Alljährliche Südseeflausen

Helmut Essl • 16 Oktober 2021
0 Kommentare
Gesamtanzahl der Likes 1 gefällt

Die Sonne wird schwächer, die Tage kürzer, die Nächte länger, und das dunklere Halbjahr droht mit grau in grau, mit dem Abschied von der „Hochzeit des Lichts“ (Albert Camus). Prompt wünscht man sich das Kontrastprogramm: „Südsee“! Kaum einer, der sich diese Grille versagt und die Gedanken nicht schwiemeln lässt. „Südsee“ steht hartnäckig für das vermeintliche Paradies auf Erden, natürlich auch meteorologisch, und für die Einbildung, in der Ferne das zu bekommen, was die Nähe offensichtlich nicht gewährt.
Die Bücher von Robert Louis Stevenson und Hermann Melville sowie die Bilder von Paul Gauguin und Max Pechstein taten das ihre, um die diesseitige Verortung des Garten Eden voranzutreiben: traumhafte Inseln in der Weite des Stillen Ozeans mit Stränden aus Puderzucker und sanft im Wind sich wiegenden Kokospalmen unter einem ewig blauen Himmel. Der Mythos vom ewig glücklichen Südsee-Insulaner wurde gleich mitgeliefert. Lebt der aber wirklich in einem vom „Schmutz“ moderner Zivilisation bewahrten Idyll?
„Am Abend aßen wir die Fische, und sie schmeckten bitter. Das Wasser war gelb und die Kokosmilch sauer. Das gab uns zu denken.“ Radioaktiver Niederschlag war auf das Bikini-Atoll niedergegangen, von 1946 bis 1969 nukleares Testgebiet der Amerikaner. Die Franzosen probten atomar auf dem Mururoa-Atoll und verseuchten die Unterwasserwelt nachhaltig.
Apropos Französisch-Polynesien! Auf Tahiti sehen die „ewig glücklichen“ Einheimischen den verstärkten Einfall sehnsuchtstrunkener Touristen mit Bangen. Je mehr Swimmingpools trotz gelegentlicher Wasserknappheit gefüllt werden, desto weniger Wasser steht den Kleinbauern zur Verfügung. „Erzählt in Europa, dass es hier immer regnen würde, damit die Touristen nicht mehr kommen“, zitiert der Schweizer Soziologe und Tourismusforscher Ueli Mäder die Betroffenen. Er schreibt auch, dass die tahitische Hauptstadt Papete von Slums umgeben und von trostlosen Siedlungen durchsetzt sei. Viel Schatten im Paradies! Lassen wir also die alljährlichen Südseeflausen sein, denn die Wirklichkeit ist etwas anderes!