Ägyptisches, griechisches und römisches im frühchristlichen Pilgerzentrum Karm Abū Mīnā?

Lara Hitzmann • 2 Februar 2022
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Ägyptisches, griechisches und römisches im frühchristlichen Pilgerzentrum Karm Abū Mīnā?

 

„Die Kirche des hl. Menas, ein immenses Bauwerk, ist geziert mit Statuen und Gemälden höchster Schönheit, wo Tag und Nacht Lampen brennen, ohne Unterbrechung. Am Ende dieses Gebäudes sieht an ein ausgedehntes Grab von Marmor und zwei Kamele von Marmor und darüber ein Mann, der auf jedes der Kamele einen Fuß setzt und dessen eine Hand offen, die andere geschlossen ist. Diese Statue, die gleichfalls von Marmor ist, stellt, wie man sagt, St. Menas dar.“ (E. Quatremére, Memoires géographiques et historiques sur l’Egypte (Paris 1811))
Bericht eines unbekannten Pilgers aus dem Westen


Ab dem 4. Jh. n. Chr. entwickelte sich gut 45 km von Alexandria (Ägypten) entfernt ein Pilgerzentrum um das Grab des Märtyrer Menas. Schnell wuchs es sich zu einem der bedeutendsten Heiligtümer des frühen Christentums heran. Sogar im heutigen Köln fand man Reliquien und Ampullen aus dem Wallfahrtsort. 
Trotz seiner Beliebtheit wusste man bereits zu seiner Blütezeit im 5. und 6. Jh. kaum etwas über die Person Menas. Bislang wurden sechs authentische Überlieferungen gefunden, die sich alle mindestens zum Teil widersprechen. Laut des koptischen Mythos (Cod. M. 590) war Menas ein Soldat, der sich gegen die Ausführung eines diokletianischen Edikts stellt und stattdessen ein asketisches Leben in Einsamkeit führte. Ein Engel habe dem Bischof von Alexandria nach Menas‘ Ableben mitgeteilt, wo dieser bestattet werden sollte, um danach einen Kult an dieser Stelle zu initiieren. Zu diesem Zweck sollte der Corpus des Heiligen auf ein Kamel drapiert werden. Dieses sollte schließlich ohne Führung in die Wüste geschickt werden. Dort, wo das Kamel sich niederlässt, soll der Heilige bestattet werden. 


Auf ähnliche Art und Weise wurde auch der ideale Standort für die griechische Stadt Theben bestimmt. Hier war anstelle eines Kamels eine Kuh eingebunden.


„Der Gott aber sagte, er solle sich um Europe nicht viel sorgen, sondern eine Kuh als Wegführerin benutzen und eine Stadt gründen, wo diese erschöpft niederfalle.“ (Apoll. 3, 12)

 

Einige Historiker:innen sehen eine Parallele zwischen Serapis und Menas. Dabei geht es im Wesentlichen um zwei Punkte: Menas und Serapis stammen beide aus dem östlichen Teil des römischen Reiches, die Art der Transferierung bietet sich hier an. Zweitens war Menas vermutlich mumifiziert – ebenso wie Serapis häufig dargestellt wurde. Die Christen lassen sich mumifizieren? Ja, dies war ein üblicher Gebrauch im koptischen Christentum, hatte aber mehr praktische als religiöse Gründe. Andererseits – im frühen Christentum war noch nicht klar, wie das Leben nach dem Tod aussehen kann. Es herrschten dazu mehrere Theorien und einige Autoren hinterfragten, inwiefern die Unversehrtheit des Körpers notwendig ist. 


Ausschlaggebend für einige anzunehmen, dem Menaskult ginge ein ägyptischer Kult voraus, war der Fund einer Figurine des Horus. Da es keine weiteren Hinweise auf einen vorherigen Kult an dieser Stätte gibt, halte ich dies aber für unwahrscheinlich. 
Zum Ägyptischen gibt es zugegebenermaßen nur sehr weite Parallelen, aber man muss bedenken, dass Ägypten seit Jahrhunderten nicht mehr autonom war. Bei Betrachtung der griechischen und römischen Parallelen sind die Bezüge eindeutiger. 
Menas heilte seine Gläubigen durch heiliges Wasser, heiliges Öl und die Inkubation. Dafür mussten die Gläubigen zum Pilgerort reisen und dort sieben Tage im Pilgerort verbringen, um Heilung und Heil zu erlangen.


„And all who suffer from any kind of illness, and the blind and the lame and those possessed with devils, when they come and do reverence before his holy body, receiv-ing healing forthwith.” (Cod. M. 590, 5.)


Heilige Quelle und Heilschlaf? 


Sowohl Menas als auch Asklepios waren Menschen, die sich bereits vor ihrer Vergöttlichung besonders fürsorglich anderen Menschen gegenüber verhielten. Nach ihrem Tod entwickelte sich an ihren Gedenkorten Wallfahrtsorte. Aber besonders zeigen sich die Gemeinsamkeiten in der Kultpraxis: Heilige Quellen, heiliges Öl und der Heilschlaf sind zentrale Bestandteile der Heilung. 


„Denn die Götter verordnen im Traum die Heilmittel unter denselben Namen, die wir auch sonst gebrauchen: Die Salben und Umschläge und Getränke.“ (Artem. 4, 22)

 


Wie die Inkubation im frühen Christentum praktiziert wurde, ist nicht ganz klar. Einige antike Autoren differenzieren sich stark von den Paganen, bei ihnen handelt es sich beim Heilschlaf um Meditation, die durch den Glauben heilt. Andere Autoren – ihr prominentester Vertreter ist Hieronymus – berichten, dass Gott oder die Märtyrer:innen im Schlaf an einem heiligen Ort mit den Gläubigen in Kontakt tritt und Tipps für die Heilung gibt, wie es im Asklepioskult der Fall war. 


Heilende Gottheiten und ihre Kulte waren eine direkte Konkurrenz für das aufkommende Christentum. Die pagane Heilkunst konnte sich in der Spätantike deutlich länger halten als das „Heidnische“ in anderen Bereichen des alltäglichen Lebens. Völlig nachvollziehbar: Geht es um die eigene Gesundheit und den dazugehörigen Leidensdruck, holt man lieber mehr als einen medizinischen Rat ein. 
Der Wallfahrtsort erinnert auch vom Aufbau her an die Asklepeia: Es gibt eine heilige Quelle, Schlafräume, Heiligtümer, aber auch Orte des alltäglichen Lebens, wie Schlafstätten, Tavernen usw. 
Der Cod. M. 590 schlägt Menas indirekt auch als Ablösung für Herakles, Apollon und Artemis vor. Apollon und Artemis sind, wie Asklepios, als Heilgottheiten in Griechenland und Kleinasien bekannt (Apollon als Heilgottheit und Artemis als Geburtshelferin), bieten sich aufgrund ihrer enormen Bedeutung als Anknüpfungspunkte an. Herakles ist im Heer eine immer präsente Gottheit. 


Archäologisch lassen sich an dieser Stelle auch Parallelen zur römischen Bauweise darstellen. Die Kirchen in Karm Abū Mīnā sind alle sehr experimentell gehalten, alles andere als in den typischen Kirchen in Antiochia, Alexandria oder Rom. Aber der allgemeine Aufbau der Stadt ähnelt der römischen Bauweise sehr. Karm Abū Mīnā verfügt über zwei große Hauptstraßen, die in Richtung Pilgerzentrum weisen, ausgestattet mit Portikus und allerlei Prunk. Gleichzeitig existieren typisch aufgebaute Reihenthermen, Märkte und Gaststätten, in denen Wein, gutes Essen und leichte Unterhaltung serviert wurde. 
Am Beispiel Karm Abū Mīnās zeigt sich, dass christliche Wallfahrtsorte nicht starr nach einem Schema konstruiert wurden, dass es sich um gewachsene Orte handelt und dass sie einen indirekten Begegnungsort der regionalen, römischen, griechischen und christlichen Kultur darstellen. 

Obwohl die Grabungen in Karm Abū Mīnā 2013 abgeschlossen wurden, konnte ein Geheimnis nicht gelüftet werden: Bereits der erste Ausgräber Carl Maria Kaufmann fand unzählige von kleinen Frauenfiguren, von denen er 400 mit nach Frankfurt brachte. Diese Figuren sind zwischen 8-15 cm groß und zeigen rudimentäre Frauen, viele von ihnen vermutlich schwanger. Waren dies Votivstiftungen an den Heiligen wegen des Wunsches nach einem Kind? Oder Weihungen von denjenigen, die sich keine Ampullen oder gar Spenden leisten konnten und dennoch nach dem Heil strebten?



J. Drescher, Apa Mena, A selection of Coptic texts relating to St. Menas, Publications de la Société d’Archéologie Copte (Cairo 1940).
P. Grossmann, The Pilgrimage Center of Abu Mina, in: D. Frankfurter, Pilgrimage and Holy space in late antique Egypt, Religions in the Graeco-Roman world 134 (Leiden u. a. 1998) 281-302.
 

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