1956 – 2021 – zum Tod des großen Historikers Włodzimierz Borodziej

Daniel Zimmermann • 26 August 2021
Blogbeitrag in der Gruppe Geschichte
6 Kommentare
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1956 – 2021 – zum Tod des großen Historikers Włodzimierz Borodziej

„Brückenbauer“, der Begriff fiel in vielen Nachrufen auf den viel zu früh verstorbenen Historiker Włodzimierz Borodziej. Dabei hatte er absolut klare Standpunkte, konnte auch streitbar sein und polarisierte durchaus, vor allem im heutigen Polen, wo er von konservativer Seite ungerechtfertigt angegriffen und diffamiert wurde.

„Brückenbauer“ meint, dass er deutlich sah, wie unterschiedlich der Blick der Polen und der Deutschen nach wie vor auf die jüngere Geschichte ist: Für die Polen hat sich die deutsche Besatzung als barbarischer Akt der Zerstörung und Grausamkeit eingebrannt. Für Deutsche bedeutet ‚Ostkrieg‘ und ‚Ostfront‘ nach wie vor wesentlich der Angriff auf die Sowjetunion. Polen ist nur der Ort der Konzentrationslager und des Massenmords an den europäischen Juden. Kein anderer hat so viel dazu beigetragen, das Bild von Deutschland in Polen zu revidieren und den Deutschen die Augen zu öffnen für Ihre östlichen Nachbarn.

Włodzimierz Borodziej war ein gefragter und gern gesehener Fachmann und Gesprächspartner auf vielen zeithistorischen Podien, gerade auch in Deutschland und Österreich. Seine Bücher „Warschauer Aufstand 1944“, „Geschichte Polens im 20. Jahrhundert“ und „Der vergessene Weltkrieg. Europas Osten 1912–1923“ sind auch hierzulande bedeutende Meilensteine. Er war ein großer Wissenschaftler und ein geschickter Wissenschaftsmanager: Polnischer Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission von 1997 bis 2007, Co-Leiter des Imre-Kertész-Kollegs der Universität Jena, Beirat des Hauses der Geschichte in Bonn, des Danziger Museums des Zweiten Weltkriegs oder des Brüsseler Hauses der Europäischen Geschichte. Folgerichtig wurde er in Deutschland mit dem Bundesverdienstkreuz ebenso geehrt wie noch 2020 mit dem Internationalen Forschungspreis der Max-Weber-Stiftung.

Als ich Włodzimierz Borodziej das letzte Mal sah, am Abend des 26. Septembers 2019 anlässlich der Verabschiedung des langjährigen Direktors des Deutschen Polen-Instituts Dieter Bingen, und dann am nächsten Morgen zum Frühstück in seinem Hotel, erlebte ich einen sehr ruhigen, leisen Historiker, mit dem ich mich mehr als verbunden fühlte. Wir sprachen über ein weiteres gemeinsames Buchprojekt, eine Geschichte Polens nach 1989, die nun leider nur in Fragmenten vorliegt. Noch Anfang diesen Jahres planten wir eine weitere große Publikation, eine Sammlung weitgehend unbekannter Quellen zum Holocaust.

Włodzimierz Borodziej hätte noch viel zu sagen gehabt und die deutsch-polnische Geschichte bereichert. Am 12. Juli 2021 ist er nun, viel zu früh, nach langer Krankheit verstorben.

Daniel Zimmermann


Borodziej, Wlodzimierz
Wlodzimierz Borodziej

Wlodzimierz Borodziej (1956 - 2021), war einer der führenden Zeithistoriker Polens. Er wuchs zweisprachig auf und ging in Berlin und Warschau zur Schule. Er lehrte an der Universität Warschau, unterbrach seine akademische Karriere und arbeitete in den 90er Jahren für die Verwaltung des Sejm, des polnischen Parlaments. Seit 1996 war er Professor am Historischen Institut der Universität Warschau, seit 1997 stellvertretender Vorsitzender der deutsch-polnischen Schulbuchkommission. Wlodzimierz Borodziej scheute sich nicht, brisante Themen der deutsch-polnischen Geschichte zu behandeln wie die deutsche Vernichtungspolitik in Polen und die Vertreibung der Deutschen. Er war Autor zahlreicher viel beachteter Sachbücher, die auch ins Deutsche übersetzt wurden; zuletzt erschien von ihm "Der vergessene Weltkrieg" (2018).

Kommentare (6)

Marcin Lupa

Lieber Herr Zimmermann,

ich danke Ihnen für diesen sehr schönen und informativen Nachruf. Insbesondere für mich als im Süden Münchens lebenden Polen aus Warschau, ist Ihr Beitrag rührend.

Ich habe großes Interesse an deutsch-polnischer Kultur und möchte mich auch der Geschichte beider unserer Länder aus diversen Perspektiven nähern.
Zuletzt las ich dazu die Arbeiten von Norman Davies und von Heinrich August Winkler. Einige Standardwerke. Aber Wlodzimierz Borodziej kannte ich nur vom Hörensagen. Ich werde mir seine "Geschichte Polens im 20. Jahrhundert" im polnischen Original zulegen. Dafür danke ich Ihnen.

In diesem Zusammenhang verweise ich auch gern auf eine Publikation der wbg, die mein Interesse geweckt hat: https://www.wbg-wissenverbindet.de/shop/34932/wbg-deutsch-polnische-ges….

Herzliche Grüße
Marcin Lupa

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  • Daniel Zimmermann

    Lieber Herr Lupa,
    danke für Ihre freundliche Rückmeldung! Herrn Borodziej fühlte ich mich tatsächlich menschlich sehr verbunden, obwohl wir uns gar nicht oft gesehen hatten. Leider ist so wenig von ihm auf Deutsch erschienen. Aber das Buch "Der vergessene Weltkrieg", geschrieben zusammen kit Maciej Gorny, ist wirklich ein Meisterwerk und eine Darstellung des Ersten Weltkriegs, wie es sie sonst nicht gibt.
    Aber auch nach seinem mehr als traurigen Tod: die Arbeit an der Geschichte zwischen Polen und Deutschen wird weitergehen! Als nächstes (November) erscheint der Band 5 (1945 bis heute) der Deutsch-polnischen Geschichte.
    Kennen Sie eigentlich dies?: ein sehr knapper, angenehm zu lesender Gesamtüberblick:
    https://www.wbg-wissenverbindet.de/shop/29251/die-deutschen-und-die-pol…
    Beste Grüße!
    Daniel Zimmermann

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  • Marcin Lupa

    Lieber Herr Zimmermann,

    haben Sie Dank für Ihre Antwort.

    "Die Polen und die Deutschen" kenne ich bereits. Hierbei muss ich sagen, dass ich die fünfhändige Ausgabe vorziehe. Wenn ich mich eines Themas annehme - und dieses liegt mir umstandsgemäß besonders am Herzen -, dann möchte ich mich damit ausführlich beschäftigen. Daher ziehe ich dicke Bücher, den dünnen vor. Und mehrbändige Ausgaben sind gänzlich mein Favorit.

    Über den ersten Weltkrieg weiß ich nicht viel, daher werde ich auch "Der vergessene Weltkrieg" lesen. Vielen Dank für diesen Tipp.

    Beste Grüße
    Marcin Lupa

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  • Daniel Zimmermann

    ... nichts gegen dicke oder mehrbändige Werke ("Der vergessene Weltkrieg" erfüllt in diesem Sinne ja beides), aber der schmale Band hatte mir seinerzeit auch Spaß gemacht, weil darin ausgesprochen unterschiedliche Autoren und unterschiedliche Themen versammelt sind und das Buch dadurch sehr abwechslungsreich und anregend wurde- fand ich zumindest.
    Herzlichst!
    Daniel Zimmermann

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  • Marcin Lupa

    Da mögen Sie Recht haben. Auch Bücher, die eine geringe Seitenzahl aufweisen, können interessant sein. Zuletzt las ich von Jean Ziegler "Wie kommt der Hunger in die Welt?" - das sollte Pflichtlektüre in Gymnasien sein.

    Ihr Interview mit Norman Davies hat mich begeistert. "Unterwegs ins Unbekannte" werde ich mir zulegen.
    Vielleicht kennen Sie Herrn Wojciech Liponski. Leider liegt noch keine Übersetzung von seinem "Ereignisse der Europäischen Kultur" ins Deutsche vor. Er schreibt gerade an Band IV und V. Band I, Prähistorie und Band II, Mittelalter wurden bereits in polnischer Sprache verlegt. Darauf sollte man ein Auge werfen.

    Ihnen eine gute und Corona-freie Zeit.

    Herzlichst
    Marcin Lupa

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  • Daniel Zimmermann

    Davies ist in der Tat ein ganz Großer: Begnadeter Erzähler und eigenwilliger Denker unter den Historikern. "Ins Unbekannte" war in dem Jahr, in dem es erschien, mein Projekt des Herzens. Ein ganz anderer Blick auf unser aller Geschichte. (Er kann aber auch 'kurz', wenn er will: Gerade erschienen "King George II").

    Beste Grüße,
    Daniel Zimmermann

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