14.10.1066: Die Schlacht von Hastings oder wie Angelsachsen Teil des Okzidents wurde

Lara Hitzmann • 14 Oktober 2021
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14.10.1066: Die Schlacht von Hastings oder wie Angelsachsen Teil des Okzidents wurde

 

Vor genau 955 Jahren gewannen die Normannen unter Wiliam the Conqueror eine Schlacht im südenglischen Hastings und veränderten somit den Lauf der Geschichte Europas.

Die als Folge der Schlacht stattfindende normannische Eroberung Angelsachsens hinterließ tiefe Spuren in der Struktur des Landes. Der Historiker Richard Huscroft bezeichnet die normannische Eroberung als „eines der wichtigsten Ereignisse in der europäischen Geschichte“. Angelsachsen, das sich vorher im Einflussgebiet der Wikinger befunden hatte, wurde nun Teil der zentraleuropäischen Bevölkerung und erhielt dadurch eine neue Sprache, neuen Gepflogenheiten und eine neuen Verwaltungsstruktur.

Alles begann damit, dass der französische König 911 Nachkommen der Wikinger, den sog. Norðmaðr erlaubte, sich in der Normandie anzusiedeln. Unter ihnen entwickelte sich die Gegend zu einem aufstrebenden Herzogtum, was der angelsächsischen Krone nicht verborgen blieb. Schlussendlich verbanden sich die beiden Herrschaftshäuser durch eine Hochzeit, die Edward the Confessor hervorbrachte. Edward, der einen Großteil seines Lebens in der Normandie verbrachte, führte mit seiner Thronbesteigung eine englische Zentralverwaltung nach französischem Vorbild ein und legte zahlreiche Posten trotz Protesten des angelsächsischen Adels in normannische Hand. Im Januar 1066 starb Edward schließlich kinderlos, weshalb nun mehrere Parteien Anspruch auf den Thron erhoben. Normannische Quellen berichten darüber, dass Edward den Normannen lange Zeit vor seinem Tod die Krone zusagte. Kurz vor seinem Ableben näherte sich Edward aber auch dem angelsächsischen Adel an, aus dessen Reihen sich Harold Godwin von Wessex auftat. Trotz, dass Harald II. vom Witan bestätigt wurde, wurde ihm der Thron schnell streitig gemacht: Sein exilierter Bruder Tostig konnte mit der Unterstützung des norwegischen Königs Harald III. Hardråde in Nordengland einfallen. Ein weiterer Konkurrent des Königs war Wiliam, der aus der Ferne agierte und Harald II. bereits bei Papst Alexander II. anschwärzte hatte. Vor dem Papst behauptete Wiliam, Harald II. würde nicht im Interesse der katholischen Kirche handeln und bat um die Erlaubnis, den König gewaltsam abzusetzen. Während Harald II. sich nun eher auf die Bedrohung im Norden konzentrierte, konnte Wiliam in Frankreich und Italien eine Flotte zusammenstellen und Soldaten rekrutieren. Als Harald II. schließlich wegen Kämpfen an der Stamford Bridge abgelenkt war, legte Wiliam an der Südküste Englands an. Nachdem die Kriegshandlungen an der Stamford Bridge abgeschlossen waren, blieb Harald II. nichts anderes übrig, als mit seinen geschwächten Truppen gen Süden zu marschieren. In Hastings wartete Wiliam bereits auf seinen Gegenspieler.

Weil die Angelsachsen im Schlachtverlauf aufgrund ihrer geschwächten Truppenstärke eine defensive Haltung einnahmen, griffen Wiliam und seine Gefährten zu einer List: Sie verbreiteten die Nachricht, Wiliam sei gefallen und ließen die Normannen fliehen. Die Angelsachsen folgten den Fliehenden. Als Wiliam sich seinen Männern wieder zeigte und sie erneut aufrief standhaft zu bleiben, hatten die Alamannen kaum eine Chance. Mit dem Tod Haralds II. lösten sich die angelsächsischen Schlachtreihen auf und die Normannen verließen Hastings als Sieger.

Die Schlacht von Hastings stellt einen Wendepunkt in der Geschichte Englands und Europas dar. Durch die darauffolgende normannische Eroberung wurde England in die Kultur Zentraleuropas integriert. Außerdem wurde ein normannische Zentralverwaltung und das Lehnswesen in England etabliert, Französisch wurde die neue Sprache der Oberschicht und zahlreiche Mitglieder:innen des englischen Adels flohen vor den Normannen nach Schottland, Irland, Skandinavien und Byzanz.

Obgleich dass die Schlacht bei Hastings schon 955 Jahre her ist, ist sie immer noch im Gedächtnis der Engländer:innen präsent. Einerseits gibt es Feste und LARP-Events zur Feier der normannischen Eroberung, andererseits steht sie mit Blick auf den Brexit für das Trauma, welches die Feinde vom Kontinent als Eroberer des Landes ausgelöst haben.

 

Literatur:

Kommentare (6)

Marcin Lupa

Um die Vorurteile zu perfektionieren und gleichzeitig ad absurdum zu führen, möchte ich anbringen, dass man sich wohl überlegen sollte welchem Eward man seine Haustür öffnet, denn schon bald erobert ein Nachfahre von ihm Haus und Garten.

Spaß beiseite: waren doch die Angelsachsen auch schon Eroberer von Ländereien, die bereits durch die Römer in Beschlag genommen wurden. So setzt sich die Geschichte der Eroberungen fort. Und heute erobern international kooperierende Firmen das Land und die Völker, praktisch überall auf der Welt.
Das diese Firmen eine regionale Zugehörigkeit besitzen und zwar unter einer nationalen Flagge auslaufen, ist eine Tatsache, dennoch denke ich, dass ihr Eigentum und das Firmenkapital, darunter der Besitz von Grund und Boden, sowie Rohstoffen in den Händen von Unternehmern, nicht Nationen liegt.
Dies hat wie alles im Leben eine gute Wirkung, wie auch eine Schlechte. Zumindest befreien wir die Welt so von nationalistischen Strukturen, treiben sie aber wieder in die Hände von einer kleinen Finanzelite, von abgesprochenen Tradern und launischen Dandys.

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  • Lara Hitzmann

    Lieber Herr Lupa,

    ja, wenn man dem Unheil erst mal die Tür geöffnet hat...

    In der Geschichte wussten die Menschen meistens, wer sie beherrschte und wie es dazu kam, zumindest meiner fachlichen Einschätzung nach, im Gegensatz zu der heutigen Zeit. Wir werden von Firmen und Konzernen kontrolliert und wissen oftmals gar nicht, wieso dies so ist und wann es passiert ist. Ein toller Blick auf die heutige Zeit! Vielen Dank!

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  • Marcin Lupa

    [~6693], so richtig überschauen kann man das nicht mehr. Meine Tochter sagt mir immer, ich soll die Firma Nestle meiden, weil sie vereinfacht gesagt, Menschen in verschiedenen Ländern das Wasser stiehlt.
    Aber welche Produkte zur Nestle Company gehören, ist schon schwieriger herauszufinden und sie konsequent meiden, eine Kür.

    Im Grunde kommen wir der Firmenkontrolle nicht aus, unsere Daten werden weitergegeben, und wir werden mit Produktinfos bombardiert.

    Wer im Internet surft läuft Gefahr durch ein attraktives Produkt in Besitz genommen zu werden. Allerdings haben wir eine Möglichkeit unsere Bedürfnisse zu kontrollieren. Meine Tochter sitzt gerade an der Bedürfnisspyramide von Maslow. Meine Selbstverwirklichung sehe ich im Schreiben von Texten, Kommentaren, etc. und im Lesen von faszinierenden Büchern.
    Zuletzt kaufte ich mir ein Exemplar von "Maya. Gottkönige aus dem Regenwald" auf Rebuy. Ein geniales Buch. Sollte die wbg eines Tages etwas zu den Azteken oder Maya, gerne auch Inka verlegen, bin ich der erste Käufer.

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  • Luca Rosenboom

    Vielen Dank für den schönen Beitrag, den ich gerne ergänzen möchte um eine Note John Stuart Mills: "The battle of Marathon, even as an event in English history, is more important than the battle of Hastings. If the issue of that day had been different, the Britons and the Saxons might still have wandering in the woods." Damit stellt er einen wichtigen Punkt heraus, den man natürlich auch in beliebigen anderen Konstellationen anführen könnte; da aber Hastings angesprochen wurde, führe ich ihn hier an. Mill hat hier das Ereignis "Marathon" 490 v.Chr. über ein 'genuines' Ereignis Englands gestellt. Warum? Durch das Eintreten in eine gemeinsame Geschichte - namentlich der Europäer - erwirkt man eine gemeinsame Identität. Diese ist, um Herrn Lupas Gedanken aufzufassen, 'supranational'. Nichtsdestotrotz wird dadurch ein Gemeinwesen vor Augen evoziert, in das es einzutreten lohnt. Ein Gemeinwesen kraft dessen wir heutige Strukturen vorfinden, wie wir sie vorfinden. Seinem Gedanken kann man entnehmen, dass sich alle Nationen, die das Erbe Griechenlands angetreten sind, in ihre Tradition einreihen können.
    Damit lösen wir gleichzeitig auch "nationalistische[] Strukturen" auf und fügen uns in ein großes Ganzes, sofern wir uns denn zugehörig fühlen. Dieser Gedanke ist mitnichten selbstverständlich in heutigen Gesellschaften; jedenfalls hat "kleine Finanzelite" auch etwas, oder gar sehr viel, Selbstdestruktives an sich. Ebenso die NGO's, die uns als Zoon politikon massiv einschränken, da sie sich über Entscheidungsträger erhaben sehen...

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  • Marcin Lupa

    Das ist gut, dass Du den europäischen Gedanken ansprichst, Luca. Zur Zeit lese ich in meiner Muttersprache ein Buch von Wojciech Lipionski mit dem Titel "Geschichte der europäischen Kultur". Darin führt er genau diesen Gedankengang, den Du oben erwähnst aus und schildert, wie die Wiege der Europäischen Zivilisation, das alles verbindende Element, in der griechischen und römischen Antike vorzufinden wäre.

    Leider ist dieses Buch nicht in Deutscher Sprache erhältlich, ich bin mir aber sicher, dass eine Übersetzung bald in Angriff genommen wird.

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