Akkulturation

4 Kommentare
6 gefällt

Fandet man nach dem Begriff Kultur liefert Wikipedia folgende Definition: Kultur sei im weitesten Sinne im Gegensatz zu dem Begriff Natur alles, was der Mensch selbgestaltend hervorbringt.

Somit ist der Kulturbegriff sehr heterogen und nicht nur einer kulturellen Errungenschaft zuzuschreiben oder nur einem Themenfeld, einer Disziplin oder einem Wissensspektrum.
Es gibt zahlreiche Gebiete auf denen Kultur ersichtlich wird, wo Menschen etwas geistreiches schaffen, oder etwas was zur kognitiven Reflexion verleitet. So wie der Begriff selbst.

Ich bin diesem Begriff schon als Kleinkind begegnet, als mein Vater mich zur Universität in Warschau mitnahm, wo er vor meiner Geburt studierte. Er interessierte mich für diese Einrichtung und zeigte mir den Campus, die Gebäude, einen Vorlesungssaal und sagte, dieser Ort, an dem wir verweilten, wäre eine Kaderschmiede der Kultur.

So habe ich die Universität als etwas heiliges in Erinnerung, etwas zu dem ich als Kind hinaufsehen konnte und was ich erreichen wollte. Ich wollte unbedingt studieren. Schon alleine wegen der Atmosphäre und der hohen Lüfte, die man hier atmet. 
Später realisierte ich, dass ich an diesem Ort vor allem die Kultur der Architektur bewundert habe, ein bisschen Landschaftsbau und Societas. 

Eine Bildungseinrichtung, wie die Warschauer Universität ist einer von vielen Orten, an denen Kultur geschaffen wird. Eben die Bildung, das Studium, die Vorlesung, schließlich die Berufsvorbereitung. 

Interessant sind auch andere Orte.

Kultur wird auch im Theater geschaffen. Die Kulturschaffenden sind Schauspieler und die Manuskripte nach denen sie ihre Kunst vorführen schreiben Autoren. Auch Kulturschaffende.

Das Theater ist ein Kulturbetrieb und die Zuschauer, die es Abends besuchen, lassen sich von Kultur bezaubern, werden ihrer Teil, verschmelzen für wenige Augenblicke mit ihr und lassen sich von ihr später manchmal lenken. Sicherlich bildet das Theater auch; anders als die Universität mit keiner bestimmten Struktur, dahingegen mit sehr viel Dynamik und zielt auf unser Eigeninteresse. Das Theater hat sehr viel Struktur selbst, das will ich mit dem gerade Gesagten gar nicht leugnen. Nur ist die Absicht der Struktur des Theaters anders als an der Universität nicht die Bildung per se, sondern vielmehr die Unterhaltung und die Teilhabe am Kulturbetrieb.

Eine weitere etwas unpersönlichere Einrichtung dieser Art, wo die Seance vielleicht nicht so ausgiebig zwischen den Akten diskutiert wird, ist das Kino. Es hat eine besondere Ästhetik, schon alleine weil die Kamera unterschiedliche Perspektiven einnehmen kann. Ähnliches gilt auch dafür. Es dient noch mehr der Unterhaltung und der Verzauberung. Eine Vorstellung ist ein Ereignis. Das ist sie im Theater auch, nur lebt das Theater stärker als das Kino von der direkten Kommunikation mit dem Rezipienten und man wird als Zuschauer mehr ein Teil der Veranstaltung, verwoben im Augenblick der Handlung. Auch schon der besondere Geruch des Theaters haftet in meiner Erinnerung.

Eine weitere Kultur- und Bildungseinrichtung ist die Schule. Ich habe sie leider nie als intrinsisch motiviert erlebt, vielmehr als Zwang. Dabei habe ich allerdings schnell begriffen, dass nichts an ihr vorbeiführt, wenn man etwas lernen will, das einem einen Zugang zur Kultur, sie besser zu verstehen, verschafft. 

Die Schule ist unumgänglich, wenn man Bildung erfahren will. Auch Kinder aus betuchten Häusern haben mindestens Privatunterricht. 

Es sind mir im Zuge meines Erwachsenwerdens zahlreiche andere Kultureinrichtungen begegnet, einige will ich aufzählen.

Buchhandlungen und Verlage sind Orte an denen Kultur geschaffen wird. In den Buchhandlungen eher gehandelt, wobei auch Lesungen und Konzerte stattfinden können. Sie lernte ich zu lieben, da sie mir den Zugang zu verschiedenen Welten eröffneten in die ich seitdem einzutauchen suche, sie betrete und wieder durch die geheimnisvollen Pforten des Buches verlasse. Das Buch ist ein Medium das Kultur transportiert und zugleich transferiert, sie auch vermittelt. Das Buch lehrt mich, belehrt mich, informiert und bildet mich, verzaubert mich zugleich und nimmt mich meistens auf eine abenteuerliche Reise mit. Auch das Sachbuch. 
Gleiches gilt für Bibliotheken, in denen man das Buch ausleihen kann.

Das Fernsehen wartet mit einigen interessanten Formaten auf. Die Dokumentationen sind die Äquivalente zu den Sachbüchern, während die Serien und Spielfilme der Belletristik entsprechen. Neuerdings entdecke ich die Talkshow. „Riverboat“ im WDR oder „Scobel“ auf 3Sat. Letzterer macht es zumal geschickt, da er seine Talkrunden gerne mit einer Dokumentation zum Thema einleitet und auch während der Gespräche, die manchmal kleinen Vorträgen ähneln, ebenso kleine informative Features dazwischenschaltet. Das ist gut gemacht und interessant zugleich. Talkshow und Dokumentation haben die Möglichkeit uns zu informieren, anzuregen, mit einem Sachverhalt zu befassen oder auch nur zu bestätigen. Im gewissen Sinne sind sie ein soziales Ereignis, beispielsweise dann, wenn man nach der Sendung auf der Webseite der Sendung diskutieren darf, Kommentare abgeben kann. 

Da bietet es sich nur an, wenn „Scobel“ beispielsweise auch gleich einen Youtube Kanal präsentiert, wo die Kommunikation mit den Kulturschaffenden und den Interessenten noch besser von statten geht.

Weitere Youtube Kultur-Kanäle wären die „Sternstunden der Philosophie“ des SFR, SFR Doku und natürlich auch der Wissenspodcast der wbg, geleitet von Frau Rebekka Reinhard, den ich mir aber lieber auf Spotify anhöre.

Wo Kultur sich mit Natur die Hand gibt ist der wissenschaftliche Podcast von Peter Wohlleben, der generell gerne über den Wald informiert. 

Und dann gibt es noch die Museen, nicht nur als Orte an denen Exponate ausgestellt werden, sondern auch Orte an denen Seminare stattfinden, Workshops, Vorträge. 

Ich reiste im Ausgehenden 20. Jahrhundert u.a. zu den Maya in Honduras. Man spricht dabei von der untergegangen Kultur der Maya. Angekommen in Copan stand ich eines Tages vor der steinernen Stele (eine Art Statue, ein Werk der Bildhauerkunst) von 18 Kaninchen (so hieß ein Mayaherrscher, der zwischen dem 7. und dem 8. Jahrhundert lebte). Es war ein traumhaft warmer Tag mitten im zentralamerikanischen Sommer. Ich war freudvoll erregt, vor dieser Stele einhalten zu können und war voller Ehrfurcht für die Kultur dieser untergegangenen Zivilisation. Der Mayaherrscher brannte sich in mein Unterbewußtsein und begleitete mich in meinen Tagträumen. Eines Tages besuchte ich mit einer Arbeitskollegin eine Maya Ausstellung in Rosenheim und lief plötzlich auf besagte Stele zu. Das war ein freudvolles Wiedersehen, wie nach Jahrhunderten. Nun suche ich nach einem literarischen Werk, dass mir etwas über 18 Kaninchen und seine Zeit erzählt. Dabei streife ich durch die Buchhandlungen. Das ist persönliche Kultur. Studienreisen sind objektiv Kultur.

Journalismus ist Kultur und wird in allen möglichen Bereichen erarbeitet und präsentiert. Orte wo er entsteht und behandelt wird, gibt es wie Sand am Meer.
So auch während der Autofahrt im Radio, die Sendung „Notizbuch“ auf B2. Überhaupt ist das Radio eine Errungenschaft der Kultur.

Die Anfänge der Kultur legte mir auch im gewissen Sinne die Geschichtswissenschaft mit der Auseinandersetzung mit den antiken Griechen in den Schulranzen. Ich erlebte die Griechen mit Ihren weisen Philosophen, mit der Staatskunst und der ihnen eigenen Demokratie als die Wiege europäischen Denkens und europäischer Kultur. Von den Geschichtswissenschaftlern, allesamt Kulturschaffende, lernte ich die Möglichkeit des Vergleiches antiker und moderner Zivilisationen. Vieles was die Griechen erlebt, reflektiert und diskutiert haben, erleben wir in unserer modernen Gesellschaft wieder. Gleichsam einer Wiederholung, fast im Sinne Nietzsches als ewige Wiederkehr. Mit dem Unterschied, dass wir aus den Fehlern vergangener Zeiten Rückschlüsse auf unser eigenes Verhalten ziehen können. Haben wir einmal aus ihnen gelernt, sollten wir sie nicht wiederholen. 

So lehrt uns die jüngste deutsche Geschichte wiederum, wie mit der AfD umzugehen wäre, angesichts unseres Wissens über das Deutsche Reich und seine Anfänge, aber auch seine Gräueltaten und deren Konsequenzen für das eigene Volk. Der Verfassungsschutz profitiert von diesem Wissen, wenn er diese Partei beobachtet. 

Und nicht zuletzt lehren uns die alten Maya, dass es die Grenzen des Wachstums nicht nur auf dem Papier des Club of Rome gibt. Am Beispiel ihres eingene Ökozids zeigen sie den Untergang einer Kultur, die diese Grenzen überschritten hat. 

Ist Politik Kultur? - Das Grundgesetz hat eine Bedeutung für die politische Kultur in Deutschland. Der Philosoph Jürgen Habermas deutet einen Verfassungspatriotismus und mit ihm eine Verfassungskultur, als ein Produkt der Vernunft, die schätzt, was ihr normative Anerkennung verschafft. 

Eine Videopräsentation, die sich aus den früheren Diavorträgen entwickelt hat, ist abhängig vom Thema und Ausarbeitung Kultur. 

Ein Konzertsaal verschafft Zugang zur Kultur.

Auf Reisen gehe man nie ohne Kulturbeutel und nehme sich vor Kulturen mit Krankheitserregern in Acht.
Ohne solche Kulturen wären viele von uns allerdings nicht am Leben. Dank Penicillin dürfen wir weitere Kulturveranstaltungen besuchen. 

Gerne genieße ich eine kulturvolle Unterhaltung und freue mich auch auf kultiviertes Gespräch unter Gleichgesinnten.

Seit dem Jungpaläolithikum bis zum Holozän, also bis Göbelki Tepe etwa, gab es eine Zeit, die etwa drei Mal so lang war, wie das Holozän (und Anthropozän), die aus zivilisatorischer Sicht vermutlich interessanter gewesen ist.

Das Sesshaftwerden und der Beginn der Landwirtschaft läuteten eine gefährliche Zeit ein, in der sich das humane Genom wenig veränderte (der Mensch blieb Mensch), doch die Umweltvernichtung und der Ressourcenabbau nahmen rapide zu.
"Wenn es noch eines letzten Grundes bedurfte, um zu verstehen, warum die Evolution nicht als normative Quelle taugte und der Fortschrittbegriff eine irreführende Kategorie ist, stünden wir ihm jetzt gegenüber" (Carel van Schaik & Kai Michel in "die Wahrheit über Eva").

Zwar stellten wir den Homo Sapiens Sapiens auf eine kulturell und vor allem technisch hohe Stufe, noch wissen wir aber nicht, ob das Sesshaftwerden nicht unser Untergang sein wird.

Währendessen durchliefen Altweltaffen eine millionen Jahre währende Entwicklung, die relativ konstant mit wenig Veränderungen über lange Zeitabschnitte weilte. Bis das Sesshaftwerden plötzlich einen extremen Schub einleutete, was zuletzt Lebensdauer des Menschen und Beeinträchtigung des gesamten Planeten angeht.

Die letzten 300.000 Jahre gibt es den anatomisch modernen Menschen. Doch was in den letzten ca. 12.000 Jahren, seit dem Phänomen der größeren Siedlungen und dem Beginn der Landwirtschaft, geschieht, gibt den Anthropologen viele Rätsel auf.

Somit sind die Begriffe Zivilisation und Kultur mit Fragen behaftet, die aus anthrpologischer Sicht noch lange nicht beantwortet sind.

 

Kommentare (4)

Jürgen Germann

Die Frage nach dem Wert und der Problematik von Kulturen und ihren (auch konfliktreichen) Beziehungen beschäftigt uns immer wieder, solange wir uns nicht damit begnügen, die Dinge nur hinzunehmen, wie sie sind, und an ihrem Bestand nur mitzuwirken, ohne uns zu verantworten.
Ihr Streifzug, Herr Lupa, durch "Kultur" berührt alle drei großen Felder mit reichen Beispielen: (1) der Wissenschaft über "Kulturen" jeglicher Art und ihren Begriff, (2) die realen Erscheinungsfelder von Kultur (Schaffen, Darbietung und Genuss) sowie (3) der persönlichen Teilhabe einzelner Menschen (von "Kenntnisnahme" über Lebenskultur bis hin zur aktiven Mitwirkung an der realen Global-Politik unserer Zeit).
Wie ging man früher und gehen wir in unserer Zeit praktisch mit anderen Nationen und ihrer Kultur um? Was haben wir dabei gewonnen, geschätzt oder abgelehnt, aufgegriffen oder bekämpft,– ist eine der großen geistigen und praktischen Fragen der Menschheitsgeschichte.
Was wir heute "sehen" können und konstatieren müssen, ist ein Vielfaches dessen, was frühere Zeit[genoss]en vermochten. Und deshalb müssen wir mehr über Verantwortung und Folgen unseres (Nicht-)Tuns Rechenschaft ablegen.
Ihre Bemühungen sind, wie ich finde, ein sinnvoller Weg und Beitrag zur Verständigung über Kultur-Verantwortung, ebenso wie unser aller Beitrag dazu.
Möge das – nicht nur buchstäblich – Früchte tragen!

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
  • Marcin Lupa

    Lieber Herr Germann,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Das haben Sie sehr schön geschrieben. Vor allem in Hinblick auf das Tun, aber auch das Nichttun - im Sinne einer unterschlagenen Hilfeleistung - gemahnt uns Ihr Kommentar stets präsent zu sein und die Hand auf dem Puls zu halten.

    Herzliche Grüße
    Marcin Lupa

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
  • Ewa Holeczek-Lupa

    Interessante und persönliche Vorstellung des Kulturbegriffs.

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können