Alexander Grau, Hypermoral

Luca Rosenboom • 22 August 2021
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Alexander Grau, promovierter Philosoph und freier Kultur- wie Wissenschaftsjournalist, schreibt für das Magazin „Cicero“ und hat mit „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ ein kurzes, aber äußerst prägnantes Büchlein vorgelegt, welches sich an einem Abend lesen lässt und das Buch von Frau Ackermann „Das Schweigen der Mitte“ sehr gut ergänzt, zumal auch hier öfters von Moral oder moralisierenden Tendenzen die Rede ist. Er beschreibt auf 125 Seiten, wie „Moral“ eine „meinungsbildende Monopolstellung“ bekommt und wie es den gesellschaftlichen Diskurs fundamental prägt.

Denn die vorherrschende Moralisierung – von der man zunächst glauben könne, sie diene einem höheren Wohl – ist nichts mehr als Farce. Die damit einhergehende Mobilisation der Gefühle, die zugleich vom Nachdenken entlastet, dient dem Abwehren von rationalen Entscheidungen und sorgt für eine Wohlfühloase all derer, die im Leben an nichts mehr glauben als an das Gute. Die Folge: Es entsteht eine totalitäre Atmosphäre in Kontroversen. Und schon Nietzsche wusste: „Niemand lügt so viel wie der Entrüstete.“ Wissenschaftliches (rationales) Argumentieren wird folglich sinnlos, da man jeglicher sachlichen Grundlage entbehrt, obgleich der Verlust an Wirklichkeit, wie Hannah Arendt einst formulierte, die größte Gefahr in der Moderne sei.

Kommentare (2)

Luca Rosenboom

Gestern erschien ein Beitrag in der Welt von Heinrich August Winkler, in dem er auch die Moral thematisiert. Da ich vermute, dass viele keinen Zugang haben, hier die Passage.

WELT: 18 Monate konnten wir - was die öffentlichen Diskurse angeht - glauben, wir kämpfen vor allem mit einem Virus. Hat die Corona-Pandemie eine diskursive Unwucht erzeugt und uns ein bisschen blind gemacht für andere geopolitische Themen?

Winkler: Ja. Aber man muss feststellen, dass die deutsche Verdrängung globaler Probleme älteren Datums als Corona ist. Wir haben uns - schon in der alten Bundesrepublik - sehr daran gewöhnt, dass für die ganz große Politik der große Bruder in Amerika sowie die ehemaligen westeuropäischen Besatzungsmächte und späteren Verbündeten zuständig sind. Viele haben wohl geglaubt, durch einen mehr oder weniger konsequenten Pazifismus unserer militaristischen Vergangenheit entkommen zu können. Der Drang, Deutschland als ein Land mit einer höheren Moral zu präsentieren, als man sie den westlichen Verbündeten attestiert, hat etwas von einem neuen Nationalismus an sich. Was die Tendenz zur moralischen Selbstüberhöhung angeht, könnte man fast schon von einem neuen deutschen Sonderweg sprechen.
Aus: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/plus233177103/Historiker-He…

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