Alfred Nobel und seine Preise

Lara Hitzmann • 5 Oktober 2021
Blogbeitrag in der Gruppe Geschichte
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Alfred Nobel und seine Preise

Seit 1901 wird der Nobelpreis „(…) denen zugeteilt (…), die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“ (Auszug aus dem Testament s. u.). Die Vergabe findet jedes Jahr im Oktober statt. Mit dieser Auszeichnung rücken die Gewinner:innen in die Fußstapfen von Robert Koch, Barbara McClintock, Arvid Carlsson, Albert Einstein, sowie viele weiteren außerordentlichen Wissenschaftler:innen.

Zum 120. Jubiläum dieser Institution lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Begründer der Stiftung ist der schwedische Chemiker und Erfinder Alfred Nobel (1833-1896), ein Nachfahre des berühmten Olof Rudbeck. Zu Lebzeiten war Nobel als „Le marchand de la mort“ (Kaufmann des Todes) bekannt. Dies lag seinen bahnbrechenden Erfindungen zugrunde: Dynamit, Sprenggelatine und Ballist. Diese Innovationen revolutionierten nicht nur wie beabsichtigt den Bergbau, sondern auch das Kriegswesen.

Entgegen damalige Vermutungen war Nobel Pazifist und ihm missfiel es, wofür seine Erfindungen genutzt wurden. Deshalb beschloss er, 94 % seines Vermögens an seine neugegründete Stiftung zu vermachen, deren Aufgabe es war, jährlich diejenigen auszuzeichnen, die Großartiges in den Bereichen Physiologie und Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden leisteten. Nun zeichnen die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften, das Karolinska-Institut, die Schwedische Akademie und die schwedische Nobelpreiskommission die Pioniere unabhängig von Geschlecht und Nationalität aus. Aus dem Kaufmann des Todes wurde ein Botschafter für den Frieden, die Wissenschaft und die Literatur.

All of my remaining realisable assets are to be disbursed as follows: the capital, converted to safe securities by my executors, is to constitute a fund, the interest on which is to be distributed annually as prizes to those who, during the preceding year, have conferred the greatest benefit to humankind. The interest is to be divided into five equal parts and distributed as follows: one part to the person who made the most important discovery or invention in the field of physics; one part to the person who made the most important chemical discovery or improvement; one part to the person who made the most important discovery within the domain of physiology or medicine; one part to the person who, in the field of literature, produced the most outstanding work in an idealistic direction; and one part to the person who has done the most or best to advance fellowship among nations, the abolition or reduction of standing armies, and the establishment and promotion of peace congresses. The prizes for physics and chemistry are to be awarded by the Swedish Academy of Sciences; that for physiological or medical achievements by the Karolinska Institute in Stockholm; that for literature by the Academy in Stockholm; and that for champions of peace by a committee of five persons to be selected by the Norwegian Storting. It is my express wish that when awarding the prizes, no consideration be given to nationality, but that the prize be awarded to the worthiest person, whether or not they are Scandinavian.

Ausschnitt aus dem Testament Alfred Nobels, Paris, 27 November, 1895. Online unter: https://www.nobelprize.org/alfred-nobel/full-text-of-alfred-nobels-will…

Ob diese Stiftung ein Produkt Nobels schlechtem Gewissen war und seit wann er das Ziel verfolgte, so eine Institution zu etablieren, ist unklar. Einen großen Einfluss bei dieser Entscheidung hatte die spätere Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner. Seit den späten 1880er Jahren tauschten sie sich in Form von Briefen über Krieg und Frieden aus.

Inzwischen gehören die Nobelpreise zu den wichtigsten Auszeichnungen der globalen Gesellschaft. Trotzdem stehen sie in der Kritik: Immer wieder kommt es zu Pannen bei der Vergabe der Preise, das System gilt als intransparent und die Ehrungen von Peter Handke und Barack Obama warfen einige Fragen auf. Zudem ist der Nobelpreis selten vielfältig. Meist sind die Gewinner:innen männlich, weiß und stammen aus den USA oder Mitteleuropa.

Auch Nobel war kein unbeschriebenes Blatt. Das Geld, mit dem sich die Nobelpreise finanzieren, stammt aus einem weitreichenden Netz aus Waffen- und Sprengstofffabriken. Ein anderes Licht auf den Chemiker werfen ebenfalls Briefe , die er seiner jüdischen Geliebten Sofie Hess schrieb. Darin äußert sich Nobel mehrfach antisemitisch, was von gnädigeren Autor:innen als Kummer über die gescheiterte Liebesbeziehung zu Hess verstanden wird. Die Briefe, die lange Zeit von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften unter Verschluss gehalten wurden, sind inzwischen von Erika Rummel in „A Nobel Affair. The Correspondence between Alfred Nobel and Sofie Hess“ (Toronto 2017) publiziert worden.

Bedarf der Nobelpreis einer Renovierung? Vertritt diese Institution immer noch die Welt, in der wir leben wollen? Und welche Chancen bietet dieser Preis für unsere Zunkunft?

Kommentare (5)

Marcin Lupa

Vielen Dank, liebe Frau Hitzmann für dieses ausführlichen Überblick zum Thema Nobelpreis.
Um Ihre Frage zu beantworten: eine Institution die Bemühungen um Dialog und Frieden ehrt, bedarf es schon. Ob diese mit dem Namen Alfred Nobels in Verbindung gebracht werden sollte ist natürlich kontrovers. Man stelle sich aber gleichzeitig vor, die katholische Kirche repräsentiert ebenfalls den Frieden und die Tugend der Gerechtigkeit, und das bei ca. 300000 offiziellen sexuellen Missbrauchsfällen alleine in Deutschland.

Vielleicht sollten wir Repräsentanz generell überdenken? Schließlich gibt es keine besseren Umweltaktivisten als Obdachlose und Hartz IV Bezieher. Ihnen obliegt wahrscheinlich auch der größte Einsatz für Frieden durch vorgelebte Demut und Begierdelosigkeit. Und dennoch ergehen wir uns in Huldigungen der Heuchelei.

Somit ist die Betrachtung des Nobelpreises eher etwas für den philosophischen Diskurs, der alle Fürs und Widers zu beleuchten vermag. Am Ende wird wahrscheinlich ein negatives Urteil gefällt.

Mir als Privatperson gefällt alleine die Idee der Ehrung von ausserordentlichen Leistungen, hier besonders auf dem Feld der Literatur - wobei die Ehrung Handkes für mich ein desaströses Eklat ist -, wie auch auf dem Gebiet des Einsatzes für Frieden und Idealismus, auch wenn in diesem Gebiet sehr wahrscheinlich noch nie die richtigen geehrt wurden, kleine unbekannte, in Einsamkeit meditierende buddhistische Mönche und friedlebige Althippies in Kalifornien, die gerne LSD zu sich nehmen und ihre Steuern gerne von den Militärbudgets entkoppeln wüßten.

Ihnen aber danke ich für Ihren sehr engagierten und schönen Beitrag.

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  • Lara Hitzmann

    Vielen Dank für diesen Kommentar und Ihre Sichtweise auf die Institution The Nobelprize.
    Mich hat es gefreut, dass Sie die Problematik ähnlich empfunden haben.
    (Weshalb die katholische Kirche trotz all ihrer Missstände erfolgreich ist, hat Norbert Lüdecke ja bereits hervorragend beleuchtet.)
    Auch mir gefällt der Gedanke, wie Sie es nennen "Repräsentanz generell [zu] überdenken". Andererseits setzt sich die Institution inzwischen für Menschenrechte und Frauen in der Wissenschaft ein, was meiner Meinung nach ein bedeutender Schritt in Richtung einer Chancengleichheit ist.
    Mit Blick auf jüngste antisemitistische Vorwürfe wäre es wichtig, weiter Aufklärung zu betreiben und ein klaren Zeichen zu setzten (wobei das nicht nur den Nobelprize, sondern verschiedenste Institutionen betrifft).

    Wie sollte Ihrer Meinung nach damit umgegangen werden, dass Kriegsverbrecher, Nationalsozialisten und weitere Straftäter und Menschenrechtsverletzende in der Vergangenheit geehrte wurden? Sollten die Preise beispielsweise wieder zurückgefordert werden?

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  • Marcin Lupa

    [~6693], aus meiner Sicht sollte man diese Preise in Anbetracht des heutigen Wissen um diese Personen, tatsächlich zurückziehen.
    Wiederum ist es vielleicht ein philosophisches Problem. Die Philosophie hat doch im Studium der Logik, doch zahlreiche solche hypothetische Begebenheiten konstruiert.

    Nach dem Motto: was wäre, wenn ich einen Herrn XY für seine Verdienste im Einsatz für Frauen in der Universität mit Friedensnobelpreis ehre, wenn sich zehn Jahre später herausstellt, dass er drei Studentinnen in seinem Keller gefangen hielt und sie sexuell mißbraucht hat. - Abgesehen von einer lebenslänglichen Unterbringung in einer forensischen Psychiatrie (wegen kompletter Unzulänglichkeit und Verrohung jeglicher menschlichen Empfindung), MÜSSTE man ihm jegliche Anerkennung entziehen, also auch den Nobelpreis aberkennen.

    So viel hypothetisch. Bitte verzeihen Sie mir das groteske Beispiel, aber etwas ähnliches ist tatsächlich passiert und war jüngst Thema in den Erörterungen zwischen mir und meiner Frau.

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  • Lara Hitzmann

    [~2055] Ja, da stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Es würde auch einen Anreiz dafür geben, sich unabhängig von seiner oder ihrer Leistung moralisch zu verhalten.

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  • Marcin Lupa

    [~6693], ich glaube, dass es notwendig ist, eine klare Richtlinie zu etablieren, dass das humanistische Verhalten die Grundvoraussetzung für jeglichen weiteren Dialog ist - und Auszeichnungen sind nur ein Teil von diesem.

    Wer gegen die Werte der Menschlichkeit verstößt, ist völlig egal wie seine weiteren Leistungen im Einzelnen zu bewerten wären - Handke kann durch aus ein sprachbegabter Schreiber sein -, disqualifiziert.

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