Roger Crowley: Der Fall von Akkon

Thorsten Jacob • 14 Mai 2020

ARTK_C2D_1024737_0001.jpgRoger Crowley

Der Fall von Akkon

Der letzte Kampf um das Heilige Land


Beschreibung

Am 18. Mai 1291 fällt die Hafenstadt Akkon, die letzte Bastion der Kreuzritter im Heiligen Land. Es ist das Ende des zweihundertjährigen Abenteuers der Christenheit. Der Traum von einem Königreich Jerusalem unter christlicher Herrschaft stirbt in den Ruinen von Akkon.

Wie kommt es zu diesem Untergang? Roger Crowley erzählt die wechselvolle Geschichte der Kreuzzüge im 13. Jahrhundert bis zu der Belagerung von Akkon. Der Kampf um die Stadt ist episch, Riesenkatapulte eröffnen die schwerste Bombardierung vor dem Zeitalter des Schießpulvers. Die muslimischen Belagerer unterminieren mit Tunneln die Mauern der Stadt. Das griechische Feuer verbrennt die Menschen bei lebendigem Leib. Die Verteidiger revanchieren sich mit verzweifelter Gegenwehr. Der Kampf um die Stadt wird bis zum letzten Mann und dem letzten Turm geführt. Mitreißend erzählt Crowley die Geschichte von beiden Seiten, basierend vielfach auf Augenzeugenberichten, einschließlich bislang unübersetzter arabischer Berichte.

Aus dem Engl. von Norbert Juraschitz. 2020. Etwa 304 S. mit 35 s/w Abb., 16 Farbtafeln und 2 Kt., Zeittafel, Bibliogr. und Reg., 14,5 x 21,7 cm, geb. mit SU. wbg Theiss, Darmstadt.


Autorenportrait

CONT_WAU_U0008351_0001.jpgRoger Crowley hat am Emmanuel College, Cambridge, Englische Literatur unterrichtet. Dem Mittelmeer und der Geschichte seiner Anrainer galt früh sein Interesse. In der mediterranen Welt ist er zuhause, er hat auf Malta und in Istanbul gelebt. Heute wohnt er mit Familie in Gloucestershire, England und arbeitet als freier Sachbuchautor. Seine Bücher sind vielfach ausgezeichnet, u. a. als New York Times Bestseller.


Pressestimmen

»Roger Crowley vermag uns in einen Zustand zu versetzen, wo man ein Buch nicht mehr weglegen kann, sondern es auf der Stelle unbedingt zu Ende lesen muss, weil man sonst vor Neugier platzt!« Denis Scheck, druckfrisch zu „1493“

»Eine hervorragend ausgearbeitete Studie des Falls von Akkon … anhand einer Fülle von Primärquellen, darunter mehrere bislang wenig genutzte Schilderungen … schreibt Crowley fachkundig und feinsinnig.« Peter Frankopan, Financial Times

»Crowley liefert eine flotte, geschickt gewobene Schilderung, die sich zu einem Crescendo steigert, das die Belagerung bis in die letzten entsetzlichen Details beschreibt.« Sophie Therese Ambler, BBC History Magazine

»Dieses Buch ist eine ausgezeichnete, umfassende Darstellung des Falls der letzten Kreuzritterfestung im Heiligen Land.« Alexander Stilwell, Catholic Herald


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Pilgerweg durch das Heilige Land mit Darstellung der Stadt Akkon (Mitte). Buchmalerei, um 1250/59 aus: Matthew Paris, Historia Anglorum. akg-images / British Library

 

Am 18. Mai 1291 fiel die Stadt Akkon, die letzte Bastion der Kreuzritter im Heiligen Land, nach langer Belagerung durch die Armee der Mamluken. Es war das effektive Ende des zweihundertjährigen Abenteuers der Christenheit in Outremer - die Geschichte der Kreuzzüge im Heiligen Land war damit beendet.

Die Hafenstadt Akkon liegt im Golf von Haifa im Norden Israels, heute zählt die Stadt 49 000 Einwohner, die Altstadt ist Weltkulturerbe, und viele Spuren zeugen noch von der Zeit der Kreuzzüge, u. a. die unterirdisch angelegte Kreuzfahrerstadt mit ihren Säulen und Gewölben. Östlich der Altstadt befand sich damals der vor dem offenen Meer geschützte Hafen; aufgrund der dem Meer abgewandten Lage des Hafens galt er als der einzige an der gesamten Levanteküste, an dem bei jedem Wetter Schiffe be- und entladen werden konnten; Akkon war daher für die Kreuzfahrer strategisch von großer Bedeutung: für den Nachschub an Männern und Material, aber eben auch als Umschlagplatz für den Handel. Nicht umsonst war die Stadt seit jeher umkämpft. 1104 durch die Kreuzfahrer erobert, wurde 1187 neben Jerusalem auch Akkon durch Sultan Saladin zurückerobert. Nach erbitterter Belagerung fiel die Stadt schließlich wieder an die Kreuzritter. Da Jerusalem in den Händen Saladins blieb, wurde Akkon nun Hauptstadt des Königreichs Jerusalem. Was für eine Stadt war Akkon?

Damit beginnt Roger Crowley seine Geschichte …


Leseprobe / Ausschnitt aus Kapitel 1

Das Zweite Königreich Jerusalem

1200–1249

Als der französische Geistliche Jacques de Vitry im November 1216 in Akkon an Land ging, um seinen Posten als Bischof anzutreten, war er entsetzt. Er war gekommen, um den geistlichen Eifer seiner christlichen Brüder und Schwestern im Vorfeld eines neuen Kreuzzugs wiederzubeleben, doch anstelle der frommen Stadt aus seiner Vorstellungswelt – das Tor zu dem Land, in dem Jesus gewandelt und gestorben war – traf er ein »Monster oder Ungeheuer an, mit neun Köpfen, die sich alle gegenseitig bekriegten«. Es gab hier abtrünnige christliche Sekten jeder Glaubensrichtung: Arabisch-sprechende Jakobiten (Westsyrer), die ihre Kinder »nach Art der Juden« beschnitten und sich mit nur einem Finger bekreuzigten; Syriaker im Osten Syriens, die er für »Verräter und sehr korrupt« hielt und von denen einige, als sie bestochen wurden, »den Sarazenen die Geheimnisse des christlichen Glaubens enthüllt hätten« und deren verheiratete Priester »ihr Haar nach der Art der Laien frisierten«. Unterdessen ignorierten die Gemeinschaften italienischer Kaufleute – Genueser, Pisaner und Venezianer – einfach seine Versuche, sie zu exkommunizieren, hörten selten, wenn überhaupt auf das Wort Gottes und »weigerten sich sogar, zu meiner Predigt zu kommen«. Ferner gab es noch die Nestorianer, die Georgier und die Armenier und die Pullaner (in Syrien geborene, orientalisierte Europäer), die sich »ganz den Vergnügungen des Fleisches hingaben«. Das ungewohnte Äußere der östlichen Christen – die Männer häufig mit dichtem Bart und wie Muslime gekleidet, die Frauen verschleiert – war für Jacques de Vitry zweifellos zusätzlich beunruhigend. Wenn er versuchte, ihre Irrtümer in der Glaubenslehre zu korrigieren, war er auf die Hilfe eines arabischen Übersetzers angewiesen. Vitry erlebte die gesamte Verwirrung einer Ankunft im Nahen Osten – in einer Stadt, deren Kirchen, Häuser, Türme und Paläste irritierend europäisch aussahen.

Nicht allein die abweichenden christlichen Bräuche ließen Vitry einen Kulturschock erleben. Es war auch der Ort selbst: »Als ich diese schreckliche Stadt betrat und sie voller unzähliger schändlicher Akte und böser Taten vorfand, war ich in meinem Kopf sehr verwirrt.« Er beschwor eine furchtbare Lasterhöhle voller Ausländer herauf, »die als Vogelfreie wegen verschiedener entsetzlicher Verbrechen aus ihrem eigenen Land geflohen waren«; wo die schwarze Magie praktiziert werde und Mord und Totschlag grassierten; wo »nicht nur Laien, sondern auch Kirchenmänner und manche Mitglieder des Regularklerus ihre Unterkünfte an öffentliche Prostituierte aus der ganzen Stadt vermieteten. Wer wäre imstande, all die Verbrechen dieses zweiten Babels aufzuzählen?«

Vitry mochte den Ruf Akkons als Sündenpfuhl übertrieben haben, doch dieses Gefühl der Verwirrung unter neu angekommenen Christen mit kreuzfahrerischem Eifer war ein immer wiederkehrendes Motiv – noch dazu eines, das 70 Jahre später tragische Konsequenzen haben sollte.

Nach dem Fall Jerusalems an Saladin und dem Scheitern Richards Löwenherz, die Stadt zurückzuerobern, waren die Kreuzritterstaaten auf drei kleine, miteinander verbundene Bollwerke geschrumpft, die sich an den Rand der Mittelmeerküste schmiegten: das Fürstentum Antiochia im Norden, die Grafschaft Tripolis und das sogenannte Zweite Königreich Jerusalem, ein langer, schmaler Küstenstreifen, der sich von Beirut bis nach Askalon und Jaffa im Süden über knapp 290 Kilometer erstreckte. Akkon wurde jetzt de facto die Hauptstadt und das politische Zentrum dieses verschobenen Heiligen Königreiches. Der Stadt wurde die gesamte weltliche und kirchliche Verwaltung übertragen: Akkon war der Sitz des Königshofes und der Burg der Könige von Jerusalem und später der Sitz des Patriarchen – des vom Papst ernannten Stellvertreters. Die mächtigen Ritterorden der Templer und Johanniter verlegten ihre Hauptquartiere ebenfalls nach Akkon, wo sie prächtige Paläste und Festungen errichteten. Die reichen Orden bildeten mittlerweile die schlagkräftigste Verteidigung des lateinischen Ostens. Anfang des 13. Jahrhunderts verdoppelten die Orden den Bau von Burgen und den Ausbau zu einer vorgeschobenen Verteidigungsstellung, um die Sicherheit der Straßen und den Schutz der verbliebenen Gebiete zu gewährleisten. In Akkon gesellte sich eine Reihe anderer, kleiner Orden zu ihnen – darunter die Ritter des Ordens des Heiligen Lazarus, der ursprünglich gegründet worden war, um sich um Leprakranke zu kümmern –, sowie neu gegründete Nachahmungen, von denen einige wie der Deutsche Orden und der englisch inspirierte Orden der Ritter des Heiligen Thomas von Canterbury aus dem Dritten Kreuzzug hervorgegangen waren. Gleichzeitig verlegten viele religiöse Orden, die von Saladin vertrieben worden waren oder sich unsicher fühlten, ihre Kirchen, Männer- und Frauenklöster nach Akkon.

Jacques de Vitry war in eine bunte, ethnisch diverse und wimmelnde Hafenstadt am Mittelmeer geraten. Akkon war ein Handelsplatz für den Austausch von Waren über ein riesiges Gebiet, eine kosmopolitische Stadt in der mittelalterlichen Welt. Die Stadt war ein multilinguales Tohuwabohu aus Menschen und Kulturen, jeweils mit eigenen Vierteln und religiösen Einrichtungen. Unter den 81 Kirchen war eine der Heiligen Bridget von Kildare in Irland geweiht; eine andere dem heiligen Martin der Bretonen; und wieder eine andere dem heiligen Jakob der Iberischen Halbinsel. Die Kaufmannsgilden der italienischen Stadtrepubliken – Genua, Venedig und Pisa – nahmen eine prominente Stellung ein und wetteiferten neben Händlern aus Marseille und Katalonien um die Märkte am Mittelmeer. Vielen Händlergemeinschaften war vom König eine eigene Rechtsprechung und kommerzielle Unabhängigkeit gewährt worden. Ferner gab es eine kleine jüdische Gemeinde, Kopten aus Ägypten. Muslimische Kaufleute aus Damaskus, Antiochia und Alexandria kamen hierher, um Geschäfte zu machen. Die Hauptverkehrssprache war Französisch, aber Deutsch, Katalanisch, Okzitanisch, Italienisch und Englisch waren ebenfalls in den Straßen zu hören, vermischten sich mit den Sprachen der Levante. Im Frühjahr und Herbst, bei der Ankunft der Handelsschiffe aus dem Westen, war der Hafen von Schiffen überfüllt, und die Zahl der Menschen in der Stadt schwoll zusätzlich durch das Eintreffen von bis zu 10 000 Pilgern auf dem Weg zu den heiligen Stätten an. Schlepper, Führer und die Wirte von Gasthäusern profitierten von diesen Besucherströmen. Als die Weiterreise nach Jerusalem wegen der unsicheren Lage des palästinensischen Hinterlandes zu gefährlich war, wurde Akkon, obwohl es keinerlei Verbindung zum Leben Jesu hatte, selbst zu einem Pilgerort. Unter der Führung einheimischer Geistlicher bot Akkon einen Rundgang durch 40 Kirchen zur Besichtigung an, jede mit eigenen Reliquien und heiligen Souvenirs, wo Pilger die vom Papst gewährte Vergebung der Sünden erlangen konnten.

Von Flüchtlingen aus ganz Palästina und der Anziehungskraft für europäische Händler und Pilger aufgebläht, erlebte die Stadt Akkon zu Beginn des 13. Jahrhunderts einen regelrechten Boom. Als wichtige Hafenstadt der lateinischen Levante trieb sie nicht nur mit dem westlichen Mittelmeer Handel, sondern war auch für den ganzen östlichen Mittelmeerraum eine Achse des Warenaustauschs vom Schwarzen Meer und Konstantinopel bis nach Ägypten weit im Süden. Damit ging eine stillschweigende Einigung mit der islamischen Welt einher, außerdem wurde den Schranken des Glaubens wenig Beachtung geschenkt – sehr zum Missfallen des Papstes. Akkon nutzte das Währungssystem der muslimischen Nachbarn. Die Stadt prägte Gold- und Silberimitate der Münzen der Fatimiden und Aijubiden, samt arabischen Inschriften. Als der Papst 1250 die Verwendung islamischer Inschriften und Datierungen verbot, ersetzte die Münze einfach die Wörter auf der Prägung durch christliche – allerdings immer noch in arabischer Schrift und mit zusätzlichen Kreuzen. Aufgrund der gegenseitigen Abhängigkeit der christlichen und muslimischen Händler hatte keiner ein großes Interesse daran, den Status quo zu ändern.

Im Laufe des 13. Jahrhunderts überholte Akkon sogar Alexandria, was die Menge und die Vielfalt der Waren anging, die ihren Hafen durchliefen. Der Earl von Cornwall, der Anfang der 1240er-Jahre hierherkam, schätzte, dass die Stadt jährlich 50 000 Pfund einnahm, eine Summe, die den Einnahmen von Königen in Westeuropa entsprach. Textilien wie Seide, Leinen und Baumwolle kamen entweder als Rohstoff oder als fertige Stoffe aus der islamischen Welt nach Europa, dazu Glaswaren, Zucker und Edelsteine. In die andere Richtung strömte europäische Wolle, die lateinische Kaufleute in das muslimische Damaskus zum Handeln brachten, dazu Eisenwaren und Lebensmittel (Gewürze, Salz, Fisch), Kriegspferde und verschiedene andere Artikel, die zur Unterstützung der Kreuzritter nötig waren. Töpferwaren gelangten als Ballast in den Laderäumen europäischer Schiffe nach Akkon, selbst aus dem fernen China. Tagtäglich passierten mit Vorräten beladene Kamele und Esel die Tore, die für die Ernährung der riesigen Bevölkerung unerlässlich waren: Wein aus Nazareth, Datteln aus dem Jordantal, Weizen, Obst und Gemüse, das einheimische östliche Christen und Muslime angebaut hatten. Die Stadt war auch ein Industriezentrum: Die Templer und die Johanniter stellten in ihren eigenen Mühlen und Öfen außerhalb der Stadt Glas her und raffinierten Zucker, in den dicht gefüllten, überdachten Märkten gab es Werkstätten, die sich auf die Herstellung von Glas-, Metall- und Keramikwaren sowie Souvenirs für Pilger spezialisiert hatten, dazu Gerber und Seifenmacher.

Wenn ein Papst nach dem anderen über die Münzprägung nach islamischer Art in Akkon schockiert war, so bereitete ihnen ein anderer höchst profitabler Handel noch größeres Kopfzerbrechen: Ein großer Teil der an die Aijubiden-Sultane in Kairo verkauften Kriegsmaterialien – Holz und Eisen für den Schiffsbau, Waffen und Kriegsmaschinen, und Naphtha für Brandwaffen – lief über Akkon durch die Hände italienischer Kaufleute. Noch bedeutender für den Heiligen Stuhl war der Menschenhandel. Türkische Militärsklaven aus den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres kamen auf byzantinischen oder italienischen Schiffen über Konstantinopel; Akkon war sowohl eine Zwischenstation als auch ein Sklavenmarkt. Wiederholte päpstliche Banne wurden regelmäßig missachtet. Im Jahr 1246 warf Papst Innozenz IV. allen drei italienischen Kaufmannsgilden in der Stadt vor, sie würden Sklaven aus Konstantinopel transportieren, die anschließend nach Ägypten gebracht würden, um die Heere des Sultans zu vergrößern. Die Beschleunigung dieses Handels seit den 1260er-Jahren sollte für die Rumpfstaaten der Kreuzritter unbeabsichtigte Konsequenzen haben: Akkon war dazu verdammt, von Armeen belagert zu werden, die über den eigenen Hafen rekrutiert worden waren.

Die Stadt diente auch als eine Art Strafkolonie: Die Gerichte in Europa wandelten Urteile in Strafprozessen gelegentlich dahingehend um, dass die Angeklagten zur Besiedelung ins Heilige Land geschickt wurden. Unter der lediglich nominellen Autorität des meistenteils abwesenden Königs von Jerusalem – ein Titel, der im ganzen 13. Jahrhundert zu endloser Zersplitterung und inneren Grabenkämpfen führen sollte – bestand Akkon aus einem bunten Haufen verschiedener und weitgehend unabhängiger Interessengruppen, die sich um Eigentumsrechte und den Zugang zum Hafen stritten. Gemeinschaften innerhalb der Stadt besaßen ihre eigenen historischen Privilegien, häufig ihre eigene Rechtsprechung und ein großes Maß an Autonomie. Die rivalisierenden Ritterorden, die nur dem Papst unterstanden, bildeten den reichsten und militärisch gesehen effektivsten Sektor der Gemeinschaft – wobei die Templer und die Johanniter, die mit ihren riesigen Palästen und befestigten Anlagen große Teile Akkons einnahmen, am stärksten ins Auge fielen.

Der Plan der Stadt spiegelte die enge Nähe der unzähligen verschiedenen Fraktionen und religiösen Gemeinschaften zueinander wider. Akkon hatte ein dicht besiedeltes Stadtzentrum, in dem die Händlergruppen in eigenen, stark bevölkerten Vierteln lebten. Sie ähnelten in gewisser Weise winzigen, befestigten italienischen Städten: gegen die Nachbarn abgegrenzt, durch Tore und Wachtürme geschützt und mit Lagerhäusern, Geschäften und Wohnsitzen im Innern. Ein Geflecht enger, verwinkelter Straßen (vermutlich ein Überbleibsel eines älteren, arabischen Entwurfs) führte zu kleinen Marktplätzen, den Zentren jeder Gemeinschaft mit einer eigenen Kirche, Ordenshäusern und Einrichtungen. Im Umfeld des Hafens, wo die Waren ausgeladen wurden, war die Aktivität am dichtesten. 

Als die Kreuzritter 1191 Akkon zurückeroberten, war die Stadt nur von einer Mauer umgeben, der Verfluchte Turm war eingestürzt und die Abschnitte in seiner unmittelbaren Nachbarschaft schwer beschädigt. Richard Löwenherz ließ Reparaturen ausführen, doch im Jahr 1202 wurden beträchtliche Teile erneut in Schutt und Asche gelegt, diesmal allerdings durch ein Erdbeben. Offenbar folgte darauf eine konzertierte Wiederaufbauaktion, weil nur ein Jahrzehnt später die Mauern wieder standen. Nunmehr bildete die Mauer eine beeindruckende Verteidigungslinie: über eine Meile lang umschloss sie die ganze Stadt von Küste zu Küste. Wilbrand von Oldenburg, der 1211 als Vorbereitung eines neuen Kreuzzugs zu einer Erkundungsmission kam, war von der Stadt und ihren Verteidigungsanlagen beeindruckt:

„Dies ist eine tüchtige, starke Stadt am Meeresufer, und zwar so gelegen, dass, während sie selbst ihrem Umfange nach ein Viereck bildet, zwei ihrer Seiten in Form eines Winkels vom Meere umgeben und geschützt sind. Die beiden anderen Seiten werden von einem tüchtigen, breiten und tiefen Graben, welcher von Grund auf ausgemauert ist, und außerdem von einer mit Thürmen versehenen Doppelmauer in schöner Anordnung begränzt. Diese Mauern sind so gebaut, dass die erste samt ihren Thürmen, welche aus der Mauer nicht hervorragen, von der zweiten, inneren Mauer, deren Thürme hoch und sehr fest sind, überschaut und gedeckt wird. Die Stadt hat einen guten, sicheren Hafen, den ein schöner Thurm schützt, in welchem einst von den irrgläubigen Heiden der Gott der Fliegen, welchen wir Baalzebub nennen, sie aber hießen ihn Accaron, verehrt wurde, woher die Stadt auch selbst Karon oder Akaron genannt wurde.2

 

1. Jacques de Vitry, S. 77-97.
2. Wilbrands von Oldenburg Reise nach Palästina und Kleinasien, S. 42; vgl. Pringle (2012), S. 62f.

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