10 Bücher - oder was ?

Klaus Paschenda • 22 September 2021
11 Kommentare
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Liebe Community,
ach wie herrlich abstrakt diese Anrede ist. Wer mag sich da angesprochen fühlen?

Dies ist kein Essay, kein Artikel, kein Roman, sondern einfach nur eine Idee, vielleicht auch ein konkreter Handlungsvorschlag. Vorab zu meinen Formulierungen: Sie sind nicht bös gemeint, niemand soll beleidigt werden. Klare Worte sind gelegentlich schwer verdaulich. Wenn Sie sich aufregen wollen, tun Sie es. Aber: Ich mache nur einen Vorschlag und möchte niemandem zu nahe treten. Für Nebenwirkungen fragen Sie wen auch immer, aber bitte nicht mich.

In media res: Nehmen wir an, es wird ein Mensch geboren und Sie sind für seine Bildung, Erziehung, Entwicklung usw. zuständig. „Verantwortlich“ wäre hoch gegriffen. Die Erörterung, wer dann wen zur Verantwortung ziehen könnte, ist eine nebenspurige intellektuelle Aufgabe. Da haben wir also die kleine Intelligenz im Raumanzug des menschlichen Daseins. Der Einfachheit halber nehmen wir an, dass ihr Körper in allen Funktionen korrekt arbeitet.

Aus dem anstehenden Problemkreis wählen wir eine Frage: Was muss diese Intelligenz unbedingt wissen, damit sie sich im komplex-chaotischen System Erde keine blauen Flecken holt. Kurz, die zentrale Frage lautet: Welches W i s s e n und K ö n n e n ist für einen Menschen notwendig? Die gleiche Frage für Robots könnte kontrastierend das Profil schärfen, kann nebenbei abgearbeitet werden.

Da diese Frage schon unter den Fachdidaktikern der verschiedensten Disziplinen zu haarsträubenden Diskussionen führt und im Biergarten bei einem ordentlichen Weizen auch nicht beantwortet wird, reduzieren wir sie: Welche zehn Bücher muss die Intelligenz lesen? Selbst wenn die Intelligenz das Wissen und Können per Impfung erhalten könnte, der Kern der Frage bleibt - und die Didaktik außen vor.

Über die Zahl Zehn mag diskutiert werden. Doch irgendeine angemessene Zahl muss es sein. Die durchschnittliche Menge von Büchern in einem deutschem Haushalt beträgt x, in einer - weil’s gerade aktuell ist - afghanischen Familie y. Recherchieren ist unnötig. Der Kern der Antwort ist bekannt. By the way: Glauben Sie nicht, dass man Demokratie und Menschenrechte mit der Waffe verbreiten kann! Schon die Kreuzritter sind krachend und verblutend gescheitert. Ist es mit W i s s e n anders? Womit wir nebenbei eine inhaltliche Aussage hätten, die der kleinen Intelligenz zu vermitteln ist. (Bei den Großen heute ist es müßig, die bringen es nicht mehr.)

Um den Prozess der Antwort einzustielen: 1. Die Bibel; 2. Der Koran; 3. .... STOP! Sofort geht das Geschrei los. Der Koran gehört auf Platz eins und die Bibel - welche übrigens ? - irgendwo weiter hinten. Vorschlag zur Güte für Platz 1: Die Kunst des Krieges oder konkreter das Scheidungsrecht, welches man vor der Heirat gelesen hat.

Wird eine global gütige Antwort gesucht? Schon die europäische Union ist ein Papiertiger, dessen Exkremente günstigenfalls das Verbot von Strohhalmen sind. Dabei ist Stroh doch echt öko. Egal hier, nur es verweist direkt auf System Dynamics.

Noch ein spezieller Fall: Zu jedem unbrauchbaren Haushaltsgerät aus welcher Müllproduktion auch immer gibt es ein tausende Worte umfassendes Manual in hellgrauer Schrift der Größe 6 Punkt auf grauem Pseudoaltpapier, das aber nur aus Kunststoff und Leim besteht. Sorry, der Ausrutscher musste sein. Er ist weiterführend.

An die ausgewählten Bücher sind gewisse Ansprüche zu stellen. Was unmittelbar auf die Eigenschaft Preis hinweist. Was dürfen die Bücher denn kosten, und wer bezahlt sie? Senioren unter Ihnen werden sich eventuell noch an die Lehrmittelfreiheit erinnern. Als Schüler fand ich das toll: Endlich ordentlich Input, zumindest von der Idee her. Schulbuchverlage sind ja auch nur gewinnorientierte Unternehmen. Es muss sich verkaufen. ISO 9000 ff. gab es ja damals noch nicht. Verbesserung, Controlling bis hin zu Lernerfolg - das kann die nächste Menschheit machen. Die jetzige scheitert eh gerade.

Wenn Ihnen nichts einfällt oder Sie sich überfordert fühlen, fragen Sie den Experten vor Ort: Gehen Sie in einen Buchladen, bitten den Händler um die zehn wichtigsten Bücher, die er vorrätig hat, und kaufen sie diese. Wiederholen Sie das in Städten anderer Länder und Kulturen. Was fällt Ihnen auf? Einigkeit ist was gänzlich anderes.

Damit steht die Frage der Kriterien zur Diskussion. Nach welchen Kriterien? Wie begründen sich die Kriterien? - Juchhuh, mittendrin in der Philosophie! Fragen wir einen Experten, Kant: „Du sollst nicht Gedanken, sondern denken lernen!“ (aus Vorlesungsprogramm der Königsberger Universität „Albertina“ 1765) Typisch Philo: Wenn’s ernst wird, nix zum Abschreiben, sondern selber machen. Dann kommen Sätze wie: Wir gehen davon aus, dass unser Wahrnehmungsapparat nicht gestört ist, solange wir nicht eines Besseren belehrt werden.

Zurück: Wer entscheidet über die Produkte des D e n k e n s ? Die Volksvertretung, also der Pseudo-Juristen-Klub, der meint, er sei eine proporze Abbildung der Bevölkerung? Oder ein Gesandter Gottes? Ein ordentlicher Diktator könnte es regeln, oder besser a la Sokrates ‹Philosophen an die Macht›?

Back onto the mainline: Vor uns liegt ein Stapel von Zetteln (wenn Sie in Deutschland arbeiten) oder eine digitale Tabelle (wenn Sie z.B. in Frankreich oder den USA leben). Schauen Sie sich die jeweiligen 10-Punkte-Listen ausgewählter Bücher an. Zur Aufarbeitung bietet sich ein Vorschlag von Descartes an: Auf der Abszisse tragen wir die einzelnen Titel nach abnehmender Häufigkeit auf. Die Ordinate skaliert die Häufigkeit und endet mit der Anzahl der Listen. Für Mathematiker: Die Einhüllende ist was für eine Funktion? Wie begründen Sie Ihre Hypothese? Für die Teilnehmer: Wiederholen wir die Listenabfrage, bis das Diagramm gegen ein Rechteck konvergiert?

Und nicht vergessen: Die kleine Intelligenz wird jeden Tag älter und braucht Input. Viel Zeit haben Sie nicht.

Der Fragen sind genug gestellt. Vielen Dank, dass Sie bis hier gelesen haben. Bleiben Sie gesund.

Kommentare (11)

Norbert KNOLL

Sehr geehrter Herr Paschenda,
interessanter Ansatz, der mich auf eine ganz andere Idee bringt.

Ganz ehrlich, glauben Sie Bücher sind der Intelligenz eines Menschen förderlich? Ja glauben Sie gar, dass es erstrebenswert ist, im Laufe des Lebens das erreichte Niveau an Intelligenz - was auch immer man unter Intelligenz verstehen mag - zu steigern?

Worauf es vermutlich den meisten Eltern ankommt, wenn sie sich daran machen in verantwortungsvoller Weise auf ein frisch geborenes Menschlein einzuwirken, ist eher, dass irgendwann einmal ein Erwachsener daraus wird, der in der Lage ist, sein Leben in einer gewissen Eigenständigkeit zu führen - selbst wenn die Eltern längst unter der Erde liegen.

Deshalb würde ich meinen, es wäre besser, 10 Menschen auszusuchen, mit denen dieses kleine Menschlein intensiven Kontakt/Austausch pflegen könnte anstelle der 10 Bücher.

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  • Marcin Lupa

    Eines der zehn Bücher sollte - rein subjektive Vorstellung -: "der Herr der Ringe" von J.R.R. Tolkien sein.
    Es ist ein Stück Weltliteratur, auch wenn das Genre manchem ernsthaften Menschen oder jenen die sich als ernsthaft wähnen, als trivial vorkommt.

    Wenn wir schon bei Bildung durch Bücher sind, warum nicht gleich "Bildung" von Dietrich Schwanitz.
    Ich entsinne mich, dass auch da mit derartigen Literaturlisten gearbeitet wird.

    Es gibt natürlich jede Menge guter Belletristik, nicht ausschließlich klassischer, die bildet.

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  • Norbert KNOLL

    Wenn es unbedingt Bücher sein sollen - und doch keine Menschen - dann finde ich verdiente "Herr der Ringe" einen Platz unter den ersten 10. Bei Weltliteratur liegt mir persönlich "Robinson Crusoe" (für das solitäre Leben auf einer Insel und "Gullivers Reisen" für das Leben in den verrücktesten insularen Gesellschaften sehr am Herzen. Um den Wirklichkeitssinn zu stärken müsste "Don Quichote" unbedingt dabei sein. Nur frage ich mich, wie wollen wir dem armen Menschlein das Lesen beibringen? Offen bleibt auch die Frage, wie wir nach erfolgreicher Erstellung eines Kanons sicherstellen, dass künftige Generationen von Menschen nicht aus intelligenten, geistig geklonten Herdentieren bestehen.

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  • Marcin Lupa

    Die Heterogenität der Geschmäcker bleibt uns auch innerhalb eines Bücherkanons erhalten. So hoffe ich.
    In Bezug auf Werte wünsche ich allerdings Uniformität.

    Kennen Sie "Candide oder der Optimismus" von Voltaire, Herr Knoll?

    Beim Cervantes gehe ich konform mit Ihnen.

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  • Ulrich Weiler

    Heilige Schriften, Ilias, Odyssee, Rhetorik, Die Freiheit eines Christenmenschen, Faust, Das Kapital, Die vollkommene Ehe, Strahlungen, Die gestundete Zeit/Anrufung des Großen Bären lasse ich mal ausdrücklich weg, weil sie schon zu oft in die Wiege gelegt werden, jedenfalls von älteren wb-Mitglieden. Stattdessen möchte ich den Blick unseres neuen Erdenbürgers zum Verständnis seiner künftigen Zeit lieber auf folgende Werke lenken (wissend, das Werke keine Wege sind ohne die richtigen Begleiter):

    Karl Engisch, Einführung in das juristische Denken
    Uwe Wesel, Juristische Weltkunde
    Heinrich Schipperges, Der Garten der Gesundheit
    Franz Vonessen, Die Herrschaft des Leviathan
    Frank Hennecke, Der Zwangsrundfunk
    Walter Van Rossum, Meine Pandemie mit Professor Drosten
    Alfred Adler, Über den nervösen Charakter

    Das mag genügen, 7 ist immerhin eine besondere Zahl. Nach der Lektüre ist man zwar nicht mit allen Wassern gewaschen, kann aber etwas von der aktuellen Wasserlage begreifen. Und ganz ohne Wasser ist Leben schließlich nicht möglich.

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  • Klaus Paschenda

    Werten Herren,
    oh, wo sind denn die Damen?
    Einen herzlichen Dank für die Auseinandersetzung mit meinem Beitrag. Offensichtlich habe ich zwei Fehler gemacht: Erstens wurde die eigentliche Frage nicht hinreichend (aber notwendig ist sie schon) präzise formuliert, zweitens ist die selektive Wahrnehmung der Communtiy falsch eingeschätzt worden. Die Hitlisten von home made Bibliotheken sind interessant, aber gefragt sind die Top Ten der Menschheit.

    Also: Denken sie in der Dimension des Raumes global. Das ist einfach.
    Weiter: Denken sie in der Zeit, auch nur eine Dimension. Wie sähen die Listen 1970, 2000, 2030 aus? Um zu erwartende Veränderungen zu exemplifizieren: Adam Ries wurde durch sein Lehrbuch 'Rechnung auff der Linihen und Federn', das bis ins 17. Jahrhundert mindestens 120-mal aufgelegt wurde (nach Wikipedia, Adam Ries). Hätten die für die Ausbildung der jungen Erdenwürmlinge zuständigen Menschen über die Jahrhunderte die Qualität dieses Werkes verbessert, im Sinne von Qualitätsmanagement von W i s s e n und K ö n n e n, hätten wir ein gutes Mathebuch in der etwa 250. Auflage. Und nicht nur Mathematik-Didaktik in Hinterzimmern betrieben hätte einen ganz anderen Wert.

    Eine Frage sei kurz beantwortet: Bücher sind - zur Zeit noch die einzige Möglichkeit - Wissen in großem Umfang an die nächste Generation weiter zu geben. Wäre doch schön, mal in Alexandria durch die Top Ten zu stöbern.

    Lassen sie uns dann allgemeiner denken: Bücher sind das Wissen (salopp formuliert). U.a. Konfuzius wird zugeschrieben: Sage es mir, und ich vergesse es; zeige es mir, und ich werde mich erinnern; laß es mich tun, und ich behalte es. Wissen ist nur das Werkzeug zum Können. Oder: A fool with a tool is still a fool.

    In diesem Sinne! Danke für das Lesen, und wie man hier sagt: Eine gute Zeit.

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  • Lara Hitzmann

    Lieber Herr Paschenda,
    vielen Dank für Ihren sehr interessanten Denkanstoß. Auch ich habe mich dabei ertappt, im Kopf schon meine Top Ten zusammenzustellen und bemerkt, dass diese fast ausschließlich aus meinem eigenen Fachbereich stammten - das Kind wäre also verloren gewesen, wüsste es so nichts über Wirtschaft, Philosophie oder den Naturwissenschaften.
    Auch für mich stehen Bücher für Wissen, aber die meisten Bücher sind doch nur Meinungen, die durch mehr oder minder nachweisbare Fakten belegt werden. Ich stimme daher Herrn Knoll zu, dass es eher Menschen sind, die uns prägen und uns bilden, ihr "Wissen" weitergeben. Hätten wir ein Kind und es würde nur durch die 10 Bücher Liebe, Hoffnung und Zuversicht erhalten, so würde es nicht überleben.

    Passend dazu ist mir aufgefallen, dass viele der vorgeschlagenen Bücher den Intellekt zwar erweitern, aber sind es nicht Selbstsicherheit, Liebe und Zuversicht, die uns in dieser Welt, in dieser Gesellschaft, durchhalten lassen?
    Damit würde ich Ihnen, Herrn Knoll und Herrn Lupa zustimmen, dass Der Herr der Ringe sehr lehrreich wäre. So könnte das Kind etwas über Freundschaft usw. lernen. Folgendes Problem: Soweit ich mich entsinne, ist das Werk in einer Trilogie verfasst. Wir haben aber nur 10 Plätze. Welches sollten wir wählen?

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  • Marcin Lupa

    Da ich ein großer Fan von dem Kapitel über Tom Bombadil bin, würde ich den ersten Band, die Gefährten, wählen.

    Und es ist zutreffend, dass wir im Zuge unserer Entwicklung durch Menschen am stärksten geprägt werden, weniger stark durch Bücher. Allerdings lernt man mit zunehmenden Alter, dass Bücher stets gute Freunde sind und auch ein wenig vom Wesen des Autors, der sich mit einer bestimmten Thematik auseinandersetzt, transportieren. Da man sich, ich spreche besser für mich selbst, also da ich mir meine Freunde nicht mehr so üppig aussuchen kann, ziehe ich es oft, nicht immer, die Bücher vor. Sie erscheinen mir verlässlicher, als manch ein Gesell.

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  • Lara Hitzmann

    Lieber Herr Lupa,
    Ihre Auswahl finde ich eben so gut wie Ihre Argumentation. Mir geht es ähnlich. Hier stehen wir wieder vor dem Problem, dass wenn wir uns 10 Menschen aussuchen könnten für unser Kind und diese 10 Menschen hätten keine Bildung, würde das Kind irgendwann auf der Stelle treten. Aber eine beispielsweise philosophische Diskussion ist mit einem Menschen leichter möglich als mit einem Buch, wobei ich keine Diskussion über den Wert eines Buches im Vergleich zu dem Wert eines Menschen beginnen wollte.

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  • Klaus Paschenda

    Nachtrag: Auf die Notwendigkeit der Kommunikation mit Menschen wurde durch das Konfuzius-Zitat hingewiesen. - pas

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