Aldous Huxley: Schöne neue Welt

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Ich habe gerade den Roman "Schöne neue Welt" (1932) von Aldous Huxley gelesen, der im Jahre 2540 spielt: in einer Zeit, in der die Welt in eine technologische Diktatur verwandelt worden ist.

Die Haupteigenschaften dieser "Brave New World" sind schnell beschrieben: eine futuristische, sterile, starre Klassengesellschaft, in der die individuelle Freiheit der sozialen Stabilität geopfert wurde. Gutartiges Rauschmittel ("Soma") und eine grenzenlose sexuelle Freiheit sind die Belohnung der Arbeiter für die passive Akzeptanz ihrer Rolle in der Produktion. Intellektualität und Kunst werden als Zeichen einer gefährlichen Individualität angesehen und durch die Banalität einer infantilen Massenkultur und Ersatzreligion unterdrückt.

Dystopische Romane werfen immer die Frage auf, ob der Schriftsteller auf zukünftige Gefahren hinweist, oder ob er (auch) die zeitgenössische Gesellschaft kritisiert bzw. satirisch darstellt. Im Falle Huxleys ist diese Frage besonders scharf zu stellen, da seine Zielscheiben so vielfältig sind: Eine Gesellschaft, die Henry Ford als Gottheit verehrt (das Kreuz ist durch ein T-Zeichen ersetzt worden) und die durch sinnlose Überproduktion vorangetrieben wird, scheint mir eine klare Kritik der kapitalistischen Produktionsweise darzustellen. Dagegen ist die Darstellung der totalitaristischen Planung der Produktion und und der Kontrolle des individuellen Denkens offensichtlich eine Anspielung auf den Stalinismus und den Faschismus der 30er Jahre. Aber es sind die (von Huxley negativ dargestellten) sexuellen Freiheiten und die medizinischen Fortschritte der neuen, schönen Welt, die die Liebe und unsere (aktuellen) moralischen Werte vertrieben haben.

Es ist offenbar eine unheilige Allianz von Kapitalismus, Totalitarismus, Wissenschaft und Utopismus, die Huxley ins Visier nimmt. Die Namen seine Figuren spiegeln diesen eklektischen Mix wider: Bernard Marx, Benito Hoover, Helmholtz Watson.

Aber es ist mir nie ganz klar, was die Kernaussage Huxleys ist. Ungeachtet all seiner berechtigten Kritik: Das Problem mit so einem Generalangriff auf die Zukunft ist, dass nichts positives zu erwarten bleibt. Seine Botschaft scheint zu sein, dass (i) die aktuelle Gesellschaft auf dem Holzweg ist, und (ii) dass jeglicher Versuch, die Dinge besser zu gestalten, zum Scheitern verurteilt ist. Alles was ihm aber bleibt, ist eine Flucht in die Vergangenheit: zu einem rückwärts gewandten Konservatismus, der verzweifelt an einer repressiven Sexualität festhält, und der nostalgisch auf eine Zeit ist, in der die Elite sich mit Shakespeare beschäftigen durfte, ohne sich Gedanken machen zu müssen, wie es der Masse der Bevölkerung geht.

Zusammengefasst: "Schöne neue Welt" ist vor allem ein Produkt seiner Zeit, das dennoch viele (ja, auch unterhaltsame) Denkanstöße gibt. Und: Um seine Botschaft besser zu verstehen, sollte ich vielleicht die aktuelle (wbg) Biographie Aldous Huxleys lesen! ( https://www.wbg-wissenverbindet.de/shop/29234/aldous-huxley ).

Kommentare (2)

Gabriele Jung

Aldous Huxley ist - denke ich - vielen deutschen LeserInnen nur als Autor des von Ihnen vorgestellten Werks bekannt oder aufgrund seiner zu Papier gebrachten Drogenerfahrungen. Dass er viel mehr lesenswerte Bücher geschrieben hat und aus meiner Sicht ein durchaus interessanter philosophischer und politischer Denker war, dies eröffnet einem die am Schluss durch Sie erwähnte Biographie. Ich kann deren Lektüre nur empfehlen.

Merchan Agaricus

Eine brillante Rezension, Herr Gardner. Vielen Dank für das in Erinnerung rufen dieses Werkes von Huxley. Ich habe es als Jugendlicher gelesen und war erschüttert, was mit den im Roman noch unangepasst verbliebenen "Wilden" geschieht.

Die von der wbg publizierte Biographie ist eine klare Kaufoption.


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