An Dich, mein Freund

Porschke Mjasiri • 15 März 2022
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An Dich, mein Freund

Porschke Mjasiri

 

„Bär“ sage ich und Du stöhnst auf und verdrehst Deine Augen. Ich weiß aber, dass es Dich insgeheim gar nicht stört. Also sage ich es noch einmal: „Bär“. Und Du blickst mich an, mit Deinen tiefen, braunen, warmen, ehrlichen Augen. Dein Blick ruht sanft auf meinen Augen. Meine Augen sind grau und kalt, doch Du schaust mich so gerne an, sagtest Du einmal. „Gehen wir?“, frage ich und Du nickst schwer seufzend.

Ich sitze hier und starre minutenlang in die Flamme. Sie lodert mal stärker, mal schwacher und droht auszugehen, findet dann aber doch noch die Kraft, zu brennen. Sie erinnert mich an den Kampf, den Du einst führtest. Wie ständig jemand oder etwas die Dreistigkeit hatte, deine Flamme des Lebens zu schwächen. Es hat mich so sauer gemacht und gleichzeitig war ich so unfassbar sauer, dass Du Dich so leicht hast unterkriegen lassen. Heute bin ich sauer, dass ich sauer war.

Ich habe ein Messer in der Jackentasche und muss daran denken, was Du einst damit getan hast. Ich habe mich so dreckig gefühlt, nachdem ich erfahren habe, dass die Art, wie Du Deinen Pullover trägst, nicht Deine neueste Mode war, sondern Deine Art, Deine Wunden zu verstecken, die inneren und die äußeren. Es war so naiv von mir, zu glauben, dass Dein Lächeln authentisch und Deine Worte die Wahrheit waren. Jetzt weiß ich es besser.

Die harte Bank unter uns erinnert und an die Stühle in der Schule. Statt der Lehrkräfte, über die wir uns lustig machten, steht ein Pfarrer vorne und wir fragen uns beide, was sie mit der Kirche am Hut hatte. Eine Sekunde längerer Blickkontakt zwischen uns hätte bedeutet, dass wir losprusten würden, doch wir schauen beide stattdessen zum Sarg. Ich kann ihr Gesicht nicht sehen, doch das will ich auch gar nicht. Ich weiß, wie sie aussieht, schließlich habe ich oft genug von ihr geträumt.

Wie ich so neben Dir sitze, habe ich das Gefühl, Du kannst meine Gedanken lesen. Ist es nicht absurd, dass das Leben so ein Geschenk sein soll und uns doch Waffen und Instrumente in die Hand gibt, es endgültig zu beenden? Besteht die Kunst etwa im Widerstehen? Würde ich diesen Gedanken aussprechen, würdest Du wahrscheinlich kontern mit: „Wo ist Gott?“ und ich würde antworten: „Gott ist tot.“ Und dann würden wir beide schwermütig lächeln, weil wir beide wüssten, dass diese Diskussion im Nirgendwo enden würde.

Ich vergesse kurz, wo wir uns gerade befinden. Dann stehen alle auf und ich erinnere mich, dass sie tot ist. Alte Gedanken kommen wieder hoch. Wo fangen Verantwortung, Interesse und Handeln an und wo beginnen dumme Vorurteile und Ängste vor der Meinung anderer? Ich wusste damals nicht, ob es meine Sache war, mich einzumischen, in Dein Leben, noch vielmehr, in ihr Leben. Und selbst wenn ich die Gedanken versuchte weiter zu denken, gelangte ich jedes Mal in eine Sackgasse, weil mir die Antwort auf das „wie?“ fehlte.

Ich hasse die Bilder, die sie in meinen Kopf gebrannt hat. Ich empfinde eine wahnsinnige Abneigung ihr gegenüber und doch kann ich sie nicht hassen. Ich glaube, sie konnte selbst nichts dafür, dass sie ein Strudel war, der alle und alles um sich herum hineinzog. Ich hasse sie dafür, dass sie Dich hineingezogen hat, doch andererseits wärst Du nicht der Mensch, der Du heute bist, wenn sie nicht gewesen wäre.

Das Leben ist ein Kreis, auf dem man Dinge immer wieder wiederholt, bis man einen Schlenker macht und einen neuen Kreis anfängt. Manche zweiten und dritten und vierten Kreise haben mehr, andere weniger Überschneidungen mit den anderen Kreisen. Ich denke, unsere haben viele Überschneidungen, Bär. Sonst würde ich nicht so viel an die Vergangenheit denken.

Die Menschenmasse setzt sich wieder und ich weiß gar nicht, was der Pfarrer gesagt hat. Irgendwo im Hintergrund höre ich ein Schluchzen und jemanden, der ein Bonbon aus einem auffallend knisternden Papier auspackt. Die Menschen gehen in Richtung der schweren Holztür. Der Sarg wird ganz vorne nach draußen in die kalte Luft getragen. Ich schaue Dich an und wir folgen der Masse nach draußen. Ich rieche die alte, abgestandene, nach Papier riechende Luft der Kirche und kurz darauf die beißende Kühle der Außenwelt. Ich atme ein, dann aus und beobachte meinen Atem an der frischen Luft. Eine Träne kullert meine Wange herunter.

„Beerdigungen sind für die Zurückgebliebenen, nicht für den Toten“, sagst Du. Ich nicke.

Dann stehen wir vor dem Loch, ich weiß nicht wie viel Zeit vergangen ist. Manche Menschen streuen Erde auf die Holzdecke. Du stehst nur da und kannst Dich nicht bewegen. Ich nehme sachte Deine Hand, sie ist kalt. Du umschließt meine Hand mit Deinen Fingern. Ich streue langsam eine Handvoll Erde auf den Sarg. Es macht ein seltsames Geräusch, als die Erdklümpchen aufprallen. Sie prallen in Zeitlupe auf und ich höre mich selbst atmen. Ein, aus. Ein, aus.

Wir wurden in diese Welt hineingeboren, ohne dass wir gefragt wurden. Du und ich werden wahrscheinlich von der Erde verschwinden, ohne gefragt zu werden. Sie hat selbst entschieden, wann sie geht. Ob das wiederum so eine freie Entscheidung war, weiß ich nicht. Aber es ist in Ordnung so, denke ich zumindest.

Bär, ich kenne Dich, seit Du ein kleines Mondgesicht warst und ich glaube wir sind langsam erwachsen geworden. Frag mich nicht, wann das passiert ist. Ich weiß es auch nicht.

Erwachsen zu werden bedeutet für mich, autonom Lösungen für Probleme zu finden, ohne dass jemand einem mit mehr als bloß einem Ratschlag beistehen kann. Antworten auf Fragen zu finden, die man selbst gestellt hat, nach eigenen moralischen Standards zu handeln und zu wissen, was man braucht. Der schwerste Part aber ist wahrscheinlich, dass Erwachsenwerden zu ¾ daraus besteht, die Traumata unserer Kindheit und Jugend zu überwinden. Daher gestaltet sich die Jugend für manche schwerer und für andere leichter.

Ich bin überzeugt davon, dass wir beide ganz gute Arbeit geleistet haben. Und ich weiß, dass wir noch viel erwachsener werden. Weil wir es müssen. Wir verändern uns ständig, weil die Welt sich verändert.

Bär, ich weiß nicht, was ich ohne Dich tun würde…

Du gibst mir eine moralische Ohrfeige, wenn ich gar nicht weiß, dass ich eine brauche. „Du spielst mit ihm, das ist egoistisch. Du genießt das Machtspiel. Was machst du eigentlich mit deinem Leben? Was genau ist von dir noch übriggeblieben?“ Deine Ohrfeigen sind schmerzhaft, aber sehr effektiv. Du bist mein größter Fanclub und mein größter Kritiker, Du hältst so viel von mir. Du bringst mir so viel entgegen, dass ich manchmal das Gefühl habe, wir müssten beide bald sterben, um es auszuhalten. Ich weiß, dass so eine Aussage für die meisten Außenstehenden gar keinen Sinn ergibt, doch Du schaust mich nur an, wenn ich so etwas sage, Deine Mundwinkel heben sich kurz, dann fallen sie wieder, Du schließt kurz Deine Augen, öffnest sie, siehst erst in mein rechtes, dann in mein linkes Auge und nickst dann behaglich. Nicht wie ein Vater, der sein Kind abwimmelt, wenn es zu viele Fragen stellt. Eher wie ein Mensch, der einem anderen Menschen die Freiheit geben möchte, das zu sein, was er ist, ohne dass er ihn zu einhundert Prozent versteht, aber zu einhundert Prozent wertschätzt.

Ich weiß nicht, ob wir jemals das hätten werden können, was wir jetzt sind, wenn nicht unsere Vergangenheit gewesen wäre. Wenn die Kreise unserer Lebensabschnitte nicht so starke Überschneidungen gehabt hätten. Ich jedenfalls hoffe, dass es weiterhin so bleibt, wenn auch vielleicht auf eine weniger schmerzhafte Art.

Ich möchte, dass Du glücklich bist. Ich wünschte bloß, ich wäre nicht der Grund gewesen, aus dem es Dir so eine lange Zeit schlecht ging.

Also, Bär, ich hoffe, ich verzeihe mir selbst irgendwann…

Kommentare (4)

Merchan Agaricus

Bisher der beste Beitrag, den ich im Rahmen des Schreibwettbewerbs gelesen habe. Bezogen nicht nur auf den aktuellen. Chapeau. Jedenfalls in meinen Augen. Ich möchte niemanden zu nahe treten.

Ich entdecke die Vorzüge der Prosa wieder. Wie gefühlvoll sie sein kann.

Gerne wüßte ich in welcher Beziehung die drei Protagonisten gestanden sind. Die Verstorbene und die Erzählerin aber auch Bär.
Apropos Bär - meine Frau und ich adressieren uns immer mit "Misia" und "Misiu" polnisch für Bärin und Bär. Eine Parallele, doch auch an anderen Stellen des Textes finde ich mich wieder. Sie schreiben: "Das Leben ist ein Kreis, auf dem man Dinge immer wieder wiederholt, bis man einen Schlenker macht und einen neuen Kreis anfängt. ... " Absolut. Auch was Sie weiter dazu sagen stimmt. Ebenso glaube ich, dass wir stets von unseren Traumen beeinflusst werden, um nicht zu sagen gelenkt. Es trachten unsere Triebe danach sie aufzulösen.

Sie haben die höchste Auszeichnung für ihren Beitrag verdient. Erneut Chapeau.

Großartige Prosa, berührend und beeindruckend.

Vielen Dank für diesen sehr herzlichen und lebensweisen Text.

Auch das Thema ist getroffen: der Abschied - eindeutig für die Hinterbliebenden organisiert - als Zeitpunkt in ihrer Geschichte.

Porschke Mjasiri

Lieber Marcin,
Deine Worte haben mich unheimlich glücklich gemacht und mich motiviert, in der Zukunft mehr zu schreiben. Ich bin 18 und stehe vor der Entscheidung, was ich in meiner Zukunft machen werde. Wenn ich eine sich anbahnende Leidenschaft (das Schreiben) verbinden kann mit positiver Resonanz meiner Leser*innen, kann ich ja in der Zukunft mehr daran arbeiten...
Und das Schöne ist, ich spreche auch Polnisch, daher fand ich Deine Anmerkung mit Misiu und Misia total süß...
Nun ja, zu den Personen und der Geschichte an sich würde ich ungerne viel verraten. Ich denke, dass jeder Mensch, der meinen Text liest, etwas anderes daraus mitnehmen wird und das ist auch schön so. Als Autor*in muss man glaube ich immer ein gutes Mittelmaß finden zwischen der Realität und dem, was die Realität sein könnte; man muss dort ansetzen, wo die Grenzen verschwimmen.
Ich kann aber so viel sagen: Der Text handelt von einer engen Freundschaft, einer vergangenen Freundschaft und der Raue des Lebens.
Dziekuje bardzo, Marcin!

Merchan Agaricus

Liebe Porschke,

es freut mich sehr, dass Dir mein Kommentar gefallen hat. Aus meiner Sicht solltest Du auf jeden Fall beim Schreiben bleiben. Das kannst Du sehr gut.
Ich hatte auch überhaupt keine Ahnung, dass Du so jung bist. Deine Lebensweisheit überrascht mich und auch Deine Fähigkeit psychologische und philosophische Inhalte in eine fiktionale Narration zu implementieren. Das hat mir imponiert, an Deinem Text.
Umso mehr muss ich mich vor Deinem Talent verneigen.
Einzig muss ich zugeben, dass ich wenig Belletristik lese, daher bin ich vielleicht kein guter Ratgeber. Ich lese eher Sachbücher aus unterschiedlichen Bereichen. Geschichte, Politik, Soziologie aber auch philosophische Texte.

Ich empfehle Dir dennoch, Deine Zeit zu nutzen und ein geisteswissenschaftliches Fach zu studieren, weiterhin das Leben zu beobachten und schreiben, schreiben, und nochmal sehr viel schreiben. Denn Deine Texte sind offensichtlich sehr gut. Du hast das Talent, nutze es.

Serdecznie pozdrawiam i życze powodzenia.

Herzliche Grüße
Marcin

Gabriele Jung

Liebe Porschke Mjasiri,
es ist Ihnen gelungen, dass ich neugierig geworden bin auf die drei beschriebenen Personen, auf ihre Geschichte und auf ihr Verhältnis zueinander. Das finde ich bei der Kürze des Textes schon sehr beachtlich. Auch ich bin überrascht über Ihr Alter und dass Ihnen das Schreiben wichtig ist, zeigt allein die „Courage“, Ihren Text hier zu veröffentlichen. Schreiben Sie weiter! Ich denke, es lohnt sich.


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