Alles nur Rhetorik

Lenka Krudowa • 31 August 2020

Von der Wahrheitssuche zum Besänftigungssprech - Nietzsches Linguistik 

 

Im seiner posthum veröffentlichten Schrift „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ untersucht Friedrich Nietzsche den menschlichen Wahrheitstrieb. Diese Ausleuchtung von Nutzen und Reiz, Natur und Fundament menschlicher Wahrheitszuschreibungen ist heute zweifellos wichtige Quelle seiner erkenntnistheoretischen Skepsis und Sprachkritik: Wahrheit ist für ihn ein im sozialen Konsens festgelegtes, in Sprache konstruiertes Konzept, welches jenseits des menschlichen Sichtpunkts bedeutungslos ist. Gerade im Lichte dieser sprachlichen Verankerung seiner Argumentation werden die Betrachtungen des Philosophen jedoch auch linguistisch brisant: An seinem sprachgenetischen Narrativ, das den Ursprung von Begriffen in der Schöpfung anthropomorpher Metaphern begreift, wird die Frage nach der Natur von Wahrheit und Wahrheitssuche auch zur Frage nach der Natur der Rhetorik - und der Funktion von Sprache überhaupt. Wie ist Rhetorik in Sprache verankert, geht Sprache überhaupt über diese hinaus?

 

  1. Die pragmatische Evolution des Wahrheitstriebs in Sprache

 

Die Intuition, die Nietzsche in „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ einer skeptischen Prüfung unterzieht, ist der Glaube des Menschen sich gegenüber nicht-menschlichen Tieren gerade durch seine Erkenntnisfähigkeit auszuzeichnen: Er glaubt, Wahrheit (zumindest in Teilen) erkennen und besitzen zu können – und ist von ihr in besonderem Maße angezogen. So stellt er sich mit Stolz ihren Dienst, macht es sich gar zur Lebensaufgabe, sie zu suchen – ob in Wissenschaft oder Philosophie. Nicht nur über die Eitelkeit dieser Annahmen spottend stellt Nietzsche diesen tief verankerten Drang als widersinnig heraus – gerade evolutionären Nutzen habe die Faszination von Wahrheit nicht: sein Intellekt sei dem Menschen schließlich vor allem zur trickreichen Verstellung und Lüge besonders von Vorteil: er täusche, um seinen physischen Nachteil anderen Spezies und Mitmenschen gegenüber auszugleichen.

Im Bezug auf die essenzielle Selbsterhaltung des Individuums scheint der ausgeprägte Wahrheitstrieb des Menschen demfolgend paradox. Tatsächlich wird das Konzept Wahrheit nach Nietzsche erst im sozialen Zusammenschluss relevant - und ihre Beachtung erstrebenswert, als Verhandlungs- und Vertrauensbasis. Aus „Noth und Langeweile“ zusammengetan, erreichen Menschengruppen längerfristige, geteilte Ziele ausschließlich mittels kooperativer Kommunikation: Um sich über gemeinsam Wahrgenommenes zu verständigen, entwickelt der Mensch ein Sprachsystem aus konventionell verbindlichen Begriffen. Dieses System fungiert gleichsam als Grundlage für Bezeichnung und die Zuschreibung von Vertrauenswürdigkeit und Kooperationswillen. Der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge lässt sich so im sozial-sprachlichen Kontext mit Normkonformität und -abweichung gleichsetzen. Wahrheit bedeutet demnach zunächst schlicht, einen Begriff für seine gesellschaftlich festgelegte Bedeutung zu verwenden - etwa „reich sein“ für den Zustand, viel Geld zu besitzen. Lüge hingegen ist Begriffe wissentlich zu missbrauchen – „reich sein“ etwa über den Zustand wenig Geld zu besitzen auszusagen (so das Beispiel Nietzsches). Damit liegt eine erste Erklärung für den menschlichen Wahrheitstrieb im seinem pragmatischen Zweck: wenn Wahrheit als Begriffskonformität maximal reibungsfreie Kommunikation ermöglicht, ist das erstrebenswerte an Wahrem die Möglichkeit fruchtvoller Zusammenarbeit – und das unattraktive an der Lügenden, dass sie zu gesellschaftlichem Nachteil die gemeinsame Kommunikationsbasis sabotiert.

 

  1. Der ideelle Nutzen von Wahrheit

 

Dieser (sprach-)analytische Wahrheitsanspruch – welcher allein auf der Grundlage der Semantik gemeinsam gebrauchter Begriffe befriedigt werden kann, ist jedoch nicht der bedeutendste des untersuchten Wahrheitstriebes, wie Nietzsche anmerkt. Das menschliche Streben nach Wahrheit zeichnet sich dadurch aus, jenseits pragmatischer Zwecke etwas über die Realität auszusagen zu suchen. In gewisser Weise betrachtet der Mensch sich als erkenntnistheoretischen Realisten, welcher in seiner Wahrnehmung die Fähigkeit besitzt, zumindest in geringem Maße, die wahre Konstitution der Welt zu erkennen.

Nietzsche stellt sich dem mit einer skeptischen (Sprach-)kritik entgegen: Wenn, wie im vorangehenden Kapitel umrissen, Wahrheit als korrekte Begriffsverwendung sozial konstruiert ist, um die Relation der Dinge zum Menschen greifbar zu machen – dann steht sie höchstens zufällig in Beziehung zu metaphysischer Realität. Zudem deutet er an, dass auch der nicht-sprachliche Wahrnehmungsapparat des Menschen nicht notwendigerweise, mindestens aber hochwahrscheinlich keinen ungefilterten Zugriff auf das reale Sein der Dinge, die Dinge-an-Sich hat. Die Erkenntnis des Menschen ist bei Nietzsche maßgeblich – ähnlich wie von kantischen Kategorien – von der Konstitution seiner Perzeptionsparadigmen determiniert: er kann allein seine Beziehung zu Wahrgenommenem feststellen, jedoch keine Aussage darüber treffen, inwieweit diese Erkenntnis unabhängig von seinem Bewusstsein mit der Welt in Verbindung steht. Nietzsches entwirft in „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ also einen konstruktivistischen Wahrheitsbegriff. Wahrheit ist schlicht Hilfskonstrukt zur erfolgreichen Kommunikation, und steht in keiner relevanten Beziehung zur Welt-an-sich. Vor diesem Hintergrund wird die ursprüngliche Skepsis gegenüber Wahrheitsanspruch menschlichen Denkens endgültig deutlich: ohne notwendige Supervenienz auf die Wirklichkeit ist die Erkenntnisfähigkeit, mit der der Mensch sich brüstet, nur eine Illusion.

Warum ergibt sich der Mensch auf Grundlage dieser Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit in seinem Sprechen und Denken dennoch solch substanzieller Wahrheitssuche? Auf diese Frage gibt Nietzsche eine unkonventionelle Antwort, welche das Herzstück der Schrift – und seiner Sprachtheorie – ausmacht: um sich mit der starren und handhabbaren Systematisierung Wahrgenommenem in einer inhärent chaotischen und menschenfremden Welt das Gefühl von Kontrolle, Verständnis und Ähnlichkeit zu erzeugen. Um Lebenssinn zu generieren.

Nietzsche legt menschliche Sprache und Wahrheitsgefühl in diesem Sinne als gewaltiges rhetorisches Kunstwerk frei. Seine Argumentation stützt sich dabei auf eine Erzählung der Genese des Sprachsystems aus metaphorischer Schöpfung: Wie bereits dargestellt, sieht Nietzsche, ähnlich wie de Saussures Semiotik, sprachliche Zeichen insofern als soziale Konstrukte, als sie arbiträr in der Sprechergemeinschaft gesetzt sind. Bei beiden besteht keine Ableitbarkeits- oder Wahrheitsbeziehung zwischen den Entitäten und ihrer Bezeichnung. Während de Saussure jedoch keinen Fokus auf die Genese des arbiträren Signifikanten (den signifiant, das Lautbild, das Bezeichnende) legt, entdeckt Nietzsche diese als metaphorischen Prozess: bei der Findung erster Namen konstituiert die bewusste Wahrnehmung ein Bild zur Abbildung der wahrgenommenen Sinnesreize. Dieses Bild wird wiederum möglichst veranschaulichend in lautliches Bild übersetzt. Da dieser doppelt metaphorische Prozess der möglichst anschaulichen Vermittlung zwischen verschiedenen intra-und intermenschlichen Medien dienen soll, zielt er nicht etwa zwischen Ding und Bezeichnung, sondern besteht in einer möglichst begreiflichen Abbildung der Beziehung des Menschen zur Welt – seiner eigenen Wahrnehmung. Zentral bleibt, dass diese Abbildung zwischen wesensverschiedenen Sphären selbst nicht wahrheitserhaltend sein kann. Sie ist, wie Nietzsche sagt, ein rein „ästhetisches“ Verhältnis.

Der Grund, warum sich der Mensch Wahrheit jedoch nicht als rhetorisches Konstrukt, sondern als etwas Äußerliches, Kühles, Objektives wahrnimmt, liegt in der komplexen Ordnung dieser ursprünglichen Anschauungsmetaphern in ein abstraktes System hundertfach reproduzierter Konzepte. Erst im sozialen Prozess, der Sprache als Kommunikationsmedium konstruiert, geraten Bezeichnungen als künstlerisch-figurative Abbildungen konkreter menschlicher Wahrnehmungen in Vergessenheit. Um einzelne Wahrnehmungsmetaphern, etwa die spontane Bezeichnung einer bestimmten Instanz eines bestimmten Baumes mit bestimmten raumzeitlichen Koordinaten, zu allgemeiner verwendbaren Begriffen zu verdichten, werden Merkmale abstrahiert und virtuelle Konzepte erschaffen. Dabei wird, so Nietzsche „Unvergleichliches gleichgesetzt“ und qualitativ verschiedene Wahrnehmungen – etwa die völlig verschiedener Bäume zu je verschiedenen Zeitpunkten – anhand scheinbarer Gemeinsamkeiten zum Konzept „Baum“ verdichtet, welches als solches kein Bestandteil der Wahrnehmung ist. Die Bezeichnung „Baum“ – ursprünglich arbiträre Wahrnehmungsmetapher – wird so etwa im sozialen Konsens zu einem allgemein verwendeten Begriff, der durch vielmalige Anwendung und Wiederholung den Anschein einer arbiträren, figurativen Schöpfung verliert. Diese Systematisierung von Wahrnehmung in Sprache, und schließlich in komplexeren Systemen, wie etwa der Wissenschaft, formt das menschliche Bewusstsein maßgeblich. Im Gegensatz zum Traum zeichnet sich Wachsein, Wahrheit, Korrektheit und Realität nun dadurch aus, geordnet, regelmäßig und zugänglich zu sein.

In dieser Erzählung wird ersichtlich, inwiefern Nietzsche den Wahrheitstrieb als pragmatische Einrichtung zur Befriedung existenzieller Verlorenheit sehen kann. Gegeben, dass der Begriff in seiner Entstehung aus Metaphern nicht etwa die Dinge, sondern die menschliche Wahrnehmungsbeziehung zu diesen abbildet, sind Begriffe anthropomorph – menschenähnlich – und ermöglichen das Gefühl von Erschließbarkeit und Assimilation. Ähnlich wie ein Astrologe seine Himmelsbetrachtung im Lichte menschlicher Interessen interpretiert, so Nietzsches, seien auch Begriffe schlussendlich nur Übertragungen und Einordnungen von Wahrnehmungen in naturgegebene Parameter des menschlichen Perzeptionsapparats. Trivial ausgedrückt fühlen uns demnach mit dem Konzept Baum heimisch, weil es allein auf unsere Wahrnehmungsfähigkeit ausgerichtet ist. Außerdem ermöglicht die Abstraktion zu Begriffskonstruktionen das Erkennen von Regelmäßigkeiten durch Kategorisierung, damit einhergehende Selbstsicherheit und Ruhe. Nicht jede Instanz einer Wahrnehmung eines Baumes neu beschreiben und einordnen zu müssen, sondern diese schlicht Bekanntem zuordnen, bewirkt eine Stabilität des Bewusstseins. Diese erst erlaubt, Reize zu sortieren und Wissen zu generieren.

 

  1. Sprach-philosophische Grenzgänge

 

Zugespitzt ausgedrückt ist Sprache bei Nietzsche der vorangehenden Analyse nach nichts als einleuchtende Metaphorik, die aufgrund der perzeptiven Ähnlichkeit aller Menschen sozial ausgewählt und systematisiert werden konnte, um Wahrgenommenes in für Menschen verständliche Muster zu legen. Auf diese Weise ist sie tatsächlich primär besänftigende „Rhetorik“ für den existenziell mit der Fremdheit unmittelbarer Wahrnehmungen überforderten Menschen. Diese Betrachtung zum einen epistemologisch und sprachphilosophisch folgenreich: Wenn Sprache wahrscheinlich in keiner relevanten Beziehung zu metaphysischer Wirklichkeit steht, sondern Produkt menschengemachter Systeme ist, steht es um die Möglichkeit menschlichen Wissens und Referenzfunktion menschlichen Sprechens vergleichsweise schlecht.

Andererseits lässt sich die Frage danach, ob Sprache bei Nietzsche „nur Rhetorik“ sei, im Lichte linguistischer Erwägungen möglicherweise nicht ausschließlich mit einem besorgten „Ja“, beantworten, sondern regt die Überlegung an, dass umgekehrt Rhetorik, vielmehr: rhetorische Mittel, nicht ausschließlich Kunstprodukt und Schnörkel, sondern, im Gegenteil, Anfang aller Sprache sind. Statt uns in die Tiefen der erkenntnistheoretischen Skepsis zu stoßen, die Nietzsche offensichtlich absteckt, stellt dieser Fokus die Frage nach der Grenze zwischen Leben und (sprachlich gefasster Rede-) Kunst. Wenn das kühle Begriffssystem menschlicher Wahrheit aus metaphorischem Schaffen erwachsen ist, und nicht andersherum – die Münze dem Metall, nicht das Metall der Münze vorausgeht – wie lässt sich das, was klassischerweise unter Rhetorik verstanden wird, noch von nicht-rhetorischem Diskurs abgrenzen?

         Im Gegensatz zur tiefen Ausweglosigkeit seiner philosophischen Position lässt sich „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ als Appell zur Sensibilität im Umgang mit Sprache lesen. Wenn alle Sprache Produkt eines natürlichen Triebs zur Metaphernschöpfung ist, ist sie niemals neutral – auch wenn sie es in ihrer „kühl, [..] starr“ gewordenen, wahrheitsermöglichenden Ordnung wirken mag. Selbst wenn man Nietzsche in seiner starken Sprachkritik widersprechen möchte, ist das eine einleuchtende und wertvolle Erkenntnis: Es gilt, auch im Angesicht geordneten wissenschaftlichen Diskurses und semantischer Regeln, das Sprechen als künstlerischen Akt nicht zu vergessen. Den modernen kognitionslinguistischen Debatten über Framing-Effekte und kognitive Verbildlichung liefert Nietzsche damit eine mächtige historische Narrative, die plausibel macht, warum alle Sprache unweigerlich wirkt.  

 

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