιομερής), winzige Teilchen (Spermata), aus denen alles besteht. Diese Weltansicht impliziert laut Anaxagoras auch, dass aus nichts nichts entstehen kann und etwas nicht zu nichts werden kann.

Er war ein Vordenker, der erste Dualist seiner Zeit, denn er traf in seiner Theorie eine Unterscheidung zwischen der bewegten Materie und dem bewegenden Geist.

Allein wegen dieser ketzerischen These über das Wesen der Welt hätte Anaxagoras bereits für seinen Atheismus angeklagt werden können. Allerdings stellte der Philosoph noch eine zweite bahnbrechende und zugleich ebenso gottesfrevelnde Theorie auf: Laut Anaxagoras würde der Mond nicht von allein leuchten, wie von Zeitgenoss:innen angenommen, sondern das Licht der Sonne reflektieren. Die Sonne, so Anaxagoras, sei eigentlich ein feuriger Stein.

In der wichtigsten griechischen Polis die beiden am häufigsten verehrten Gottheiten anzuzweifeln, war wie Sie sich sicher denken können, kein Kavaliersdelikt. Dem Sonnengott Apollon wurden im griechisch-sprachigen Raum die meisten Altäre geweiht – dicht gefolgt von seiner als Mond verehrten Zwillingsschwester Artemis. Anaxagoras verstand den Mond und die Sonne aber nicht als Gottheiten, sondern als Materie.

 

Mehr zu Anaxagoras:

Originaltext mit Übersetzung: https://www.wbg-wissenverbindet.de/shop/30558/die-vorsokratiker-band-3-sammlung-tusculum

Anaxagoras, Melissos, Diogenes von Appolonia, Die Antiken Atomisten: Leukipp, Demokrit, übers. von M. Laura Gemelli Marcianos, Die Vorsokratiker 3, Sammlung Tusculum (Berlin 2019).

Harenberg Philosophie Kalender 2020

Vorlesung von G. W. F. Hegel über die Geschichte der Philosophie: http://hegel.abcphil.de/html/anaxagoras.html

Kommentare (6)

Marcin Lupa

Höchst interessante Zusammenfassung des Lebens und Wirkens von Anaxagoras.
Vielleicht war er so weise, dass die anderen weisen Menschen um ihn herum, wie Betrunkene wirkten, weil er ihnen dermassen an Klarheit und Vernunft überlegen war? - Das nur eine Mutmaßung von mir und Interpretation für jene Äußerung über die Literatur der Moderne.

Da sich mein eigener Geist viel bescheidener ausnimmt und ebenso gerne nüchtern ist - ich verabscheue alkoholische Getränke -, möchte ich mich dafür entschuldigen, dass ich mir den großen Weltgeist, selber als Betrunkenen vorstelle. Denn wenn er schaltet und waltet und Dinge veranlasst, sowie in Bewegung hält, so ist er für das Schlamassel in dem wir uns befinden, also auch noch verantwortlich. Der Betrieb ist aber gerade dabei Insolvenz anzumelden, wie kann dann der Weltkgeist nüchtern sein?

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrte Frau Hitzmann

    Zu Ihrem Text über Anaxagoras fiel mir so dieses und jenes ein. Vielleicht interessiert es Sie und regt Sie vielleicht auch zu einer weiteren Auseinandersetzung mit den Vorsokratikern insgesamt an. – Es lohnt sich!

    Meine Anmerkung:
    Asebie bestimmt sich vor der Folie des Homer und des Hesiod, insbesondere aber vor der Folie des Herodot, zu einem Widerspruche nicht zu einer ‚Glaubensfrage‘; im Polytheismus ohnehin eine dubiose Angelegenheit. Herodot würdigt Homer und Hesiod als die Schöpfer der griechischen Götter, indem sie die unabzählbar unendlichen Menge an Varianten der Mythologeme über die Götter ‚auf den Begriff‘ brachten‘ und so die griechischen Götter erschaffen haben.
    • In etwa vergleichbar der Leistung der Brüder Grimm, die weithin verstreute und regional variant erzählte Märchen ‚auf den Punkt brachten‘ – und dadurch allgemeingültige Termini formulierten. Ohne die Brüder Grimm wären die Märchen vergessen worden.
    Was Anaxagoras als Asebie vorgeworfen wurde, ist im Vergleiche zu den Elegikern wie etwa Kallinos, Tytaios, Mimnermos, Theognis … geradezu zahm wie auch argumentativ brillant.
    Die Asebie wurde schon früh in der griechischen Politik instrumentalisiert, eine politisch nicht genehme Person, die auf andere Weise nicht ‚unter Kontrolle zu bringen‘ war, aus dem Wege zu räumen: Sokrates, Protagoras, Xenophon … Keiner wagte Perikles anzugreifen; dann eben die Personen in seinem persönlichen Umfeld! Den Priestern, die ohnehin nicht auf der Stufe einer Kaste vorhanden waren, sondern per Los für eine begrenzte Zeit ‚ins Amt berufen‘ wurden, ist keiner der je Asebie-Angeklagten „auf die Füße getreten“.
    • Im modernen Jargon: Asebie spiegelt die Spielwiese der antiken Polit-Hater, Fake-News und Verschwörungslegenden.
    ‚Der gestirnte Himmel über mir‘ differenzierte sich in der Antike so trivial wie pragmatisch in die Sphäre der Repräsentation einer mythischen Bedeutung und der profanen Realität, sich in einer orientierungslosen Region wie etwa dem Meere zuverlässig auf ein Ziel hin zu orientieren. Was Anaxagoras in der Asebie-Anklage vorgeworfen wurde ist triviale Alltagspragmatik – nicht nur auf dem Meere!
    • Die Griechen übernahmen von den Ägyptern eine frühe Art von Sextanten und entwickelten diesen für ihre eigenen Zwecke der Orientierung auf dem Meere weiter, um nicht ‚zeitraubend‘ am Ufer entlang segeln zu müssen, sondern effektiv in (möglichst) gerader Linie auf den Zielhafen zu.

    Anaxagoras und die Betrunkenen: Na ja, die Betrunkenen hatten nicht ‚etwas zu tief in die Kylix‘ geschaut; ihre Trunkenheit resultierte aus dem ‚so selbstverständlichen wie bedenkenlosen Übermaße‘ des Gehorsames gegenüber Meinungen, Moral, Sittlichkeit, Werte und was sonst noch alles als Selbstverständnis den sozialen Alltag regiert von pragmatisch bis rituell.
    Diesen ‚Bedenkenlosigkeitsbetrunkenen‘ gegenüber erweist sich ein kritisch-bedenklicher Geist, vorzüglich des eigenen Denkens wie Anaxagoras als ein ziemlich Nüchterner. Und das ist er ja auch: Der Verstand / Vernunft (νοῦς) bestimmt sich im Denken des Anaxagoras als das Prinzip der Welt! (Parmenides: dasselbe ist denken / Denke und sein / Sein! – Aristoteles: Anaxagoras, „der sagte, daß die Vernunft wie im Leben [profaner Alltag], so auch in der Natur die Ursache ist der Welt und aller Ordnung.“ Met.I,3) Anaxagoras erkennt – cum grano salis: als einer der Ersten – Das Denken hat nicht erst auf der Stufe des Bedenkens eines Sachgehaltes in kritischer Distanz statt, sondern so trivial wie subtil. Das Denken ist der Ursprung oder der Schöpfer des Allgemeinen (der Termini oder der Begriffe) und, auf der Stufe des ‚absoluten‘ Geistes, der Ursprung des Wahren. – Das ist schon mal was!
    • Irgendwo in meinem Hinterstübchen des Gedächtnisses meldet sich die Rede Hegels – wohl aus der Phänomenologie, daß Menschen, die in alltäglicher Rücksicht, selbstgewiß satt, sich als „nüchtern“ bezeichnen, nicht ahnen, wie meinungs- und vorurteilsbesoffen sie sind – und darum eo ipso denkresistent! Kennen wir doch gemeinhin auch aus der Erfahrung unserer Zeit!

    Dualismus Materie ~ Geist: Das von Ihnen angeführte Fragment, von Aristoteles überliefert, lohnt des näheren Bedenkens. Es verweist auf Parmenides und Protagoras (der, ebenfalls mit Perikles befreundet war, wegen Asebie angeklagt und verbannt wurde.) spezifisch aber auf Leukippos, Schüler des Parmenides, und voraus auf Demokritos, Schüler des Leukippos. Cum grano salis: die vorsokratische Atomistik und deren subtile Differenzierung der Objekt- und Meta-Ebene oder der Begriff einer Weltordnung oder der ‚absolute‘ Geist. Die Grund-legende Leistung des Anaxagoras: die Eröffnung des Zuganges auf die Logik des absoluten Geistes!
    Na ja; die Vorsokratiker sind die Schwangerschaft, aus der her ein Sokrates, Platon und Aristoteles geboren werden! Welch grandiose Kinder!
    En passant: es lohnt sich, die Vorsokratiker von den Sieben Weisen an – im Anspruche der Logik, wie Aristoteles sie ‚auf den Begriff bringt‘ – zu bedenken! (dagegen ist jeder Krimi eine Schlaftablette.)

    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Lara Hitzmann

    Lieber Herr Böhle,

    vielen Dank für Ihren sehr ausführlichen und interessanten Kommentar.
    Ihre Interpretation der ‚Bedenkenlosigkeitsbetrunkenen‘ hat mir gezeigt, nicht immer alles wörtlich zu nehmen. Vielen Dank für diesen Gedanken! Ich hatte mir Anaxagoras viel mehr im Symposion vorgestellt, in hitzige Diskussionen verwickelt.

    Aus reiner Neugierde: Wer gehörte Ihrer Meinung nach zu den Sieben Weisen, müssten Sie sie tatsächlich auf 7 Personen reduzieren?

    Und ebenfalls nur aus reiner Neugierte: Wissen Sie zufällig noch, wo genau Herodot Homer und Hesiod die Schöpfung des griechischen Götterkosmos zuspricht?

    Viele Grüße

    Lara Hitzmann

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Hallo Frau Hitzmann
    ganz richtig: wie die Sophisten allgemein, so 'lebt' auch Anaxagoras im Symposion. Philosophie = Gespräch oder die Auseinandersetzung MITEINANDER (nicht gegeneinander!): Ein Gespräch wir sind und hören voneinander; Hölderlin
    Wie subtil bis 'handfest' diese Symposien ge- und erlebt wurden, erzählt ein herrliches Bonmot über Diogenes. Es wurde Zenons Aussage diskutiert, daß Achilleus, der schnelle Läufer, die langsame Schildkröte nicht überholen könne. Mit der mathematischen Proportion ist Solches belegbar. Doch einer der Schüler des Diogenes, der sich das Denken ersparen wollte, stand auf und überholte den gehenden Diogenes. Worauf Diogenes seinem Schüler eine deftige Ohrfeige verabreichte und hinzufügte: hier wird nicht demonstriert, sondern argumentiert!

    Doch nun zu Ihren Fragen:
    1. zu den 7 Weisen samt Varianten und annehmbar korrekt:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Weise_von_Griechenland
    2. Herodot II, 53

    ich wünsche Ihnen
    ein 'sonniges' Wochenende
    Rüdiger E. Böhle

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  • Lara Hitzmann

    Lieber Herr Böhle,

    vielen Dank! Vor allem für die Stelle in den ἱστορίαι! Sehr interessant!

    Mich interessiert, wen Sie als Kenner der Philosophie und Antike persönlich als die Sieben Weisen küren würden.

    Viele Grüße

    Lara Hitzmann

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