Wer sind die "Tehran Children": Mikhal Dekel im Gespräch mit Daniel Zimmermann

Daniel Zimmermann • 23 Dezember 2020

D. Zimmermann: Liebe Frau Professorin Dekel, „Tehran Children“ scheint in den USA ein feststehender Begriff zu sein. In der digitalen Enzyklopädie des USHMM, des United States Holocaust Memorial and Museum (encyclopedia.ushmm.org/en) kann man sich darüber gut informieren. In Deutschland, ist diese Bezeichnung fast vollkommen unbekannt. Wer waren die Teheran-Kinder?

M. Dekel: Eigentlich ist "Teheran Children" in den USA überhaupt kein feststehender Begriff, nicht einmal bei amerikanischen Juden und Holocaust-Überlebenden und ihren Familien. Jeden Tag erhalte ich E-Mails von Menschen, die zum ersten Mal von der Geschichte meines Buches lesen, bekomme Post von Menschen, die glauben, alles über den Holocaust gelesen zu haben, von dieser Geschichte aber nichts wussten. Ja, das USHMM hat dazu Informationen auf seiner Website, aber das Schicksal der Teheran-Kinder wird nicht als Teil der Dauerausstellung des Museums erzählt und ist nicht Teil der umfangreichen Holocaust-Geschichte. Die Teheran-Kinder tauchen bei keinen Gedenkveranstaltungen auf und wurden bisher kaum erforscht. Die Geschichte ist nur in Israel teilweise bekannt, wo die meisten der Teheran-Kinder lebten, aber selbst dort wird sie oft missverstanden.

Die Teheran-Kinder waren eine Gruppe von fast 900 polnisch-jüdischen Kinderflüchtlingen, die während des Zweiten Weltkriegs in den Iran und später in das britisch kontrollierte Palästina evakuiert wurden, wo sie in Kibbuzim (Kollektivsiedlungen), religiösen Einrichtungen und Pflegefamilien aufwuchsen. Sie waren ein kleiner Bruchteil einer viel größeren Gruppe von in Polen geborenen Juden - etwa eine Viertel Million -, die die Vernichtung durch die Nazis in den Weiten Russlands, in Zentralasien, im Iran, in Indien, im Libanon und auch in Ostafrika überlebten. In meinem Buch erzähle ich nicht nur die Geschichte meines Vaters und der Teheran-Kinder, sondern auch die dieser Viertelmillion. Es ist absolut erstaunlich, dass die Geschichte so vieler Überlebender weitgehend unerforscht und ungeklärt geblieben war.

D. Zimmermann: Sie wurden in Haifa geboren, als Israelin und Tochter eines israelischen Luftwaffenoffiziers. Bis zum Tod Ihres Vaters wussten Sie nur, dass er in Polen als Hannan Teitel geboren wurde. Wann begann Ihnen klar zu werden, welch ungeheure Odyssee Ihr Vater als kleines Kind mitgemacht hatte?

M. Dekel: Als ich in Israel aufwuchs, wusste ich, dass mein Vater in Polen geboren worden war. Aber Polen hätte für mich auch der Mond bedeuten können, und das vor-israelische Leben meines Vaters war wie ein alter Mythos, zu dem ich keine lebendige Verbindung hatte. Mir wurde erst klar, was für eine globale Odyssee mein Vater überlebt hatte, als ich um 2007 mit der Recherche für dieses Buch begann. Ich wusste nur, dass er aus dem Iran in das Land Israel gebracht wurde, aber ich wusste nichts darüber, was vor dieser Etappe der Flucht geschah. Bis dahin betrachtete ich meinen Vater als Glückspilz, dass er kein "echter Überlebender" war. Das Grauen und die Länge seines Martyriums wurden mir erst bewusst, als ich begann, es bis ins kleinste Detail zu recherchieren.

D. Zimmermann: Wir wollen hier nicht zu viel von Ihrem Buch erzählen. Aber nach einer extrem strapaziösen Irrfahrt von 13.000 Meilen kam Ihr Vater schließlich in Palästina an. Von dieser Ankunft gibt es ein besonderes Dokument. Wie haben Sei es gefunden?

M. Dekel: In Palästina legten mein Vater und andere meist ältere Teheran-Kinder - er war 15 Jahre alt, als er ankam – Zeugnis ab vor dem Polnischen Informationszentrum in Jerusalem, wenn man so will eine Art Propaganda-Arm der polnischen Exilregierung. Sie erzählten ihre Geschichte, und diese wurde dokumentiert. Ich wusste, dass auch mein Vater interviewt worden war, weil sein Name auf einer Liste von Zeugen stand, aber jahrelang konnte ich seine Aussage nicht finden. Ich suchte (zweimal) am Hoover-Institut der Stanford-Universität, wo die meisten Zeugenaussagen aufbewahrt wurden, aber ich konnte seine Aussage nicht finden. Dann war ich eines Tages schockiert, als ich das Zeugnis meines Vaters von einem Moderator auf einer Konferenz im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema "Kriegszeugnisse von Kindern" verlesen hörte. Es stellte sich heraus, dass seine und einige andere Zeugenaussagen in jiddischer und nicht in polnischer Sprache abgefasst waren und deshalb in einem hassidischen Archiv in Bnei Brak, Israel, aufbewahrt wurden. Ich schrieb sofort an das Hassidische Archiv, und am selben Abend wurde es mir per E-Mail zugeschickt.

D. Zimmermann: Warum, meinen Sie, hat Ihr Vater nie davon erzählt? Wusste Ihre Mutter von seinem frühen Leben?

M. Dekel: Es gab einige Gründe: Erstens war er ein sehr zurückhaltender, geradezu schüchterner Mensch. Zweitens glaube ich, dass er uns schützen wollte, damit mein Bruder, meine Schwester und ich ohne die Last seiner Vergangenheit aufwachsen konnten. Das war sehr typisch für Israel, als ich dort in den 1970er und 80er Jahren aufgewachsen bin. In gewisser Weise hatte er keine Geschichte, denn seine Erfahrung - und die von Hunderttausenden – waren nicht Teil der großen Holocaust-Erzählung. Er wurde nie zu Gedenkfeiern eingeladen. Er erhielt nie eine Wiedergutmachung. Es gab also nicht einmal einen Kontext, in dem diese Geschichte erzählt werden konnte. Mein Vater mag sogar das Gefühl gehabt haben, dass er "kein Recht" hatte, über seine Geschichte zu sprechen, wo doch so viele andere in Konzentrationslagern ermordet oder gequält wurden.

D. Zimmermann: Die Rekonstruktion der Odyssee Ihres Vaters war auch für Sie ir vielen Reisen verbunden. Wo haben Sie nach Spuren dieser Geschichte gesucht?

M. Dekel: Ich reiste nach Polen (zweimal), nach Sibirien, Usbekistan und Israel. Ein Kollege reiste in den Iran. Dorthin kann ich als israelischer Staatsbürger nicht fahren. In diesen Ländern besuchte ich die Orte, an denen mein Vater und andere Flüchtlinge gewesen waren, ich interviewte Einheimische und rekonstruierte Szenen seiner Reise. Ich sprach auch mit Überlebenden Theran-Children, die sich zumeist in Israel aufhalten. Und ich besuchte auch viele Archive in diesen Ländern sowie in England und den Vereinigten Staaten. Jedes Archiv - polnisch, russisch, persisch, israelisch, amerikanisch - erzählte die Geschichte aus einem anderen nationalen Blickwinkel. Ich las diese unterschiedlichen Darstellungen zusammen und wieder gegeneinander, um die Teile des Puzzles zusammenzusetzen. Manchmal, wenn ich nicht zwischen ihnen vermitteln konnte, erzähle ich die Geschichte in meinem Buch aus verschiedenen Perspektiven.

D. Zimmermann: Die Geschichte Ihres Vaters ist die von deutschen Tätern und von Russen, die den jüdischen Flüchtlingen ablehnend gegenüberstehen, von polnischen Rote-Kreuz-Unterstützern, von Briten (die damals noch Persien verwalteten), Iranern und Juden überall in der Diaspora des Nahen Osten. In der Geschichte des kleinen Jungen Hannan steckt wie in einem Nusskern fast das ganze Drama des 20. Jahrhunderts. Wenn Sie auf unsere heutige Zeit schauen: Was haben Sie aus der Geschichte Ihres Vaters gelernt?

M. Dekel: Sie haben völlig Recht: Dies ist eine globale Geschichte des Holocaust, eine ganz andere Geschichte, als wir es gewohnt sind zu hören. Ein Grund, warum es so viel Mühe kostete, diese globale Natur aufzudecken, ist, dass Geschichte heute von Nationalstaaten erzählt wird. Mein Buch ist somit auch der Versuch, eine neue Art der Memoir an den Zweiten Weltkrieg zu schreiben. Ich wollte nicht nur über das Überleben meines Vaters als Individuum schreiben. Ich wollte in diese Geschichte die Kräfte mit einbeziehen, die sein Schicksal geprägt haben, das "gesamte Drama des 20. Jahrhunderts", wie Sie es nennen.

Ich habe gelernt, dass Identitäten weitgehend willkürlich sind: Obwohl mein Vater nach Palästina evakuiert wurde und Israeli wurde, hätte er, wie viele andere auch, theoretisch an jedem der Orte bleiben können, durch die er kam. Ich habe gelernt, dass in einer Flüchtlingskrise Diplomatie, Pragmatismus und gemeinsame Interessen einen weiten Weg zurücklegen, um selbst verfeindete Parteien zur Zusammenarbeit zu bewegen. Ich erfuhr von einer Welt, die ein Spiegelbild der heutigen Welt ist, von Europäern, die im Nahen Osten Zuflucht fanden, von iranischen Juden, die polnischen Juden halfen, von christlichen Polen, die von den Juden Palästinas aufgenommen wurden usw. Ich erfuhr auch von der Nächstenliebe - dem Einfallsreichtum der jüdischen Hilfsorganisationen in Amerika und Palästina - aber auch von der Nächstenliebe der einfachen Leute. Ich erfuhr von der Beharrlichkeit der Menschen und insbesondere der Kinder. Und ich erfuhr, wer mein etwas rätselhafter Vater war. Es dauerte ein Jahrzehnt, aber ich bekam eine historische Antwort auf diese psychologische Frage.

D. Zimmermann: Haben Sie ein frühes Foto Ihres Vaters als Kind? Würden Sie uns dieses zeigen?

1M. Dekel: Gerne! Auf dem Foto sehen Sie von links nach rechts: Meinen Großvater Zindel Teitel, der in einem DP-Lager [Einrichtungen zur vorübergehenden Unterbringung von Displaced Persons] in München starb, die Schwester meines Vaters Regina, dann meinen Vater Hannan und ihr Onkel Icok Teitel (der höchstwahrscheinlich in Treblinka starb).

D. Zimmermann: Liebe Frau Dekel: Ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch! Und wünsche, dass in Zukunft Theran-Children zu einem feststehenden Begriff wird – in Amerika, Deutschland, und am besten auch in Russland und im Iran …


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Mikhal Dekel ist Professorin für Englische und Vergleichende Literaturwissenschaft am City College und am Graduate Center der City University of New York. Sie wurde in Haifa, Israel, als Tochter eines Holocaust-Flüchtlings und einer Israeli geboren, absolvierte ihren obligatorischen siebenjährigen Militärdienst, bevor sie nach New York auswanderte und Literaturwissenschaften studierte.

 

 

 


3Daniel Zimmermann lebt in Mainz und ist Programmmanager im wbg-Lektorat Geschichte. Dort ist er zuständig für die Programme wbg Theiss, wbg Edition, wbg Academic und wbg Zabern.

 

 

 

 

 


6Die Kinder von Teheran

Eine lange Flucht vor dem Holocaust

Beschreibung

„Tehran Children“ - so nannte man die jüdischen Kinder, die aus dem von den Nazis besetzten Polen über Russland, Usbekistan und Khasachstan in den Iran flohen und schließlich das von Großbritannien kontrollierte Palästina erreichten; eine Gruppe, zu der auch Mikhal Dekels Vater gehörte. 13.000 Meilen lang ist die Flucht des kleinen Jungen aus Polen. Und sie gehört zu einer viel größeren Geschichte: Weit über eine Million polnische Juden fliehen 1939 Richtung Osten durch die Sowjetunion. Viele finden Zuflucht in muslimischen Ländern. Dieser Aspekt der Judenverfolgung - die außergewöhnliche Geschichte von zwei Dritteln aller polnisch-jüdischen Überlebenden - ist bisher nie vollständig erzählt worden.

Kommentare (1)

Marcin Lupa

Frau Mikhal Dekel ist eine sehr interessante Persönlichkeit. Ich versuche mir die Zeit zu nehmen, ihr Buch zu lesen.
Die Geschichte von Flüchtlingen wiederholt sich. Es gibt unterschiedliche Gründe für die Flucht. Unterschiedliche Fluchtursachen.

Dass Polen im zweiten Weltkrieg den Auszug von Millionen von jüdischen Flüchtlingen unterstütz hat, ist löblich.
Dass 900 von ihnen Kinder waren und über Umwege eine neue Heimat in Palästina finden mußten ist erschreckend; zugleich erbaulich ist die Tatsache, dass sie es konnten. Gut, dass Nächstenliebe und Empathie, vielleicht sogar Mitleid hier siegreich waren. Selten, dass Sie in unserer Welt konsequent ausgelebt werden.

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